Kaiser im Spannungsfeld von Politik und Religion

Der Japanologe Ernst Lokowandt beschäftigt sich mit Hintergründen modernen japanischen Kaisertums Von Sebastian Krockenberger

Prächtige Zeremonien fanden im vergangenen Herbst am japanischen Kaiserhof statt. Seit dem 1. Mai 2019 hat das Land im Osten Asiens einen neuen Kaiser. Naruhito bestieg unter der Devise „Reiwa“, was in etwa mit „geordneter Harmonie“ übersetzt werden kann, den Thron. Zuvor hatte Kaiser Akihito Ende April 2019 abgedankt. Im Oktober 2019 wurde Naruhito feierlich als Kaiser proklamiert. Die Zeremonien zur Thronbesteigung dienten auch der religiösen Legitimation des Amtes, was im November 2019 an der Feier des Daijo-sai, eine Art Erntefest zur Ehren der Sonnengöttin, besonders deutlich wurde.

Dem Thronwechsel gingen Diskussionen voraus, was der Charakter des Amtes sei und ob der Kaiser überhaupt abdanken könne. Angestoßen hatte dies der damalige Kaiser Akhito mit einer aufsehenerregenden Fernsehansprache im August 2016, in der er von seinen zunehmenden gesundheitlichen Schwierigkeiten bei der Amtsausübung sprach. Diese Fernsehansprache wurde weithin als Ausdruck der Absicht zur Abdankung interpretiert.

Passend zu diesen Ereignissen gab der Iudicium-Verlag 2019 einen Sammelband von gut 200 Seiten mit Vorträgen des Japanologen Ernst Lokowandt heraus. In den 15 Vorträgen des Bandes „Shinto und Tenno-System“ erklärt Lokowandt Hintergründe des modernen japanischen Kaisertums. Die Vorträge hielt er 2014 und 2015 im Rahmen von Seminaren der Ostasien-Gesellschaft in Tokyo. Im Nachwort geht Lokowandt auf die Ansprache von Kaiser Akhito aus dem Jahr 2016 ein, die den Thronwechsel 2019 vorbereitete.

Für das Verständnis des japanischen Kaisertums ist eine Betrachtung der religiösen Hintergründe unerlässlich. Lokowandt beginnt daher mit einer Einführung in den Shinto. Er macht darauf aufmerksam, dass der Shinto weder einen Gründer, noch eine heilige Schrift oder eine feste Glaubenslehre besitze. Dies fällt auf, wenn der Shinto mit dem dogmatischen Christentum verglichen wird. Die Verehrung unzähliger Götter an den unzähligen Schreinen im Land charakterisiert den Shinto. Der Kaiser übt regelmäßig Shinto-Zeremonien aus.

Ein weiteres Element zum Verständnis des japanischen Kaisertums ist die historische Perspektive, die Lokowandt in seinen Vorträgen aufschließt. Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Modernisierung Japans gaben die damaligen Staatsmänner dem Kaisertum die Gestalt, die es in seinen Grundzügen noch heute hat. Der Tenno sollte als Nachfahre der Sonnengöttin der politischen Legitimation des modernen japanischen Staates dienen.

Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 erzwangen die US-amerikanischen Besatzer die Trennung von Religion und Staat sowie die Demokratisierung des Staatswesens. Der Kaiser sollte jetzt als Mensch ein Symbol des japanischen Staates und der Einheit des Volkes sein. Laut der 1946 beschlossenen Verfassung hat der Tenno heute keine politische Macht mehr, in Staatsangelegenheiten kann er nur mit Rat und Zustimmung des Kabinetts handeln.

Auf den ersten Blick mag es schwerfallen, den Komplex aus Religion, Politik und Kultur um den Kaiser herum zu erfassen. Deshalb ist anzumerken, dass viele nicht-christliche Religionen ähnlich schwer theologisch fassbar sind wie der Shinto, der die Legitimationsbasis des japanischen Kaisertums bildet. Die Römer nahmen ihre eigene religiöse Überlieferung oft nicht ernst, wie die Metamorphosen von Ovid beispielhaft zeigen, doch trotzdem verfolgten sie Christen, die den römischen Kaiser nicht als Gott verehren wollten. Das hängt damit zusammen, dass religiöse Mythen – so inkonsistent sie auch waren – zur Legitimation politischer Macht benutzt wurden.

Ausgehend von Varro berichtet der Kirchenvater Augustinus, dass es in den vorchristlichen Staaten eine politische Theologie gab, die der Legitimation staatlicher Macht diente, eine mythische Theologie, die in Geschichten von den Göttern besteht, und eine natürliche Theologie, die in einem eher wissenschaftlichen Sinne nach Erklärungen für natürliche Phänomene suchte. An dieser Stelle kann der Vergleich mit der Situation in Japan nicht ausführlich durchgeführt werden, doch grundsätzlich kann gesagt werden: Das Spannungsfeld von Politik und Religion ist in der Geschichte Japans ähnlich gelagert. Die Aufsatzsammlung von Lokowandt bietet dafür einen hervorragenden Einblick in das Innere von Kultur und Staat in Japan.

Ernst Lokowandt: „Shinto und Tenno-System – In 15 Vorträgen“. Eine Publikation der OAG Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokyo. Iudicium-Verlag, München 2019. ISBN 978-3-86205-

129-8, 201 Seiten, kartoniert, EUR 22,–

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