Man kann nur auf ein anderes Russland hoffen

Ein Blick auf die Geschichte der Sowjetunion enthüllt frühe Kritik an der imperialen Versuchung.
Ideologen und Despoten
Foto: dpa | Lust auf einen Schluck mit Stalin oder Putin? In Russland gab es stets Kräfte, die einen anderen politischen Geschmack bevorzugt hätten.

Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine rücksichtslose Machtpolitik im Namen der sakralisierten nationalen Interessen verstoßen derart eklatant gegen den postnationalen europäischen Mainstream, dass Russland nun erneut Gefahr läuft, den Anschluss an die Moderne zu verlieren. Das Schicksal der UdSSR führt deutlich vor Augen, welch schmerzliche Folgen der Kampf gegen den Zeitgeist haben kann.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Nationalstaat als Krönung der Schöpfung angesehen, und der Verteidigung der nationalen Interessen wurde absolute Priorität eingeräumt. Der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow schrieb 1931 Folgendes über dieses Denken: „Das Vaterland scheint für die Mehrheit der heutigen Europäer die einzige Religion, der einzige moralische Imperativ zu sein, der von der individualistischen Zersetzung rettet. Die Größe des Vaterlandes rechtfertigt jede Sünde, verwandelt jede Niedertracht ins Heldentum.“

„Die Tatsache, dass etwa 80 Prozent der befragten Russen
diesen zerstörerischen und zugleich selbstzerstörerischen Kurs der Regierung unterstützen,
wirkt besonders erschreckend“

Dieses Denken verwandelte Europa in ein Pulverfass, das schon zweimal – 1914 und 1939 – explodierte. Erst die Trümmer, die der Zweite Weltkrieg in Europa hinterlassen hatte, führten hier zu einem Paradigmenwechsel. Der bis dahin sakralisierte Nationalstaat wurde zumindest teilweise entthront. Nicht zuletzt deshalb wirkt die Diktion der heutigen russischen Verfechter der sogenannten „imperialen Revanche“ mit der von ihnen zu einer Art Heiligtum erhobenen russischen Nationalidee so gespenstisch. Hier melden sich Stimmen aus einer Welt zu Wort, die wie Atlantis bereits versunken zu sein schien. Gibt es noch Hoffnung, dass Russland und der Westen in absehbarer Zeit wieder eine gemeinsame Sprache finden?

Ich habe diese Hoffnung noch nicht verloren. Und zwar deshalb, weil Russland nicht nur über nationalistisch-imperiale, sondern auch über freiheitliche Traditionen verfügt. Zwar haftet den russischen Verfechtern dieser letzteren Orientierung, die sich für die „Rückkehr des Landes nach Europa“ einsetzen, das Image der ewigen Verlierer an. Letztendlich stellte es sich aber immer wieder heraus, dass ihre Ziele keineswegs so utopisch waren, wie dies auf den ersten Blick zu sein schien.

Hellsichtig-erschreckende Analyse für Russlands Zukunft

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Auf einige dieser russischen Kritiker des nationalistisch-imperialen Denkens, die ihre Landsleute dazu aufriefen, sich von der imperialen Bürde zu befreien, möchte ich jetzt eingehen. Beginnend mit Georgij Fedotow. Ausgerechnet im Jahre 1947, als Stalin es vermochte, die imperialen Positionen Russlands in einem bis dahin ungekannten Ausmaß zu festigen (dafür verzeihen viele russische Nationalisten dem Kreml-Diktator sowohl die Hungerkatastrophe der 1930er Jahre als auch den Großen Terror) – also ausgerechnet in dieser Konstellation – stellte Fedotow in seinem Aufsatz „Das Schicksal der Imperien“ folgende Prognose über die Entwicklung Russlands nach dem Zusammenbruch des bolschewistischen Regimes auf:

In der Zeit, in der sich die Aufmerksamkeit der Russen in erster Linie auf die Abrechnung mit ihren eigenen Henkern richten werde, werde die Mehrheit der nichtrussischen Völker der UdSSR den Austritt aus der Sowjetföderation fordern, den ihnen die sowjetische Verfassung auch garantiere. Dies werde wahrscheinlich einen Bürgerkrieg auslösen, der das Land in zwei beinahe gleich große Teile aufteilen werde – den russischen und den nichtrussischen. Sollten die Russen diesen Bürgerkrieg gewinnen und versuchen, die Völker des Imperiums gewaltsam an sich zu binden, werde dieser Sieg nicht von Dauer sein.

