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Abdel-Samad fordert ein Ende der Tribunale 

„Schlacht der Identitäten“: Mehr Freiraum für offene Debatten verhindert Rassismus. Nur eine empathische Gesellschaft ist der Schlüssel zu mehr Toleranz.
Demonstration "Black Lives Matter" - Berlin
Foto: Fabian Sommer (dpa) | Mehr Freiraum für offene Debatten verhindert Rassismus.

Seit dem letzten Jahr mehren sich die im Buchhandel angebotenen Titel zu den Themen Rassismus und Antirassismus. Die Anzahl der in den vergangenen Monaten auf dem deutschen Markt neu veröffentlichten Schriften geht bereits jetzt in die Hunderte, manche wurden sogar zu Bestsellern. Titel wie „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ oder „Der weiße Fleck – eine Anleitung zu antirassistischem Denken“ geben die Marschrichtung vor: Schuld an rassistischem Denken und Handeln hat traditionsgemäß der weiße Mann; ein Ausweg – zumindest für ihn – scheint kaum möglich. 

Die Wurzeln 

Da kommt die Neuerscheinung des gebürtigen Ägypters Hamel Abdel-Samad mit einer – wenn auch kurzen – Untersuchung dieses komplexen Themas gerade rechtzeitig. Die nuancierte Betrachtungsweise des Sohnes eines sunnitischen Imams legt die Wurzeln des Rassismus dar, beleuchtet anhand von Beispielen, Anekdoten über selbst Erlebtes und der medialen Behandlung des Themas aber auch die wunden Stellen einer sich selbst als „Antirassismus“ ausgebenden Ideologie, die oftmals nicht wirklich eine gegen Rassismus ankämpfende Bewegung ist, sondern diesem sogar sehr nahe steht, wenn nicht gar selbst zum Rassismus geworden ist. 

Eine Welt in Schwarz und Weiß

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Abdel-Samad beklagt, dass die längst fällige Debatte „ideologisch aufgeladen und emotional geführt“ und „von den unterschiedlichen Lagern gekapert, instrumentalisiert oder relativiert“ werde. Man bleibe nicht auf der Sachebene, sondern verenge den Begriff auf eine Weise, „wonach Rassismus offenbar nur ein Privileg des ,weißen Mannes‘ zu sein scheint. Nach dieser ideologischen Ausrichtung des Begriffs gilt bereits die harmlose Frage nach der Herkunft eines Menschen als rassistisch und damit als indiskutabel“. Und so bedienten sich viele, die sich als „Kämpfer gegen Rassismus“ inszenierten, der gleichen Mittel wie die Rassisten selbst: „Sie unterteilen die Welt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse, sie betrachten Menschen nicht als Individuen, sondern als Vertreter von Ethnien und Gruppen.“ 

Tor zur Hölle 

Eine der 20 Thesen des Buches lautet: „Rassismus ist (k)ein Privileg der Weißen“, und demzufolge auch keine Art Erbsünde, die von Generation zu Generation weitergegeben werde. Daher hätten auch Selbstgeißelung und Schuldkomplexe keinen Platz in einer ehrlich geführten Diskussion. Wer die Antriebskraft von Denken und Handeln in Herkunft und Hautfarbe verorte, lasse den Rassismus nun in die andere Richtung ausschlagen. Doch das Problem lasse sich nicht dadurch lösen, dass ein weiteres Mal ab- und damit ausgegrenzt werde: „Diese beinahe religiöse Überhöhung des weißen Mannes als Verkörperung des Bösen erlöst nicht die Minderheiten, sondern öffnet die Tore zur Hölle für alle!“ Dass es Rassismus schon immer gab, und dies weltweit, belegt der Autor mit zahlreichen Beispielen aus der Geschichte. So hätten etwa die Araber halb Europa, halb Asien und weite Teile des afrikanischen Kontinents kolonialisiert. 

Zur Zeit des osmanischen Reichs seien Millionen Menschen in Vorderasien, in Nordafrika, auf dem Balkan, in Ost- und Südeuropa unterjocht worden: Und „noch heute träumen viele Araber und Türken von der Wiederherstellung des Kalifats und die Re-Islamisierung Europas. Viele von ihnen heben heute rasch den moralischen Zeigefinger und verurteilen den weißen Mann wegen seiner Kolonialgeschichte und wegen der Sklaverei – dabei wurde der Sklavenhandel in der arabischen Welt zum Teil erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beendet. Und zwar auf Druck der Europäer“. Saudi-Arabien habe die Sklaverei übrigens erst 1963 offiziell abgeschafft.

Triebfedern

In These 4 – „Angst und eigene Demütigungen sind Triebfedern von Rassismus“ – schildert der in Ägypten aufgewachsene Abdel-Samad seine eigenen Erfahrungen mit Zurückweisungen, Demütigungen und Diskriminierungen in einer muslimischen Familie und Gesellschaft, aber auch den Rassismus, den er sowohl in freien als auch in diktatorischen Systemen erlebt hatte. Dabei kommt auch der Judenhass offen zur Sprache, den er selbst – geprägt durch seine eigene Sozialisation – viele Jahre lang nicht abgelegt hatte. 

Im zweiten Teil seines Essays bietet Abdel-Samad „Wege aus der Rassismusfalle“, wozu mit These 16 eine „offene Debatte über Rassismus, kein Tribunal“ gehört. These 18 postuliert: „Die Öffnung der deutschen Identität für Minderheiten setzt eine klare Definition dieser Identität voraus.“ Der Verfasser stellt klar, dass Deutschland „jenseits der Identitätsneurose und der Fixierung auf vergangene Schuld“ eine „selbstbewusste Identität“ brauche, die „zuversichtlich in die Zukunft blickt, anstatt die Wunden der Vergangenheit zu lecken“.

Eine empathische Gesellschaft

Denn eine „auf Schuld basierende Identität“ sei weder für autochthone Deutsche noch für Migranten attraktiv. Ja, sogar noch schlimmer: „Schuld, Identitätsunsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle sind Einfallstore für Rassismus“. In seiner Schlussthese fordert Abdel-Samad eine „empathische“ Gesellschaft, die sich in den einzelnen Menschen hineinzuversetzen versucht, statt sich gegenseitig von vorneherein misstrauisch zu begegnen. Es müsse einen „Raum für Debatten“ geben, aber „auch den Freiraum, einander ignorieren oder aus dem Weg gehen zu können. Solange das von Wohlwollen und nicht von Antipathie begleitet würde, wäre schon viel gewonnen!“ 

„Schlacht der Identitäten“ ist ein wichtiger Beitrag zu einer Diskussion, die bisher nur einseitig, subjektiv und parteiisch geführt wird. 


Hamed Abdel-Samad:
Schlacht der Identitäten:
20 Thesen zum Rassismus – und wie wir ihm die Macht nehmen.
dtv Verlagsgesellschaft, München 2021, 144 Seiten, EUR 14,– 

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