Herr über Leben und Tod

Wenn ein Arzt „zeitweise Entmenschlichung“ an sich selbst vornimmt

Sterbehilfe in Belgien: In diesem Frontbericht beschreiben Ärzte, Pfleger und Ethiker, was die Legalisierung der Euthanasie in zwei Jahrzehnten aus dem Land gemacht hat und ihnen abverlangt.
Unantastbar - der Mitmensch als Gottes ebenbildliches Geschöpf
Foto: IMAGO / epd | Unantastbar - der Mitmensch als Gottes ebenbildliches Geschöpf: Viele in der Politik und in der Gesellschaft sehen das anders, wollen grenzenlose Verfügungsgewalt über Leben und Tod.

Dieses Buch gehört auf den Schreibtisch eines jeden, der sich mit dem „assistierten Suizid“ oder der „Tötung auf Verlangen“ beschäftigt. Sei es in Politik, Justiz oder Gesundheitswesen, sei es als Befürworter der Euthanasie, sei es als ihr Gegner. Denn in ihm berichten neun belgische Ärzte, Psychiater, Pflegende und Ethiker von ihren persönlichen Erfahrungen mit einer Gesellschaft, die vor zwei Jahrzehnten die Euthanasie legalisierte. Sie sind allesamt Experten, die in der Palliativversorgung tätig sind und mit den Gesuchen um Euthanasie konfrontiert werden. Anhand vieler Fallbeispiele aus ihrem beruflichen Alltag, auf die hier aus Platzgründen nur sehr begrenzt eingegangen werden kann, zeigen sie auf, worauf sich eine Gesellschaft einließe, die sich an der belgischen ein Beispiel nähme.

In dem Band wird statt von „Euthanasie“ durchgängig der Begriff „Sterbehilfe“ verwandt. Lebensrechtler mögen diesen Euphemismus bedauern, zumal in den Benelux-Ländern tatsächlich auch von staatlicher Seite von Euthanasie gesprochen wird und ohnehin – außerhalb von Deutschland – mit dem Begriff niemand zuvorderst die Aktion T4 der Nationalsozialisten verbindet. Man liegt daher vermutlich nicht falsch, wenn man in der Begriffswahl ein Zugeständnis des Übersetzers an die Empfindlichkeit der deutschen Seele vermutet, die auf die Rede von der Eugenik meist gereizt und mitunter geradezu allergisch reagiert.

„Die Sterbehilfe tötet nicht nur den Kranken,
sondern auch die therapeutische Fantasie.“

Geradeso als wären die Selektion und Tötung von Menschen am Anfang und am Ende des Lebens dann in Ordnung, wenn sie, statt vom Staat angeordnet, von den Bürgern selbst in Auftrag gegeben werden. Der Band zeigt, dass die Banalisierung des Tötens sich in einer Gesellschaft, die das Töten gesetzlich erlaubt, unweigerlich breit macht. Mehr noch: Das desinteressierte Achselzucken, mit dem jeder Weiterung des rechtlichen Rahmens begegnet wird, geht leichter vonstatten, wo sich der Staat auf die Schaffung der Rahmenbedingungen beschränkt, als dort, wo er erkennbar als Akteur auftritt.

Wie der Psychotherapeut und Dozent Eric Vermeer, der zwanzig Jahre als Krankenpfleger in der Onkologie gearbeitet hat, schreibt, sei das ursprüngliche Ziel des Gesetzes, nämlich illegale Sterbehilfe zu bekämpfen, gar nicht erreicht worden. Laut einer Studie des renommierten „British Medical Journal“ müsse davon ausgegangen werden, „dass annähernd die Hälfte der Sterbefälle immer noch ohne Meldung vorgenommen wird“. Die Onkologin und Palliativmedizinerin Catherine Dopchie beklagt die „Instrumentalisierung des Arztes“.