Russland macht sich durch die Aggression seiner Herrscher zum Hassobjekt

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Bei Russland würde es sich dann um das letzte Imperium der Erde handeln, und es würde zum Objekt des Hasses aller nach Freiheit strebenden Völker werden. Was die Russen selbst anbetrifft, so würde ihr Versuch, den imperialen Charakter des Landes mit Gewalt zu bewahren, jede Hoffnung auf die innere Befreiung Russlands zerstören: „Ein Staat, der die Hälfte seines Territoriums durch Terror unterdrückt, kann nicht in seiner anderen Hälfte die Freiheit sichern.“ Aus all diesen Gründen plädiert Fedotov für die Befreiung Russlands von der imperialen Last.

Mit seinem antiimperialen Plädoyer vertrat Fedotow eher eine Außenseiterposition in der russischen Emigration. Dennoch blieb der antiimperiale Aufruf Fedotows keineswegs ungehört. 23 Jahre nach der Veröffentlichung des Aufsatzes „Das Schicksal der Imperien“ konnte man im innerrussischen Diskurs erneut Stimmen vernehmen, die mit einer ähnlichen Vehemenz für den Verzicht Russlands auf seine imperiale Bürde plädierten, wie dies Fedotow getan hatte. In diesem Sinne äußerten sich einige Vertreter der sowjetischen Dissidentenbewegung, die sich 1970 in der Pariser Exilzeitschrift „Westnik RSChD“ im Artikelzyklus „Metanoia“ (Buße) zu Wort meldeten.

Imperiale Gelüste der Kremlherrscher hindern Russland in der Entwicklung

Einer der Autoren des Zyklus, der unter dem Pseudonym V. Gorskij schrieb, wiederholte beinahe wortwörtlich die Argumente Fedotows. Gorskij sagt den unvermeidlichen Zerfall des Sowjetreiches voraus, da es in erster Linie durch den repressiven Apparat des kommunistischen Regimes zusammengehalten werde und dann schreibt er wörtlich: „Der Zerfall des Imperiums stellt für Russland weder einen erniedrigenden noch einen unnatürlichen Vorgang dar. Ohne seine Kolonien wird Russland weder ärmer noch politisch unbedeutender. Nach der Befreiung von der Bürde einer Besatzungsmacht wird sich Russland seinen wirklichen Problemen widmen können: dem Aufbau einer freien und demokratischen Gesellschaft.“

V. Gorskij setzte sich allerdings nicht nur mit der imperialen Versuchung Russlands auseinander, sondern auch mit dem russischen Messianismus, mit dem Glauben an die Auserwähltheit der russischen Nation. Der unter anderem von Alexander Solschenizyn 1974 herausgegebene Sammelband „Stimmen aus dem Untergrund“ stellte nicht zuletzt eine Antwort auf den „Metanoia“-Zyklus dar. Die Tatsache, dass die „Westnik“-Autoren im russischen Sendungsgedanken eine der Ursachen für die Katastrophe von 1917 sahen, entlarvte sie in den Augen von Solschenizyn als Fremdlinge, die mit Russland nichts gemein hätten und die versuchten, das russische Nationalbewusstsein zu untergraben.

Es gab antinationalistische Reformer in den 80er Jahren

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Als in den 1960er Jahren die sowjetische Dissidentenbewegung entstand, hielten viele Beobachter die Bestrebungen dieser kleinen Schar von Nonkonformisten für eine reine Donquichotterie. Die Dissidenten selbst dachten damals ähnlich. Ihr oft zitierter Trinkspruch lautete: „Trinken wir auf den Erfolg unserer aussichtslosen Sache.“

All das sollte sich nach dem Beginn der Gorbatschowschen Perestroika grundlegend ändern. In der russischen Öffentlichkeit entbrannte Ende der 1980er Jahre ein harter Kampf um die Nachfolge der diskreditierten kommunistischen Idee. Er wurde mit einer solchen Schärfe geführt, dass man ihm in Moskau sogar die Bezeichnung der „geistige Bürgerkrieg“ verlieh. Bei diesem Kampf um die geistige Hegemonie im Lande hatten die russischen Nationalisten, die nach einer neuen ideologischen Klammer für das nun erodierende Sowjetreich suchten, mächtige Konkurrenten. Dies waren die prowestlich orientierten Reformer, die Russland, wie sie sagten, „nach Europa zurückführen“ wollten.

Militanter Nationalismus vieler führenden Politiker

Trotz ihres leidenschaftlichen Engagements für die sogenannten russischen Interessen vermochten die militanten Nationalisten keine überragenden Erfolge zu erzielen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat ihnen eine Abfuhr erteilt. Dies zeigte sich besonders deutlich bei den russischen Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni 1991, bei denen Boris Jelzin auf Anhieb mehr als 57 Prozent der Stimmen erhielt. Eine Nation, die in den Augen vieler Beobachter als die imperiale Nation par excellence gilt, wählte also zu ihrem ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt einen Politiker, der sich damals vom imperialen Gedanken expressis verbis distanzierte.

