Judenhass

Marx und Wagner weisen dunkle Parallelen auf

Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt derzeit Ausstellungen über Karl Marx und Richard Wagner – und setzt sich dabei auch mit deren antisemitischen Äußerungen auseinander.
Wagner Manuskript
Foto: Nationalarchiv Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth. | Original-Manuskript „Das Judenthum in der Musik“ (1850), verfasst von Richard Wagner, der für manche Historiker einen archetypischen Antisemitismus seiner Zeit pflegte und für manche sogar als Wegbereiter der ...

Fast jeder kennt sie, fast jeder hat eine Meinung über sie: Karl Marx, Philosoph und Schriftsteller, Mitverfasser des Kommunistischen Manifests, und Richard Wagner, Komponist, Dramatiker und Theaterregisseur. Beide eint nicht nur das Todesjahr 1883, beide gelten bis heute als äußert streitbar, polarisieren viele Menschen in glühende Verehrer und scharfe Kritiker. Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin widmet beiden derzeit jeweils eine eigene Ausstellung. „Karl Marx und der Kapitalismus“ ist noch bis Mitte August zu sehen, die zweite Schau über „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ wurde Anfang April eröffnet und dauert bis September an.

„Während also Karl Marx als bekennender Atheist die Religion
aus dem politisch-gesellschaftlichen Leben verbannen wollte,
mischen sich zur gleichen Zeit beim Komponisten Richard Wagner
politische, identitäre und gesellschaftliche Vorstellungen
zu einer ganz eigenen Mischung, die durchaus –
und das ist die Parallele zu Marx – revolutionäre Züge trägt“

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Beide Ausstellungen setzen sich kritisch mit Leben und Werk dieser beiden schillernden Figuren auseinander – und kommen dabei auch auf die Frage nach antisemitischen Tendenzen im Wirken beider Persönlichkeiten zu sprechen. Denn Stereotype über Juden haben beide in ihren schriftstellerischen und musikalischen Werken bedient, jeder auf seine Weise. Besonders bei Karl Marx mutet diese Tendenz durchaus bizarr an – hat er doch selbst jüdische Wurzeln. Sein Vater Heinrich Marx war Jude und stammte aus bekannten Rabbinerfamilien. Nachdem seine Heimatstadt Trier nach dem Wiener Kongress 1815 an Preußen gefallen war, hätte er aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht mehr als Anwalt arbeiten dürfen und konvertierte schließlich zur evangelischen Kirche. Ebenso war Karl Marx ein Cousin dritten Grades des Dichters Heinrich Heine, der ebenfalls jüdischer Herkunft war.

So wurde Marx zwar evangelisch getauft, doch hätte man aufgrund seiner Herkunft wie auch seiner gesellschaftlich progressiven Einstellung vermuten dürfen, dass er antisemitischen Vorurteilen und Stereotypen gegenüber weitgehend immun gewesen sei. Doch weit gefehlt: Die Ausstellung im DHM präsentiert mehrere Belege, die zeigen, dass sich Karl Marx immer wieder antisemitischer Klischees bedient hat, diese teilweise auf engste mit seinerKritik am „Kapitalismus“verknüpft hat. Besonders deutlich wird das in seiner Schrift „Zur Judenfrage“, erschienen 1844 in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern in Paris. „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher.

Marx will eine Emanzipation vom Judentum

Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. … Die Emanziaption vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit“, heißt es darin. Der „Jude“ wird hier also zur Chiffre für Geld und Reichtum, für Egoismus und Eigennutz. Die Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft werden mit „jüdischen“ Prinzipien gleichgesetzt, und Marx fordert die Menschen zur Emanzipation auf, zur politischen wie zur religiösen. „Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipation des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion“, schreibt Marx weiter.

Wurde der jüdisch-stämmige Marx also zum Antisemiten? Diese Frage wird bis heute kontrovers diskutiert. Während die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt Marx' Schrift als „klassisches Werk“ eines „Antisemitismus der Linken“ bezeichnet, kommt der Historiker Lars Fischer zu einer anderen Einschätzung. Nicht um eine Kritik am Judentum sei es Marx gegangen, sondern am Kapitalismus. In diese Richtung tendiert auch die Berliner Ausstellung. So habe Marx durchaus die politische, d.h. gesellschaftliche Emanzipation der Juden befürwortet – doch bei seiner Kapitalismuskritik allzu freimütig auf antisemitische Stereotype zurückgegriffen.

