Würzburg

Joseph Roth: Das Schicksal prüfte seinen Glauben

In den 1920er Jahren machte er Karrie als Journalist, später als begnadeter Schriftsteller: Vor 125 Jahren wurde Joseph Roth geboren.
Joseph Roth: Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit
Foto: IN | "Man druckte meine Dummheiten. Ich lebte davon", sagte Joseph Roth über sein Werk.

Der Roman „Radetzkymarsch“ ist legendär als Porträt der untergehenden Habsburgermonarchie. Marcel Reich-Ranicki nannte seinen Autor Joseph Roth „eine der liebenswertesten und zugleich erschütterndsten Figuren“ in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Damit ist die Wirkung gut umschrieben, die dieser Schriftsteller auf den ausübt, der sich mit seinem Werk und seinem Leben beschäftigt; einem Leben, das vor 125 Jahren am 2. September 1894 im galizischen Brody begann. Dort wurde Joseph Roth als Kind jüdischer Eltern geboren. Seine östliche Heimatregion spielt in Roths Werk eine große Rolle und inspirierte ihn zu atmosphärisch dichten Landschaftsbeschreibungen.

Das Geheimnis um Joseph Roths Glauben bleibt ungelöst

Schon als Gymnasiast fiel er durch seine literarische Begabung auf und legte die Matura mit Auszeichnung ab. Sein Wiener Germanistikstudium unterbrach der Militärdienst im Ersten Weltkrieg. Danach begann Roth, wie er selbst sagte, „aus Mangel an Geld für Zeitungen zu schreiben. Man druckte meine Dummheiten. Ich lebte davon. Ich wurde Schriftsteller.“ Roth legte in den 1920ern eine steile journalistische Karriere hin. Er arbeitete für renommierte Blätter wie die Frankfurter Zeitung und die Münchener Neuesten Nachrichten, war zeitweise Korrespondent in Paris und unternahm Reportage-Reisen in die Sowjetunion und auf den Balkan.

Daneben trieb Roth ab 1922 sein erzählerisches Werk voran, das trotz seines frühen Todes mehr als zehn Romane sowie viele Novellen und Erzählungen umfasst. Mit „Radetzkymarsch“ (1932), dem Roman über die Familie Trotta, deren Geschick sich mit dem der untergehenden Habsburgermonarchie verknüpft, schuf er sein Meisterwerk: Joseph von Trotta rückt 1859 in den Adelsstand auf, weil er Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben rettet. Sein Sohn Franz schlägt die zivile Beamtenlaufbahn ein und wird Bezirkshauptmann. Schon mit dem Enkel Carl Joseph Trotta von Sipolje kommt diese Familiengeschichte zu einem traurigen Ende. Der feinfühlige Mann ist der Offizierslaufbahn, für die ihn sein Vater bestimmt, nicht gewachsen, leidet unter unglücklichen Liebschaften, verfällt dem Alkohol und macht Schulden. Im Weltkrieg kommt er bei dem Versuch zu Tode, Wasser für seine Soldaten zu holen. Der alte Bezirkshauptmann stirbt zwei Jahre später, sinnigerweise am Tag der Beisetzung Franz Josephs I.

Das Buch fesselt den Leser durch seine melancholische Atmosphäre. Daneben finden sich darin scharfe Analysen der geistesgeschichtlichen Hintergründe für den Verfall des alten Vielvölkerstaates, besonders des grassierenden Nationalismus: „Diese Zeit will sich erst selbstständige Nationalstaaten schaffen! Man glaubt nicht mehr an Gott. Die neue Religion ist der Nationalismus. Die Völker gehn nicht mehr in die Kirchen. Sie gehn in nationale Vereine.“ Im noch pessimistischer gestimmten Zeitroman „Die Kapuzinergruft“ (1938) ist dann mit Franz Ferdinand Trotta ein nichtadeliger Verwandter des erloschenen geadelten Familienzweiges die Hauptfigur. Aus seiner Perspektive wird die Geschichte Österreichs von 1913 bis zum „Anschluss“ 1938 nachvollzogen.

Marlene Dietrichs Lieblingsbuch

Erwähnung verdient hier auch „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“ (1930), den Marlene Dietrich einmal als ihr Lieblingsbuch bezeichnete. Roth schildert darin in Form einer modernen Legende den Leidensweg des jüdisch-orthodoxen Thoralehrers Mendel Singer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der ihn aus Russland bis nach Amerika führt. Wie der biblische Hiob muss auch er erfahren, dass sein Glaube durch Schicksalsschläge auf schwere Proben gestellt wird, bis ihm am Ende doch ein großes Glück zuteil wird.

Politisch entwickelte sich Roth von einem Sympathisanten der Linken zu einem Konservativen, der von der Wiederherstellung der Habsburgermonarchie träumte, mit dem Katholizismus sympathisierte und die Verfallserscheinungen seiner Zeit scharfsinnig analysierte. Sein Kulturpessimismus konnte freilich auch skurrile Blüten treiben. Seiner Lebensgefährtin zwischen 1931 und 1936, der Journalistin Andrea Manga Bell, untersagte er den Gang zum Friseur („der Friseurladen ist ein Bordell“), das Tragen von Badeanzügen („es ist Exhibitionismus“) und das Tanzen („ein Ausbund von Geilheit“).

Wenn Joseph Roth auch eine erschütternde Figur ist, dann liegt das an einer Kombination aus privaten und zeitgeschichtlichen Unglücksfällen. Seine Frau Friedl (Friederike) musste 1929 wegen Schizophrenie in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden.

Das Leben an den Alkohol verloren

Zum Verhängnis wurde Roth sein sich schon in frühen Jahren entwickelnder Alkoholismus, der in den 1930ern unter dem Eindruck der politischen Ereignisse – die Roth 1933 ins Exil zwangen, das er vorzugsweise in Paris verbrachte – immer zerstörerischere Ausmaße annahm. Auf den späten Fotografien sieht der Mittvierziger Roth aus wie ein Sechzigjähriger. Seine im Vergleich zu anderen Exilautoren beachtlichen Honorare und Vorschüsse zerrannen dem Suchtkranken, der am liebsten in Hotels wohnte, zwischen den Fingern. Das Wunder jener traurigen Spätphase liegt darin, dass es Roth immer noch gelang, Literatur von höchster Qualität zu erzeugen.

Am 27. Mai 1939 starb Roth im Pariser Armenhospital Necker unter unwürdigen Umständen im Delirium tremens. Seine Beisetzung drei Tage später zeigte, wie schwer dieser Autor einzuordnen ist. Als Graf Trautmannsdorff in Vertretung des österreichischen Thronprätendenten Otto von Habsburg Roth als „treuen Kämpfer der Monarchie“ rühmte, murrten die anwesenden Kommunisten. Und den teilnehmenden Juden gefiel es gar nicht, als katholische Geistliche die Bestattung übernahmen. Taten sie es zurecht? Ob Roth wirklich konvertiert war, ist umstritten. Eine Taufe ist nicht belegt, und die Zeugnisse zweier Priester, die an seinem Begräbnis teilnahmen, geben für diese Frage auch nicht viel her („Roth wurde von mir öfter bei der Sonntagsmesse gesehen“). Roth selbst formulierte seinen religiösen Standpunkt in einem Brief aus dem Februar 1939 jedenfalls so: „Katholik bin ich seit dem Kriege und meine jüdische Abstammung habe ich nicht nur nicht verleugnet, sondern immer betont.“

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