Literarische Stimme des Widerstands

Die „Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft e.V.“ veranstaltete eine Tagung zu Ernst Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“, dessen Erscheinen bis heute ein Rätsel ist. Von Felix Dirsch
Autor Ernst Jünger im Alter von 102 Jahren gestorben
Foto: dpa | Auf Ernst Jüngers „Marmorklippen“ war Naturbeobachtung immer ein Thema.

Ernst Jünger gilt als einer der sperrigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Gleiches trifft auf seinen Bruder zu, den etwas weniger bekannten Friedrich Georg Jünger. Schwarz-Weiß-Denker jedweder Couleur stehen vor der Schwierigkeit der Einordnung. Ihre Schubladen sind meistens zu klein. Für Vertreter des „linken“ Lagers steht fest, dass es beiden Autoren nach 1945 primär darum ging, ihre Verfehlungen zu camouflieren. Einige „rechte“ Anhänger, etwa Ernst Jüngers zeitweiliger Sekretär Armin Mohler, bedeutend als Historiograph des facettenreichen Phänomens der Konservativen Revolution, störten sich an deren Wendigkeit. Die Kritiker erkannten in solchen Verhaltensweisen mangelnde Charakterfestigkeit – aus ihrer Sicht wohl nicht zu Unrecht, denn der nicht eben wertfreie Chronist von Fronterlebnissen aus den 1920er Jahren legte 1945 auf einmal eine viel diskutierte Friedensschrift vor.

Seit jeher stellt das Verhältnis der stilistisch so begabten Brüder zum Nationalsozialismus die Interpreten vor Rätsel. Die in den „Stahlgewittern“ des Ersten Weltkrieges herangewachsenen Publizisten profilierten sich bald nach 1918 als Radikale, die die auf Parlamentssitze erpichte NS-Bewegung als einen Teil des verhassten Weimarer Systems verachteten. Nach 1933 entwickelten sie für die braunen Plebejer erst recht keinerlei Sympathien. Ihre Lebensgewohnheiten konnten sie, wie viele Zeitgenossen, nicht fortführen. Ihre ablehnende Einstellung war kein Geheimnis. Die Gestapo scheute nicht einmal vor einer Hausdurchsuchung zurück.

Da die Zeit des Nationalsozialismus für die Bewertung der Jüngers heute wesentlich ist, verwundert es nicht, dass die im oberschwäbischen Wilflingen, dem wichtigsten Wohnort Ernst Jüngers, ansässige „Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft e.V.“ unter Leitung ihres Vorstands Alexander Pschera kürzlich im nahen Kloster Heiligenkreuztal eine Tagung zu Ernst Jüngers literarischer Auseinandersetzung mit dem NS-Regime veranstaltete. In neun Vorträgen stellten ausgewiesene Referenten ihre Sicht vom Verhalten der beiden NS-Gegner dar. Im Mittelpunkt stand dabei Jüngers 1939 publizierte Erzählung „Auf den Marmorklippen“, wohl der einzige Widerstandsroman im Zeitraum von 1933 bis 1945, der legal erscheinen durfte, weil die Anspielungen auf die Gegenwart sehr indirekt erfolgten und nur bei genauem Lesen auffielen. Dieses Kuriosum ist immer noch nicht abschließend geklärt. