Märchen, so rein wie das Kindliche selbst

Heute vor 200 Jahren erschien der erste Teil der „Kinder- und Hausmärchen“ in der Sammlung der Brüder Grimm. Von Alexander Riebel
Foto: IN | Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm bei der Märchenerzählerin Frau Viehmann in Niederzwehren, die eine erstaunliche Fülle der schönsten Märchen kannte.
Foto: IN | Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm bei der Märchenerzählerin Frau Viehmann in Niederzwehren, die eine erstaunliche Fülle der schönsten Märchen kannte.

Heute vor 200 Jahren erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen – Gesammelt durch die Brüder Grimm“. Das war eine literarische Revolution. Denn die Volksmärchen sollten die Sagen ablösen, aber auch die Kunstmärchen, die nicht wirklich in der Tradition des Volkes gründen, wie die Brüder Grimm meinten und daher beliebig seien. So heißt es in der Vorrede zu ersten Ausgabe: „Wir haben uns bemüht, diese Märchen so rein als möglich aufzufassen. Kein Umstand ist hinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden, denn wir hätten uns gescheut, in sich selbst so reichen Sagen mit ihrer eigenen Analogie der Reminiszenz zu vergrößern, sie sind unerfindlich. In diesem Sinne existiert noch keine Sammlung in Deutschland.“

Ihre Unerfindlichkeit besteht darin, dass die Herausgeber die Auffassung vertreten, die Märchen gründeten in einem Jahrhunderte zurückliegenden Schatz des Volkes und seien nun auf uns gekommen, vergleichbar einer religiösen Offenbarung. Denn sie seien „gewiss aus jener Quelle gekommen, die alles Leben betaut, und wenn auch nur ein einziger Tropfen, den ein kleines zusammenhaltenes Blatt gefasst, doch in dem ersten Morgenrot schimmernd“. Der Anspruch war also enorm, man wollte etwas ganz Neues machen. Brentano war mit seiner Märchensammlung gescheitert und so überredete Achim von Arnim die Brüder Grimm, das Projekt zu übernehmen. Die Gebrüder fühlten, dass vom „Reichtum deutscher Dichtung in frühen Zeiten“ nichts lebendig erhalten geblieben und selbst die Erinnerung daran verloren gegangen sei. Nur Volkslieder und Hausmärchen seien überliefert, als hätte es einst eine mythische dunkle Zeit der Dichtung gegeben. Die Dichtung sollte noch die Unschuld grauer Vorzeit haben und sei daher besonders für Kinder geeignet: „Innerlich geht durch diese Dichtung dieselbe Reinheit, derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen; sie haben gleichsam dieselben bläulich-weißen, makellosen, glänzenden Augen (in die sich die kleinen Kinder selbst so gern greifen), die nicht mehr wachsen können, während die anderen Glieder noch zart und zum Dienst der Erde ungeschickt sind“, heißt es im Vorwort der Märchensammlung. Es sind die einfachen Menschen, die im Märchen erscheinen, wie Handwerker, Fischer, Müller, Hirten oder Köhler – die der Natur am nächsten sind. Wie in den Mythen ist auch die Natur belebt, die Gestirne vergeben Geschenke und Steine und Pflanzen können sprechen, selbst das Blut, und so ist der Ursprungsschatz dieser Poesie so real, wie es später nur in Gleichnissen erreicht werden konnte. Der Leser der Märchen ist in unschuldiger Vertraulichkeit mit dem Kleinsten und Größten, „und wir möchten lieber dem Gespräch der Sterne mit dem armen verlassenen Kind im Wald, als dem Klang der Sphären zuhören“. Neben dem Lieb-lich-Kindlichen der guten Welt ist das Böse ausdrücklich „kein Kleines“, sondern das Schwarze, Entsetzliche, „streng Geschiedene“, wobei gerade dieses ein sprachlicher Hinweis auf die metaphysische Geborgenheit ist, die die Grimms ihren Lesern noch bieten wollten. Denn das streng Geschiedene ist das Unvermittelte, Uneinheitliche, Fragmenthafte – eben das Unbehauste. Dessen Gestalt sind Schlangen und giftige Würmer.

Nicht nur der Poesie sollte ein Dienst erwiesen werden, sie sollte auch lebendig wirken. Sie soll erfreuen und erziehen. Und das kann nach Meinung der Grimms am besten durch das Natürliche selbst erreicht werden; es geht um das „Zeugnis unseres Herzens“. Und da habe noch kein Buch mehr das Volk erbaut als die Bibel. Indem die Märchen häufig nahe an den Glauben gerückt werden, versuchen sie die beiden Brüder mit einem zutiefst moralischen herzensreinen Anspruch zu versehen. Dabei wird das Märchen ausdrücklich von der Sage abgegrenzt. Das Märchen ist nicht nur poetischer als historische Sage, es gebe auch kaum einen Flecken in Deutschland, wo nicht ausführlich Märchen zu hören seien, Volkssagen dagegen kaum. Jakob Grimm schrieb hierüber: „Die Kinder glauben an die Wirklichkeit der Märchen; aber auch das Volk hat noch nicht ganz aufgehört, an seine Sagen zu glauben, und sein Verstand sondert nicht viel darin; sie werden ihm aus den angegebenen Unterlagen genug bewiesen, das heißt das unleugbar nahe und sittliche Dasein der letzteren überwiegt noch den Zweifel über das damit verknüpfte Wunder.“ Im Weltbild der Brüder Grimm sind Sprache, Sitte und Gewohnheit Grundlagen des Daseins – durch dieses Band zeige sich „an natürlichen Menschen jenes herzzerreißende Heimweh“. Treue und Wahrheit sind darum der Kern jeder Sage. Und auch von den Sagen gilt, dass sie ein Geschehen beschreiben, das sich niemand ausgedacht habe.

Allerdings sei die Sprache nicht von Gott, schrieb Jakob Grimm. Weder sei sie unmittelbar geoffenbart, weil sie im Menschen Götter voraussetze, und sie sei ihnen nicht „anerschaffen“: eine „angeborene Sprache hätte die Menschen zu Tieren gemacht“. Vielmehr sei die Sprache vom Menschen selbst in Freiheit erworben. Diese seltsamen Vorstellungen sind wohl nur auf die begrenzte Sicht reiner Sprachforschung zurückzuführen. Von Menschen gemacht ist aber die Neuinterpretation von Märchen durch die Grimms, die in Frankreich und Italien eine Tradition vorfanden, die aus erotischen Liebes- und Heiratsgeschichten bestand; so etwa in den Feenmärchen. Davon haben sich die Grimms abgewandt, und darum sind „Dornröschen“, Aschenputtel“, „Rotkäppchen“ oder „Hans im Glück“ sowie alle anderen Märchen gerade nicht sexistisch, wie Familienministerin Schröder jetzt meinte, sondern ausdrücklich entsexualisiert und damit lesbar für das aufkommende Bürgertum.

Das kommende Jahr wird das eigentliche Grimm-Jubiläumsjahr, Höhepunkt ist in Kassel die Landesausstellung

„Expedition Grimm“ in der documenta-Halle vom 27. April bis 8. September 2013.

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