Magie und Erlösung

Erinnerungen an einen großen Schriftsteller: Zum heutigen 50. Todestag des „christlichen Heiden“ Werner Bergengruen. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Foto: dpa | Der Schriftsteller Werner Bergengruen.
Foto: dpa | Der Schriftsteller Werner Bergengruen.

Bergengruen gehört nicht mehr zu den bekannten Autoren, obwohl unentdeckte Resonanzböden seines Denkens heute aufzufinden wären. Schon seine kühne Selbstbeschreibung erstaunt: „Der Dichter wird immer wieder versucht und genötigt sein, die heidnische Welt in die christliche Verklärung heimzuholen. Dass sie diesen Mut und diese Kraft nicht hatten, das macht die Schäbigkeit so vieler christlicher Dichter aus. Ich bekenne mich dazu, ein christlicher Heide zu sein.“

Werner Bergengruen, (1892–1964) im damals russisch-lettischen Riga als Sohn eines Arztes geboren, erst Journalist in Berlin, dann freier Schriftsteller, trat mit seiner Frau Charlotte Hensel, einer geborenen Mendelssohn, und den drei Kindern Luise, Maria und Alexander 1936 zum katholischen Glauben über. Nachdem der Roman „Der Großtyrann und das Gericht“ (1935) ihn zu einem vielgelesenen Autor gemacht hatte, dessen geistiger Widerstand gegen das Regime unschwer auszumachen war, schloss ihn die Reichsschrifttumskammer 1937 aus.

Die vielfältigen Umzüge, von Berlin nach Solln bei München zum Achensee in Tirol, nach Zürich, Rom (wo das „Römische Tagebuch“ entstand) und endgültig nach Baden-Baden, unterbrachen den unaufhörlichen Strom von Erzählungen und Gedichten nicht.

Der Titel der berühmtesten Gedichtsammlung, „Die heile Welt“ von 1950, fand die Ehre eines herben Tadels durch Adorno, der darunter lyrische Idyllen vermutete. Hätte er die teils wilden und erschütternden, vom Krieg gezeichneten Erfahrungen gelesen, wäre diese Vermutung in nichts zerstoben: „... loben dich Peitschengeknall und Schüsse und Donner von Explosionen/ und das dumpfe Gestampf von verlorenen Marschbataillonen,/ Schmerzensgewimmer und dünnes Kreischen der Knochensäge/ und auf dem Deckel des Sarges die letzten Hammerschläge,/ lobt Dich das Knochenrasseln von spukenden Hungerskeletten/ und das Gerüttel der Höllendämonen an ihren Ketten./ Alle Geräusche und Klänge der Welt, woher sie auch stammen,/ strömen vieltausendstimmig in Eines zusammen.“

Der Eindruck, Bergengruen habe ein ursprüngliches Verhältnis zum Heidnisch-Magischen, drängt sich unmittelbar auf, wenn man Figuren seiner Dichtung aufmerksam ansieht, so etwa die Wendin Worschula in dem großen Roman „Am Himmel wie auf Erden“ (1940). Um ihr magisches Tun zu beschreiben, muss der Dichter selbst eine Faszination durch diesen unterirdischen Bereich empfunden haben. In der Spukwelt des Buches Rodenstein irrlichtert dieselbe Magie, aber auch durchaus Lustig-Unheimliches wie „Die Geiße Gaugeloren“/„Die Hexe“: „Als ich klein war, musst ich zur Kirche gehn./ Das war mir arg./ Die Kirche war anzusehn/ wie ein steinerner Sarg./ Lange stand ich davor,/ endlich stießen sie mich hinein./ Aber ich war doch noch klein,/ und ich fror.“

Den traurig-heiteren Spuk gibt es nicht nur nördlich, wendisch, baltisch, es gibt ihn auch südlich: in der Ballade „Tarandone“, dem „winzigen Gesellchen, spannengroß, altväterlich gekleidet“, der die Blumen und Früchte einer Gärtnerfamilie segensvoll hütet, nach dessen Weggang aber alles schrumpft, fault, ertaubt, an Seuchen eingeht – denn: „Meine eignen Kinder muss ich hüten/ fern im dunklen Untererdenlande,/ in der öden, feuerlosen Heimat,/ wo kein Morgentau im Lichte glitzert,/ Zither nicht noch Mandoline laut wird,/ wo kein Mund die Muttergottes anruft,/ keine Hand sich hebt zum Kreuzeszeichen.“ Obwohl manches über Bergengruen geschrieben wurde, ist dieses Untererdenland, der Bereich des Unerlösten, bei ihm nur selten benannt worden. Reinhold Schneider kam allerdings darauf zu sprechen, wohl aus Verwandtschaft: „Die schwarze Kunst, die Überlieferung der Zigeuner, die Dämonie der Krankheit haben den Dichter beschäftigt und mächtig angeregt... Was ihn heute vor der durchlittenen Tiefe schützt, ist die Einstimmung in die Schöpfung... So hat sein Werk neben dem christlichen auch einen heidnischen Aspekt, den er wohl niemals geleugnet hat. Viele seiner schönsten Gedichte entstiegen der goldenen Stunde Pans.“