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Ärzte werden zu Erfüllungsgehilfen degradiert

Fördere man die Autonomie wie ein „absolutes Gut“, komme es zu einer „perversen Verschmelzung“ bei der die Rollen von Patient und Arzt „vertauscht“ würden: „Der Kranke, der nur noch sein Leid empfindet, glaubt zu wissen, was gut für ihn ist, und will seine Sichtweise durchsetzen. Der Arzt existiert nur noch durch seine Fähigkeit, die Erwartungen des Patienten zu erfüllen. Er verliert seine eigene Identität und vollzieht einen Akt, der seiner Rolle nicht entspricht, um den irritierenden Wunsch des anderen zu erfüllen. So, wie sie ihre Rollen definiert haben, kann der eine nicht mehr ohne den anderen existieren. Sie sind für immer Komplizen.“

Den Versuch, die Kontrolle über die Situation durch eine Handlung zu erlangen, die das Leben beendet, nennt Dopchie „falsches Mitgefühl“. Es leugne die Tatsache, „dass die Person immer ein zu schützendes Gut bleibt, ganz gleich, wie ihre Situation aussieht. Eine Person, mit der wir gemeinsam und solidarisch die Menschheit bilden“. Zwar beende die „Herbeiführung des Todes“ den „schmerzhaften Weg des Leidenden“, doch erteile die „irreversible Handlung“ dem Leiden „das letzte Wort“. Dem Arzt „die Macht über den Tod des Schutzbedürftigen zu geben“, zwinge ihn, „das therapeutische Ziel, dem Menschen zu helfen, so wie er ist“, aufzugeben. „Die Sterbehilfe tötet nicht nur den Kranken, sondern auch die therapeutische Fantasie.“

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Menschen werden einem abstrakten Ideal geopfert

Letztlich führe das „zügellose Streben nach totaler Kontrolle“ dazu, dass „der geschwächte Mensch zugunsten eines idealisierten und abstrakten Ideals geopfert wird“. „Den Tod zu verlangen und ihn herbeizuführen, wenn das Leiden hartnäckig ist“, sei „weder eine mutige Tat noch ein Akt der Liebe“, sondern eine „Flucht und ein Davonlaufen“. Mut und Liebe führten nämlich „nicht in die Sackgassen der Angst vor dem gemeinsamen Leiden“, des „Rückzugs auf sich selbst“ und der „Instrumentalisierung des anderen“. Dopchie plädiert für die „dauerhafte Rückkehr zu einer demütigen und menschlichen Medizin, die sich trotz ihrer Wirksamkeit auf den Menschen und nicht auf seine Probleme konzentriert“.

Der Ethiker Willem Lemmens berichtet von einem Hausarzt, der vorzeitig in Rente ging, weil er „die Ausübung seines Berufes nicht mehr damit vereinbaren konnte, was die Kultur der Sterbehilfe heute den Ärzten abverlangt“. Auch der Spezialist für Notfallpflege und Vizepräsident des deutschsprachigen Pflegeverbandes in Belgien, François Trufin, kennt viele Ärzte, die Sterbehilfe leisten. In seinem Beitrag, der mit „Hinter den Kulissen der Sterbehilfe“ überschrieben ist, berichtet er von ihrer Not. Sie praktizierten in verschiedenen Krankenhäusern und kämen aus unterschiedlichen Bereichen, aber sie alle „spürten den Widerspruch zwischen dem, was sie als Pflicht erachten, und ihrer tiefen Überzeugung“.

Schweißgebadet sieht er in der Nacht die Gesichter der Menschen

Einmal habe ihm ein nach außen stets selbstsicher auftretender „erfahrener Arzt“ mit „Tränen in den Augen“ erzählt, „dass er innerhalb seiner Pflegeeinrichtung schon viele Male Sterbehilfe vorgenommen“ habe. In manchen Nächten wache er „schweißgebadet“ auf und sehe die „Gesichter von Menschen“ vor sich, „denen er Sterbehilfe geleistet“ hat. In einem anderen Krankenhaus habe ein anderer Arzt während einer Konferenz des Ethikrats ausgerufen: „Ich bin bereit, bei diesem Patienten noch einmal Sterbehilfe zu leisten; aber dann reicht es für dieses Jahr, denn ich hatte schon zwei andere Fälle von Sterbehilfe und das genügt.“ Man müsse „sich darüber im Klaren sein“, zitiert Trufin eine Psychologin, die der Sterbehilfe „eher positiv“ gegenübersteht, „dass die Sterbehilfe von dem Arzt, der sie leistet, verlangt, dass er eine zeitweise Entmenschlichung an sich selbst vornimmt“.

Das Buch kann allen Parlamentariern, die demnächst in Deutschland über ähnliche Gesetze befinden sollen, empfohlen werden. Nach dem Motto: Drum prüfe, wer sich bindet.


Timothy Devos (Hrsg.): Sterbehilfe in Belgien. Erfahrungen, Reflexionen, Einsichten.
Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Psychosozial-Verlag, Gießen 2022, 187 Seiten, EUR 24,90
ISBN-13: 978-3-8379-3165-5

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Stefan Rehder Euthanasie

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