Die Hegemonialstrukturen des Sowjetreiches erhielten nun einen Riss an der empfindlichsten Stelle – im Zentrum. Von diesem Schlag konnten sie sich nicht mehr erholen. Nach dem Scheitern des Putschversuchs der kommunistischen Dogmatiker im August 1991 schien das wichtigste Hindernis, das der Rückkehr Russlands nach Europa im Wege stand, beseitigt. Dennoch erwies sich die Befreiung des Landes von dem etwa 70jährigen totalitären Erbe alsbald als ein äußerst schwieriges Unterfangen.

Demokratischer Bestrebungen folgte eine nationalistische Welle

Abgesehen davon muss man noch Folgendes hervorheben: Viele Demokraten, die sich vor August 1991 für die „Rückkehr“ Russlands nach Europa eingesetzt hatten, begannen sich nun immer häufiger auf den „russischen Sonderweg“ zu besinnen. Der Moskauer Religionswissenschaftler Dmitrij Furman sprach bereits Anfang 1992 von einer nationalen Woge im Lande, die die demokratische Woge der Perestroika-Zeit abgelöst habe. Beide Wellen hätten eine beinahe unwiderstehliche Kraft an den Tag gelegt.

Die von Furman erwähnte „nationale Welle“ war in der Tat mächtig, aber zunächst nicht allmächtig. Denn die russischen Demokraten, die sich zu den europäischen Werten bekannten, waren keineswegs bereit, ihren national und imperial gesinnten Kontrahenten die Initiative im innerrussischen Diskurs zu überlassen und meldeten sich unentwegt zu Wort. Dies konnte man insbesondere nach dem Beginn der Bestrafungsaktion Jelzins gegen das abtrünnige Tschetschenien im Dezember 1994 sehen.

Zunächst scheitert die sogenannte Kriegspartei

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Dass die damaligen Versuche der sogenannten Moskauer „Kriegspartei“ die Bevölkerung zu indoktrinieren, im ersten Tschetschenienkrieg scheiterten, war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Kritiker der Regierungspolitik während des gesamten Krieges, ihren Standpunkt in den Massenmedien verteidigen durften. Den mutigen Journalisten, Menschenrechtlern und Politikern war es zu verdanken, dass die Moskauer Führung darauf verzichtete, den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen, und sich mit einem Kompromiss begnügte – mit dem Abkommen in der nordkaukasischen Stadt Chasawjurt vom September 1996, das den Krieg praktisch beendete.

In einer völlig anderen Konstellation findet der am 24. Februar begonnene Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine statt. Die systematische Aushöhlung und Zerstörung aller pluralistischen Strukturen und unabhängigen Medien im Lande, die in der Gorbatschow- und in der Jelzin-Zeit entstanden waren, stellt den roten Faden der 22jährigen Herrschaft Putins dar. Dieser Prozess wurde am 28. März praktisch vollendet. An diesem Tag hat die regierungskritische „Nowaja gaseta“ ihr Erscheinen vorübergehend eingestellt. Das wohl letzte Fenster Russlands nach Europa wurde praktisch geschlossen. Die gespenstische Parallelwelt, die die Putinschen Propagandisten aufgebaut haben, um ihren schändlichen Krieg gegen den westlichen Nachbarn zu legitimieren, lässt sich in den offiziell erscheinenden Medien nicht mehr in Frage stellen.

Es gibt dennoch Hoffnung für Russland

Die Tatsache, dass etwa 80 Prozent der befragten Russen diesen zerstörerischen und zugleich selbstzerstörerischen Kurs der Regierung unterstützen, wirkt besonders erschreckend. Dennoch ist das „andere Russland“, das man als das Gewissen des Landes bezeichnen kann, keineswegs verschwunden. Immer wieder melden sich die unerschrockenen Kriegsgegner zu Wort – sowohl im Lande selbst als auch aus dem erzwungenen Exil. Da die Geschichte Russlands nicht selten zyklisch verläuft, schließe ich nicht aus, dass die Vertreter des „anderen Russland“ in absehbarer Zeit auf die politische Bühne des Landes erneut zurückkehren werden.


Gekürzte Fassung eines Beitrags, der am 20. April im Online-Debattenmagazin „DieKolumnisten“ erschienen ist. Hingewiesen sei auch auf Prof. Luks Buch „Europäisch oder Eurasisch?“ (Wiesbaden 2020),
in dem er viele Fragen aufgreift, die aktuell im Blick stehen.

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