Spürbar ist jedoch ein Empfinden von Schuld gegenüber dem heidnisch-magischen Bereich. „Wir badeten in verruchten Gewässern,/ wir riefen die brodelnd chaotische Nacht./ Wir haben mit steinernen Tempelmessern/ dem Dämon die unreinen Opfer gebracht.... Wir haben den Untren zu Rate gesessen./ Wir übten das uralte Blutritual./ Wir hoben nächtlich bei höllischen Messen/ den weißen Leib und den schwarzen Pokal... Wie aber geschah's, dass die Binde gefallen?/ Wie riss das Netz, das uns tödlich umspann?/ Es sah uns aus berstenden Bogenhallen/ dreieckig das Auge der Ewigkeit an.“

Das große Gedicht „Die Zwiespältigen“ bekennt: „Ich bin vom Heimweh niemals freigekommen/ und trug den ewigen Schlangenbiss im Herzen... Ein mitternächtiger Frager nach Dämonen/ und aller dunklen Seelenkunst beflissen,/ ein Herz, dran Himmelreich und Hölle rissen/ und auch die Mächte, die im Zwielicht wohnen.“ Dahinter taucht sogar das Schattenbild des großen Magiers Faust auf: „Ich mühte mich um Lösen und um Binden,/schied das Vereinte, einte das Getrennte/und sah verzweifelnd Licht um Licht erblinden.“

Wo liegt hier Schuld? Der Dichter kann kein vorzeitlicher Mensch mehr sein, kein den Göttern opfernder Heide, der ekstatisch eine Ureinheit „vor Gut und Böse“ beschwört. So erfährt er das Heidentum, das in seiner baltischen Heimat noch wirksam war, als Bannung und Versklavung. Zur bedrängenden Schuld wird solches Zurücktauchen, wenn damit der Glaube an Christus unterlaufen wird. In die Urgnade der All-Einheit geht es nicht zurück ins Vorzeitliche. Wo diese Verlockung droht, wird die Mahnung an sich selbst hart: „Nein. Nimm ein Stück geschwärzter Buchenkohle/ und mit zwei Strichen, lot- und waagerecht,/ schreib auf das Holz handhoch ein Kreuz. So ist/ des Weltgefüges Inbegriff getan.“ („Imago mundi“)

Das Kreuz ist Zeichen der Zweiheit, ja ihrer Potenz, der vierfach ins Unendliche zerrissenen Welt. Diese Vierheit brennt sich ein, von ihr wird jeder geprägt: „Unablässig alles Weltentscheiden/ musst zuvor du in dir selbst erleiden./ Deinen Adel wolle hier erkennen./ Fühl das Mal auf deiner Stirne brennen./ Atme, Herz, im Eis- und Feuerbade,/ unverlassen von verborgner Gnade,/ und empfange du die tödlich strengen/ Engel mit erhöhten Lobgesängen.“ Das Kreuz ist das Zeichen der Scheidung, bitterstes Alleinsein, ausgespannt an die vier Enden der Erde. Und es ist paradoxerweise in der Scheidung auch Ent-Scheidung, Aufhebung der Trennung. Bergengruen beschreibt Erlösung: „Jenseits des Zwiespalts suchte ich das Dritte,/ doch nichts und niemand konnte mich bescheiden... Erst allzuspät fand ich der Schöpfung Mitte/ im Kreuzespunkt, da Stamm und Arm sich schneiden./ Nun lieg ich hier ins Feste eingesenkt/ nach Traum und Irrgang, Wank und Widerstreite,/ die Hände auf der Brust zum Kreuz verschränkt./ Vergönnt mir ein Gebet als Weggeleite,/ dass ich, dem nie sich ein Geleit geschenkt,/ die Heimkehr finde in das Ungezweite.“

Bergengruens Lob der heilen Welt kommt nicht aus dem Gemüt eines Kindes oder Einfältigen wie Matthias Claudius, es kommt aus der verstörenden Zwiespältigkeit der Welt. Aber in den Balken des Kreuzes hebt sich aller Zwiespalt ins Klare. Richtiger müsste man wohl von geheilter Welt sprechen. Von ihr aus begreifen die Gesänge alles ein, auch das Schwarze der Untererde.

