Feuilleton

Maria, Mutter der Kirche

In der Tradition der Marienminne verwurzelt: Luthers Kirchenlied "Sie ist mir lieb, die werte Magd". Von Barbara Stühlmeyer
Maria, wie sie der Renaissancemaler Fra Angelico sah.
Foto: IN | Maria, wie sie der Renaissancemaler Fra Angelico sah.

Sie hat ihn nicht losgelassen, die Mutter Gottes, jene Frau, zu der am Ende des Mittelalters so viele Menschen ihre Zuflucht nahmen. Obwohl Martin Luther sich von so vielem getrennt hatte – seiner Familie, die ihn als künftigen Rechtsgelehrten gesehen und sich erst spät mit dem so ganz anderen und ungewöhnlich öffentlichkeitswirksamen Weg des Sohnes versöhnt hatte, der gegen den Willen des Vaters Theologie studierte, Mönch und Priester geworden war, nur um auch dieses Leben ganz und gar hinter sich zu lassen– zu Maria behielt Martin zeitlebens eine enge Verbindung. Ein Skandalon für manchen, der heute stolz auf den Reformator ist. Doch seine Schriften, wie die Auslegung des Magnifikat, sind ganz eindeutig. Auch wenn Luther sich von vielem verabschiedete, was katholisch war, die Verehrung der Mutter seines Herrn gehörte nicht dazu.

Davon zeugt auch sein Kirchenlied „Sie ist mir lieb, die werte Magd“, das sogar der gestrenge Kriticus Marcel Reich-Ranicki in seinen Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke aufnahm, einer von 2002 bis 2006 erschienenen fünfteiligen Sammlung, in der Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte und Essays aus der deutschen Literaturgeschichte zusammengestellt sind und in der Luther sich in guter Gesellschaft mit dem Nibelungenlied, Goethes Leiden des jungen Werther, Storms Effi Briest und Brechts Leben des Galilei befindet.

„Sie ist mir lieb, die werte Magd“ gehört zu Luthers späteren Kirchenliedern. Es erschien erstmals 1535 im Klugschen Gesangbuch. Dessen Namensgeber Josef Klug leitete von 1523 bis 1525 die Buchdruckwerkstatt Lucas Cranachs des Älteren, und hatte die Druckausgaben der Lutherübersetzung der historischen und poetischen Bücher des Alten Testaments betreut. Auch der Erstdruck des Chorgesangbuchs des mit Luther eng verbundenen Thorgauer Kantors Johann Walter, „Eyn geytlich Gesangk Buchleyn“, dessen 38 deutsche und fünf lateinische Lieder Luther lektoriert und mit holzgeschnittenen Noten versehen hatte, war durch Klugs Hände gegangen. Sein Klugsches Gesangbuch, dessen Druckerzeichen, die Lutherrose unter dem Lebensbaum, die enge Verbindung zwischen Reformator und Drucker bezeugt, erschien zwischen 1529 und 1545 in sechs Ausgaben. Deren Inhalt spiegelt die sich wandelnde Situation der zunehmend getrennt von der Kirche operierenden protestantischen Bewegung.

Wie bei allen Liedern des Reformators, der mit seinem feuerköpfigen Engagement zur Spaltung der Kirche beitrug, die er doch erneuern wollte, ist auch bei diesem Text der Kontext seiner Entstehung wichtig für die Interpretation. 1535 war ihm klar, dass die Rechtfertigungslehre so, wie er sie verstand, von der Kirche nicht angenommen werden würde. Luther sah sich also mit dem Problem konfrontiert, die Gemeinschaft, die, ohne, dass er dies so gewollt hatte, durch sein Wirken entstanden war, mit einem theoretischen Überbau zu versehen, ihr Wesen und ihre Eigenschaften zu definieren. Dabei fand Luther sich unversehens zwischen allen Stühlen wieder, denn die Abgrenzung von der aus seiner Sicht abgehobenen, triumphalistischen Papstkirche zog eine Grenzziehung gegenüber den von ihm zu Recht als gefährlich empfundenen, jegliche institutionellen Ausprägungen ablehnenden Bewegungen der Schwärmer zwingend nach sich. Luther aber hielt die Kirche für heilsnotwendig und deshalb machte er sich daran, seine eigene zu festigen.