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Wagners Antisemitismus mündet in einer Vision: deutsches Christentum

Das verwundert nicht vor dem Hintergrund, dass Religionskritik für Marx generell die „Voraussetzung aller Kritik“ war. Er folgte in seinen Ansichten der Auffassung des Religionskritikers Ludwig Feuerbach (1804-72), dass nicht Gott die Menschen geschaffen habe, sondern Gott eine Erfindung der Menschen sei, eine Art Spiegelung des menschlichen Wesens selbst. Doch so wie der Kapitalismus die Menschen unterdrücke, empfänden sich die Menschen auch als macht- und willenlos gegenüber den religiösen Autoritäten – obwohl sie beide Marx zufolge menschliche Erfindungen seien. Als „Entfremdung“ bezeichnete der Philosoph diesen Prozess, den es zu überwinden gelte.

Während also Karl Marx als bekennender Atheist die Religion aus dem politisch-gesellschaftlichen Leben verbannen wollte, mischen sich zur gleichen Zeit beim Komponisten Richard Wagner politische, identitäre und gesellschaftliche Vorstellungen zu einer ganz eigenen Mischung, die durchaus – und das ist die Parallele zu Marx – revolutionäre Züge trägt. Bei Wagner vermengen sich mystisch geprägte Vorstellungen eines „Deutschtums“, eine radikale Abgrenzung von allem „Welschen“, also Französischem bzw. Romanischem, wie auch ein radikaler Antisemitismus zur Vision eines „deutschen Christentums“.

Juden haben in Wagners Welt keinen Platz

In einer solchen Welt haben Juden für Wagner offenkundig keinen Platz, und daraus machte der Komponist in seiner Schrift „Das Judenthum (!) in der Musik“ von 1850, die in der Ausstellung im handschriftlichen Original zu sehen ist, auch keinen Hehl. Jüdische Künstler, so ist dort zu lesen, seien unfähig, sich künstlerisch „kundzugeben“. Sie würden ihr Handwerk zwar durchaus virtuos beherrschen, doch spricht Wagner den Juden jede Form von Originalität ab. Stattdessen unterstellt er ihnen Täuschung und Lüge und führt den Dichter Heinrich Heine als „Beleg“ für seine Hasstiraden an. Ob sie Einfluss auf sein musikalisches Werk hatten, ist bis heute umstritten. Während der Philosoph Theodor W. Adorno negativ gezeichnete Karikaturen wie Mime oder Alberich aus dem Ring des Nibelungen als „Judenkarikaturen“ sieht, vertrat auch der Wagner-Biograf Barry Millington die Ansicht, dass die „Meistersinger von Nürnberg“ insbesondere in der Figur des „Beckmesser“ antisemitische Stereotype enthielten.

Für den Kurator der Wagner-Ausstellung im DHM, Professor Michael Steinberg, Kulturhistoriker und früherer Präsident der American Academy in Berlin, ist es hingegen eine „historische Tatsache, dass Richard Wagner am Beginn des modernen rassistischen Antisemitismus steht“, wie er in seinem Statement auf der Eröffnungs-Pressekonferenz zur Wagner-Ausstellung deutlich machte. „Der Inbegriff des ,Anderen‘, also im Wesentlichen des Nichtdeutschen, ist in dieser Gleichung der Jude.“

Neid auf Reichtum, Geld und Produktion treibt beide, mündet in Antisemitismus

Während es Karl Marx um eine Kritik an bestehenden Herrschaftsverhältnissen, um eine Überwindung der „Entfremdung“ des Menschen durch Emanzipation ging, die er freilich mit unsäglichen antisemitischen Klischees verbunden hat, zielt Wagners Kritik tatsächlich auf die Juden selbst. In seiner mystifizierten musikalischen Gefühlswelt steht die „Zugehörigkeit“ im scharfen Kontrast zum „Ekel“ gegen alles Andersartige – insbesondere gegen das Jüdische, so der Präsident des DHM, Professor Raphael Gross, in seiner Ansprache auf der Eröffnungs-Pressekonferenz. Wagners Antisemitismus finde – Saul Friedländer folgend – eine Fortsetzung in Hitlers sogenanntem „Erlösungsantisemitismus“. „Der Holocaust ist insofern, wenn man nach seinen geistesgeschichtlichen Wurzeln sucht“, schwer ohne Wagners Werk zu beschreiben“, so Gross.

Dennoch gibt es eine Parallele zwischen den beiden Zeitgenossen Marx und Wagner, auf die Raphael Gross in seinem Statement verwies: Die Auseinandersetzung mit dem, was wir „Kapitalismus“ nennen, mit Reichtum, Geld und Produktion, habe beide Figuren gleichermaßen beschäftigt. Trotz aller Unterschiede kann man Marx und Wagner in dieser Verbindung wiederum zusammen denken, und zu dieser spannenden Auseinandersetzung laden beide Ausstellungen weiterhin ein.

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