„Lobsang und Lobrauch“, so der Titel eines weltumspannenden Gedichts, umfasst das Herrliche, das Wimmernde, auch das Verdammte – alles steigt auf zu Ihm: „Ewiger Schweiger, Gott, und ewiger Hörer!/ Preislied lobt Dich und Flehn der Betenden und der Beschwörer – ... Aber reicher noch lobt Dich, Du Herr der Gewölke und Schwaden,/ alles, was aufwärts steigt, zu reineren Lüften geladen... frühsommernächtiger Hauch von den süßen Akazienbäumen/ und des Jasmins, des Holunders betäubendes Überschäumen... lobt Dich der riesigen Städte verworfener Brodem/ und der Gemsen, der Kinder, der Feldmäuse reinlicher Odem,/ bläulich verglimmender Kräuter narkotischer Schleier/ und der Weindunst bacchantisch brausender Feier,/ lobt dich der fette Qualm aus Schüssel, Tiegel und Pfanne/ und im Dezember der Dampf galoppierender Schlittengespanne,/ Mehlstaub, Goldstaub, Gewürzstaub und Staub von Folianten,/ Feldwegstaub und Staub vom Schleifen der Diamanten,/ Mörtelstaub von uralten, bröckelnden Türmen und Treppen/ und der beizende Rauch von brennenden Wäldern und Steppen... lobt Dich im Sumpf, dem giftigen Fieber verschworen,/ brodelnde Gärung, miasmischer Gase Rumoren,/ Dunst der fauligen Flut in stummen Kanälen und Grachten,/ einsamer Kerzen Ruß und das Pulvergewölk der Schlachten./ Ja, es lobt Dich der bittere Rauch von den höllischen Flammen./ Und vieltausendstimmig rinnt alles in Eines zusammen,/ steigt, mit dem Weihrauch der Kirche vereint, nach oben,/ Lobrauch, wie Lobsang, den Herrn der Schöpfung zu loben.“

Auch die Antike drängt tierisch-göttlich heran, zur Lösung: „Rühre die Augen uns an,/ Gotthirte, Hirtengott,/ dass wir unter den grauenvollen,/ schwärenden Wunden des blassen,/ des zerrissenen Leibes –/... dass wir hindurchschimmernd/ wieder gewahren, Getröstete,/ deine hirtliche Sanftmut und Schöne.“

Reinhold Schneider würdigte den Freund zum 65. Geburtstag im Jahre 1957: „Und wenn es einen Ort gibt, wo wir den Freund feiern möchten am 16. September dieses Jahres, so hier auf dem Weg zur Spanischen Treppe. Er führt an dem Hause der Via Sistina vorüber, das auf einem Relief Gogols kühnes Profil zeigt – eines großen Bruders unseres Dichters –, und erinnert an Wanderschaft und Heimkehr europäischen Geistes, an Suchen und Finden und Sich-Verlieren, an die immer dem Abschied, der Wiederkehr offenen Tore, an das verschwenderische Glück, das Rom seinen Dichtern geschenkt hat. Ein gestufter Garten im Schwung der Treppe, der grüne Blitz der Eidechse zwischen den Steinen, ein Splitter Marmors, von Arbeit und Alter geadelt, unter dem schmalen Schatten des Lorbeers und dahinter – für den Aufblickenden – grenzenloser Horizont, in dem der Klang der Kuppeln verhallt, und die Ahnung der Heimat am grauen Meer, der unbetretbar gewordenen, die gegenwärtig ist im Geist, in der Kunst: Das könnte Vorbild einer Vignette sein unter Werner Bergengruens Werk. Tod und Schlaf müssten sie halten mit umgestoßenen Fackeln und die Schellenkappe dürfte nicht fehlen, so wenig wie der Schmetterling fort und fort sich verjüngenden Lebens: wenn wir den Dichter feiern wollen, der mit immer beschenkter Hand Rosen gestreut hat auf den Stein. ,Servite Domino in laetitia!'“

Sieben Jahre später starb Bergengruen, am 4. September 1964, in Baden-Baden. Es ist großer Gewinn, diesen Angefochtenen, in dem Götter und Dämonen mit dem Einen Gott stritten, wiederzuentdecken. Wer hat solche Worte im Sommer 1944 gefunden wie er in „Dies irae“? „Zwölf, du äußerste Zahl und Maß der Vollkommenheiten... Völker, ihr zählt, was an Frevel in diesem Jahrzwölft geschehen./ Was gelitten wurde, hat keiner von euch gesehen,/ keiner die Taufe, darin wir getauft, die Buße, zu der wir erwählt,/ und der Engel allein hat Striemen und Tränen gezählt.“

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