Maria sollte auch die Mutter dieser Kirche sein. Da die Zeiten äußerst unsicher waren und manch einer angesichts der gesellschaftlichen Umwälzungen und der zahlreichen Naturkatastrophen das Weltenende nahen fühlte, lag es für den ohnehin tief pessimistischen Luther nahe, als Thema seines Marienliedes die bildlichen Topoi der apokalyptischen Frau aus dem 12. Kapitel der Offenbarung des Johannes zu wählen. In ihr fand er widergespiegelt, was ihn in jenen Jahren umtrieb, ein Gefühl der Verunsicherung, ja der Bedrohung und zugleich das Bedürfnis nach Trost, Halt und Schutz. All dies konnte er im Bild der apokalyptischen Frau wiederfinden. Denn die Glaubensgemeinschaft, die ihm unter den Händen entstanden war, war ebenso gefährdet, wie was Kind der Frau. Und der Drache, der sie zu verschlingen drohte, war keineswegs allein auf katholischer Seite verortet, sondern mitten in den eigenen Reihen der in viele Teilstücke auseinanderdriftenden protestantischen Bewegung. „Sie ist mit lieb, die werte Magd“ zeigt vor allem in der ersten Strophe klare Bezüge auf die hochmittelalterliche Marienminne und legt Zeugnis davon ab, wie stark Luther in dieser Tradition verwurzelt war. Denn sonst hätte er wohl kaum in einer Situation, in der er sich bedrängt und verunsichert fühlte, in seiner Dichtung gerade auf die Gestalt der Gottesmutter und die starken Bilder des Offenbarung des Johannes zurückgegriffen.

Seine eigene Kirche hat sich mit seinem Marienlied nicht identifiziert. Nur wenige Gesangbücher haben es aufgegriffen. Das ist schade, denn sprachlich ist der Poet Luther in diesem Text auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Er lässt den singenden Beter zugleich an seinem Ringen teilhaben und zeigt, welche Stellung er Maria in den protestantischen Denominationen zugedacht hat.

Rezipiert wurde das Lied von Michael Praetorius, dem in Creuzburg bei Eisenach geborenen Sohn eines evangelischen Pfarrers und in Torgau Schüler des mit Luther eng verbundenen Kantors Johann Walter. Er machte „Sie ist mir lieb, die werte Magd“, zur Grundlage einer Motette. Der aus einer Bremer Kaufmannsfamilie stammende Komponist Christian Lahusen, der zahlreiche Kirchenlieder vertonte, schuf eine mittelalterlich anmutende Melodie, die den Text kongenial zum Klingen bringt.

Im Reformationsjahr entstand durch das Ensemble Continuum zudem eine Bearbeitung für Jazzinstrumentarium.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Ein Verteidiger der Gregorianik: Für Sven Scheuren, Kantor an der Wallfahrtskirche St. Maria in der Kupfergasse in Köln, ist der lateinische Gesang eine Schule des Gebets und der Demut.
05.09.2021, 15  Uhr
Regina Einig
Vom kometengleichen Aufstieg und jähem Fall einer Abtei.
01.08.2022, 15  Uhr
Georg Blüml
Themen & Autoren
Evangelische Kirche Johann Wolfgang von Goethe Kantoren Kirchliche Reformatoren Marcel Reich-Ranicki Martin Luther Michael Praetorius Mönche Offenbarung des Johannes

Kirche

Mitten im ökumenischen Winter tagt die Lambeth Conference der Anglikaner. Diametral verschiedene Auffassungen prallen aufeinander.
12.08.2022, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
In Skandinavien gibt es so gut wie keine Forderungen nach dem Priesteramt für Frauen, aber den Wunsch nach mehr Hilfe, um dem Glauben und der Lehre der Kirche entsprechend zu leben.
11.08.2022, 13 Uhr
Regina Einig