Literatur

Marguerite Duras: „Alle meine Bücher sprechen von Gott“

Aufgewachsen im Geruch von Sümpfen und Reisfeldern: Morgen wäre Marguerite Duras 100 Jahre alt geworden. Von Björn Hayer
Marguerite Duras, Schriftstellerin
Foto: IN | Die Schriftstellerin Marguerite Duras.

Durch ihre Prosa zieht stets eine Brise von Sehnsucht, ein subtropischer Hauch von Ortlosigkeit und Einsamkeit. Marguerite Duras wird am 4. April 1914 als ein Kind in der Fremde geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters Henri Donnadieu wächst sie mit ihren beiden Brüdern und ihrer unzugänglichen Mutter Marie Legard bei Saigon auf. Durch den Kauf einer unbebaubaren Plantage besiegelt Letztere, bis dato eine vom Alltag überforderte Lehrerin, die Armut und Zerrüttung der Familie. Aporie und Zauber prägen gleichermaßen die Jugend der heranwachsenden Marguerite in der indochinesischen Provinz: Der Geruch der Sümpfe und der Reisfelder wird sie ihr ganzes Dasein begleiten. Sie wird dafür eine Sprache finden, deren Sätze immerzu in die Ferne, in etwas Unsagbares reichen und eine unerschließbare Welt aus Erinnerung, Fatalismus und Melancholie begründen.

Frankreich ist der 1932 zum Jurastudium nach Paris Übersiedelten zunächst unbehaglich. Erst mit ihren Romanen „Heiße Küste“ (1950) und „Der Vize-Konsul“ (1965) kehrt sie zu ihrem Geburtsort zurück. Auf der Suche nach Erfüllung wandeln alle ihre Frauenfiguren zwischen Leidenschaft, Tod und Moral. Jede von ihnen stürzt sich ins Unglück, verfällt der augenblicklichen Verzückung und verliert alles. In der wunderschönen Filmbiografie „Diese Liebe“ (2001) von Josée Dayan resümiert Jeanne Moreau als Duras wenige Monate vor deren Tod: „Alle meine Bücher sprechen von Gott. Doch das fällt keinem auf.“ Würde man nach einem versöhnlichen Kern für ihre Antiheldinnen, die sich in Abenteuern und ihrem Alleinsein verlieren, suchen, ist vielleicht er das letzte Geheimnis, um das ihre Sprache kreist.

Klar ist allemal: Das Wirken der Grand Dame der französischen Literatur, Marguerite Duras steht im Zeichen von Existenzbewältigung. Dazu gehört allen voran die Verarbeitung eines Jahrhunderts voller Tod und Gewalt. Wie sehr diese persönlichen Geschichten des gescheiterten Glücks auch ins Politische reichen, offenbart ihr aus Notaten entstandener Tagebuchroman „Der Schmerz“ (1985) über die Kriegsjahre: Nachdem die Autorin 1939 Robert Antelme heiratet, wird dieser bald schon an die Front einberufen und später nach Buchenwald deportiert. Um die alltägliche Zermürbung durchzustehen, rettet sich die Résistance-Aktivistin in einen inneren Monolog: Die Zeit des Wartens auf eine Nachricht bringt ihre Ich-Erzählerin an den Rand des Selbstverlusts. Erst spät kehrt der Gatte, längst nur noch ein Schatten seiner selbst, zurück. Dass die Partnerschaft sodann zerbricht, ist den Umständen der Zeit geschuldet. Wo der Krieg tobt, bleibt keine Seele unbeschadet. Aus der Erinnerung, die sich im Laufe von Duras' produktiven Schaffens zu einer Poetik herausbildet, ist ein individuelles Journal der Fassungslosigkeit und Trauer über ein Jahrhundert der Zerstörung entstanden. „Der Schmerz ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben“ („Der Schmerz“) und Ausdruck einer Erinnerungskultur, die im Schreiben das Trauma zu verwinden sucht.

Dabei genügt der Arbeitswütigen keineswegs nur das Medium der Literatur. Neben unzähligen Artikeln und politischen Feuilletons tut sich die Frau mit dem suggestiven Blick auch als Regisseurin und Drehbuchautorin des Film Noir hervor. Mit unverwechselbaren Meilensteinen wie „Hiroshima mon amour“ (1959) oder „India Song“ (1975) schuf sie kinematografische Ikonen der Moderne. Dabei ist die Schriftstellerin nicht von der Filmerin zu trennen. Als eine der erste Literatinnen entwickelt sie eine filmische Schreibweise: Ihre lakonischen Texte lesen sich, als ob sie direkt ins bewegte Bild gesetzt seien. Und umgekehrt: Ihre Filme stecken voller Literatur. So auch ihr noch heute bemerkenswertes Kabinettstück „Der Lastwagen“ (1977). Hierin wechselt die Kamera unentwegt zwischen zwei in einem gemütlichen Salon sitzenden Erzählern und tristen Aufnahmen einer LKW-Fahrt. Da ist die grazile Duras mit der dunklen, sonorigen Stimme und der junge Gérard Depardieu. Nicht die monotonen Autobahn-Aufnahmen machen dieses Kunstwerk reich, sondern die Weite der Gedanken der Protagonisten, die das Sichtbare erfüllen und darüber einen poetischen Vorstellungshorizont legen.

Wer Duras hierin auch als Darstellerin sieht, begreift, dass auch ihre Person selbst die Aura eines Kunstwerks annahm. Dieser Eindruck verstärkt sich vor allem bei der Lektüre ihres Spätwerks – spiegelt sich doch darin der Einfluss ihres letzten Weggefährten Yann Andrea Steiner. Als der damals 27-Jährige nach der Lektüre von „Die Pferdchen von Tarquinia“ (1953) für die gealterte Autorin sein bisheriges Leben hinwirft, setzt mit dem Sommer 1980 eine neue Phase ein. In den gemeinsamen letzten sechzehn Jahren entstehen neben Welterfolgen wie „Der Liebhaber“ oder „Emily L.“ auch Dokumente tiefster Seelenintrospektion. Was die Liebenden füreinander hinterlassen, ist ein Geschenk für die Nachwelt. Die späten Jahre mit Yann erlebt sie als musische Feier. Über dessen von Lebenszweifeln durchdrungenen Briefe schreibt sie in der Hommage „Yann Andra Steiner“ (1992): „Es waren […] so etwas wie Rufe aus einem unbewohnbaren, tödlichen Ort, aus einer Wüste. Diese Rufe waren von unbestreitbarer Schönheit.“

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