Würzburg

Entzauberung eines Giganten

Kirsten Jünglings Biographie Beethovens ist unterhaltsam geschrieben, verfehlt aber das eigentlich Musikalische.
Eine Partitur von Beethoven
Foto: Oliver Berg (dpa) | Man kann einen Künstler nicht ohne sein Werk verstehen: Eine Partitur aus der Oper "Fidelio" liegt in einer Vitrine. Die Ausstellung "Beethoven-Welt.Bürger.Musik" ist vom 17. Dezember 2019 bis 26.

Wer sich Ludwig van Beethoven nähert, tut dies zumeist mit angemessenem Respekt. Der Komponist gilt zu Recht als Genie. Mehr noch, seine Fähigkeit, komplexe Werke mit nachlassendem Gehör im Geiste zu konstruieren, auf Papier zu bringen, ohne konkretes Hörerlebnis aufführen zu lassen und damit überragende Erfolge zu feiern, ist eine hoch anzuerkennende Leistung. Dass der Mann am Ende seines Lebens ein wenig verschroben wirkte, oft ungepflegt daherkam, starke Stimmungsschwankungen hatte und seine Hemmungen, seine selten gute Laune an seinen Mitmenschen auszulassen, sich in engen Grenzen hielten, sah man ihm nach. So sind sie eben, die Genies, dachten die Leute damals. Auch heute erscheint es vielen verständlich, dass es unbezweifelbar guten Musikern mitunter an Empathiefähigkeit mangelt und ihre Gabe, mit anderen zu kommunizieren, bei nicht wenigen im besten Falle als retardiert bezeichnet werden kann. Musiker haben nicht nur ihre Ohren, sondern oft ihren gesamten Kopf in einer anderen Welt. Deshalb brauchen sie manchmal Übersetzer, wenn es um den erfolgreichen Umgang mit ihren Mitmenschen geht. Und genau an denen herrschte im Falle Beethovens nicht durchweg, aber doch in ziemlicher Regelmäßigkeit Mangel.

Beethoven hatte ein Distanz-Nähe-Problem

Der Grund dafür liegt in seiner Persönlichkeitsstruktur. Er hatte, wie man aus der Biographie von Kirsten Jüngling unschwer erkennen kann, was sie aber leider weder andeutet, noch auf den Punkt bringt, ein Distanz-Nähe-Problem. Er sehnte sich wie jeder Mensch verzweifelt nach Liebe und Zärtlichkeit, stieß aber gekonnt jeden vor den Kopf, der ihm zu nahe kam und ließ es auch sonst so erkennbar an gutem Benehmen fehlen, dass die Anzahl derer, die eine Annäherung wagten, Zeit seines Lebens überschaubar blieb. Dies wäre die Botschaft gewesen, die dieses Buch hätte vermitteln können. Das tut es aber nicht.

Kirsten Jüngling zeigt detailliert, welche Umstände den Menschen Beethoven in seiner Kindheit prägten und zeichnet nach, wie sich seine charakterlichen Eigenschaften im Laufe seiner Karriere ausprägten. Am besten hat dies wohl Johann Wolfgang von Goethe auf den Punkt gebracht. Er sagte über den musikalischen Giganten: „Er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genussreicher macht.“ Sprich: Der Mann war derartig miesepetrig und von ungesteuertem oder gänzlich schlechtem Benehmen, dass seine Gesellschaft keinen Genuss versprach. Genau aus diesem Grund kam es – obwohl Beethoven dies gerne gewollt hätte – zu keinem näheren Kontakt mit Goethe. Auch sonst tat er sich mit erfolgreicher Kommunikation schwer, so sehr, dass einem beim Lesen auch dies bald zu viel wird. Etwas anderes ehlt. Und das ist bei einer solchen Biographie keine Kleinigkeit.

Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte wissen: Kirsten Jüngling ist keine Fachfrau in Sachen Musik. Sie ist Autorin und hat bereits Biographien über Elly Heus-Knapp, Elisabeth von Arnim, Frieda von Richthofen, Franz und Maria Marc, Katia Mann, Schillers Frau Charlotte und deren Schwester Caroline von Lengefeld und Heinrich Manns Frau Nelly vorgelegt. Ihre Fähigkeiten, unterhaltsam zu schreiben und sorgfältig zu recherchieren, sind untadelig und sie trägt eine große Menge von Fakten zusammen, die dazu beitragen sollen, den Menschen Beethoven hinter dem Mythos wahrnehmbar zu machen. Dennoch bleiben Fragen. Zum Beispiel die, ob man sich wirklich ein Bild von der komplexen Persönlichkeit eines Musikers wie Ludwig van Beethoven machen kann, dessen Leben existenziell von seinem Dasein als Komponist geprägt ist, wenn man nichts von Musik versteht.

Die Biographie klammert die Musik Beethovens aus

Denn eins wird bei der Lektüre ziemlich schnell klar. Jüngling vermeidet das Thema Komposition, wo immer es möglich ist. Man erfährt außer gelegentlich eingestreuten Namen von Werken, die mit den Stationen, an denen Beethoven sich während ihrer Entstehung aufhielt oder den Menschen, die sie in Auftrag gaben oder ihre Widmungsträger waren, verlinkt werden, rein gar nichts über seine Musik. Das ist unter dem Strich aber doch zu wenig für eine Musikerbiographie. Zum Ausgleich für die fehlenden Informationen zu seiner Musik bietet Jüngling eine überbordende Fülle von Querverweisen. Sie macht auf beinahe jeder Seite deutlich, wie gründlich sie sich mit dem Thema beschäftigt, wie viele Quellen sie gelesen hat. Für den Leser ist dies aber nicht nur ermüdend, es führt unweigerlich dazu, dass der rote Faden in der Fülle der oft unvermittelt eingestreuten Informationen über Randfiguren, Meinungen oder Standpunkte früherer Biographen oder die immer wieder neu aufgegriffene Frage, wie eindeutig die Quellen im Falle Beethovens sind, verloren geht.

Um dieses Buch zu dem zu machen, was es hätte sein sollen, wäre es nötig gewesen, die zahlreichen, einander widersprechenden Informationen kritisch auszuwerten und sich, einem nachvollziehbaren Schema folgend, in der Kunst des Weglassens zu üben. Es ist ja niemandem damit gedient, alle unappetitlichen Details darüber zu erfahren, wie mangelhaft Beethoven gekleidet war, wenn er für seine Gäste kochte. Für ein Charakterbild ist es ausreichend, festzustellen, dass er vor allem in seinen letzten Jahren einen ungepflegten, mitunter sogar verwahrlosten Eindruck machte. Und auch bei anderen biographischen Szenen übt sich die Autorin zwar in farbenprächtigen Schilderungen, vermischt aber Fakten allzu oft mit Mutmaßungen, sodass letztlich kein klares Bild entsteht. Das liegt auch daran, dass Jüngling dort, wo sie es besser nicht getan hätte, großzügig ganze Bereiche von Beethovens Leben überspringt, wie etwa den Einfluss der Bonner Hofkapelle. Auch ein Blick in deren Bibliothek wäre aufschlussreich gewesen, war Beethoven doch ein Musiker, der sein Handwerk durch das Studium und das Abschreiben der Werke seiner Kollegen lernte. Fazit: Auch wenn diese Biographie flott formuliert ist und man ihr einen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, bleibt die Lektüre unbefriedigend. Das liegt auch daran, dass sie trotzt des Vorhabens, seine Charaktereigenschaften zu ergründen, chronologisch vorgeht.

Kirsten Jüngling: Beethoven. Der Mensch hinter dem Mythos.
Propyläen, Berlin 2019, 300 Seiten, ISBN 978-3-549-07484-8, EUR 24,–

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