Digitalisierung

Wie mit Musik Geld verdient wird

Der technologische Wandel, gesellschaftliche Entwicklungen und politische Vorgaben zur Seuchenbekämpfung verändern die Art, wie mit Musik Geld verdient wird.
Bruce Springsteen wird 70
Foto: dpa | Der „Boss“ jubelt: Vor kurzem verkaufte Bruce Springsteen seine Musikrechte. Der Lohn: 500 Millionen US-Dollar.

Auch Künstler müssen von etwas leben. Manch einem scheint dieser Sachverhalt nicht klar zu sein. Künstler, also auch Musiker, haben in der Regel kein festes Einkommen. Wer von seiner Kunst lebt, ist von der Gesellschaft freigestellt, um Kunst zu machen. Das bedeutet, dass es zahlungskräftige und zahlungswillige Menschen gibt, die Geld für Musik geben. Das trifft den Strassenmusiker ebenso wie den Superstar.

Während das Geschäftsmodell des Strassenmusikers recht simpel ist (Geld für Musik im Moment des Musizierens), verschiebt sich der zeitliche Abstand vom Musizieren zu verdienen umso mehr, je komplexer die Geschäftsmodelle werden. Dabei war der Plattenverkauf noch recht überschaubar. Für eine Platte, die über den Ladentisch ging, erhielt der Künstler einen Anteil am Verkaufspreis.

Ein Künstlerdasein ist und war selten ein Zuckerschlecken

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Erstaunlicherweise müssen ausgerechnet die Beatles hier immer wieder als ebenso berühmtes wie auch abschreckendes Beispiel herhalten. Für eine verkaufte Platte bekamen die vier Pilzköpfe aus Liverpool genau einen Penny, der dann noch durch vier geteilt werden musste. Auch wenn John Lennon annahm, die Beatles seien bekannter als Jesus, so stellte er zu Recht fest, dass sich das nicht in klingender Münze auszahlte. Am Ende trug der – verhältnismäßig – miserable Verdienst gar mit zum Ende der Beatles bei.

Waren die Beatles noch recht naiv, was das Thema Musikrechte anbetrifft, hat sich dies geändert. Prekäre Verhältnisse sind heute eher die Ausnahme. Doch der Fall Britney Spears zeigt, dass sogar Weltstars in die Situation kommen können, über ihr Einkommen gar nicht verfügen zu können. Die Sängerin war für 13 Jahre unter Vormundschaft gestellt worden. Und der erste, der mit Popmusik ein Vermögen machte, war Michael Jackson. Bei seinem Tod wurde sein Musikkatalog bei Sony mit rund einer Milliarde Dollar bewertet. Allein im Jahr 1989 verdiente Jackson durch den Verkauf von Tonträgern 125 Millionen US-Dollar.

„Solche Erträge durch Tonträgerverkäufe, wie sie Jackson realisierte,
sind nicht mehr zu erzielen“

Erste Milliardärin im Musikbusiness wiederum wurde Rihanna. Laut dem Magazin „Forbes“ beläuft sich das Vermögen der Künstlerin auf 1,7 Milliarden Dollar. Das letzte Album der Sängerin erschien 2016. Tonträger produzieren und verkaufen, spielte für ihren wirtschaftlichen Erfolg nur eine geringe Rolle. Denn solche Erträge durch Tonträgerverkäufe, wie sie Jackson realisierte, sind nicht mehr zu erzielen. Der Musikmarkt hat sich durch den technologischen Wandel massiv verändert. Streamingdienste haben den Plattenladen verdrängt. Musik hat heute jeder auf seinem Smartphone und seinem Desktop.

Dass Musik eines Tages so allgegenwärtig wie Strom und Wasser aus der Wand kommen werde, ahnte der Musiker David Bowie als einer der ersten. Bowie ging vor 25 Jahren mit seinen Musikrechten an die Börse und sammelte für die „Bowie-Bonds“ 55 Millionen Dollar ein. Der Musiker sah bereits 1997 die Entwicklung am Musikmarkt voraus. Aus der Technologie- Schmiede Fraunhofer-Institut kam damals das neue mp3-Format, mit dem Musik auf erträgliche Größe für Speicher und Transfer im Internet komprimiert werden konnte. Die Tauschbörsen für Musik sprossen damals wie Pilze aus dem Boden. Im Jahr 2001 stellte Apple seinen ersten iPod vor, der 5GB Musik speichern konnte. Bowie ahnte zu Recht, dass der Tonträgerverkauf künftig nicht mehr den Lebensunterhalt von Musikern sichern könnte.

Panischer Ausverkauf

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Im vergangenen Jahr schließlich machten Rechteverkäufe von Weltstars Schlagzeilen. Denn viele Künstler verkaufen: Tina Turner, Paul Simon, die Red Hot Chili Peppers, Neil Young, ZZ Top, Stevie Nicks von Fleetwood Mac und Barry Manilow sowie das Blondie-Paar Debbie Harry und Chris Stein. Es ist die Rede von Panik am Musikmarkt. Denn durch den weitestgehenden Wegfall von Tonträgerverkäufen war das Konzert wieder zum musikalischen Kerngeschäft geworden. Doch Corona machte dies wiederum zunichte.

In der Tat stellen ausfallende Konzerte Künstler vor unlösbare Probleme. Vor einem Jahr twitterte David Crosby (Crosby, Stills and Nash): „Ich kann nicht mehr arbeiten. Und Streaming stiehlt mir das, was ich mit Platten sonst verdient hätte.“ Den Verkauf seiner Musikrechte sah der Künstler als einzige Option. Doch sowohl Firmen als auch Investoren geben viel Geld für diese Rechte aus. Damit dürfte klar sein, dass man sich vom Musikmarkt in den kommenden Jahren hohe Erträge verspricht. Der Geldmarkt ist von den Zentralbanken geflutet, also ist das Geld für diese Megadeals vorhanden.

Kluge Reaktion auf die Entwicklungen

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„Der Boss macht Kasse“, so könnte man beispielsweise den Rechteverkauf von Bruce Springsteen überschreiben. Die Rocklegende verkaufte die Rechte an seinen Songs für rund 500 Millionen Dollar an Sony. Das ist der größte Deal eines einzelnen Künstlers bislang. Damit gingen die Rechte an dem Musikkatalog des Künstlers als auch sein Werk als Songwriter an den Musikkonzern.

Mit dem technologischen Wandel erschließen sich sogar noch weitere Einnahmequellen. Denn wo die Rechte für die Ausspielung auf Streamingportalen nicht mitverkauft sind, haben Künstler weitere Optionen, Kasse zu machen. Pink Floyd hatte sich damit in einem Rechtsstreit im Jahr 2011 durchsetzen können. Hinzu kommt, dass sich im Bereich der Rock- und Popmusik eine Art „neue Klassik“ herausgebildet hat. Die „großen Alten“, die jetzt für ihren Lebensabend Kasse gemacht und sich ihre Rente eingesteckt haben, haben einen wesentlichen Vorteil. Ihre Klassiker dominieren nicht nur das Radio, sondern auch die Charts der Streamingportale. Playlists mit 70er-, 80er- oder 90er-Hits gibt es zuhauf. Hier zeigt sich, dass die Firmen und Investoren, die für viel Geld Rechte an alten Aufnahmen aufkaufen, zu Recht mit massiven Einnahmen rechnen.

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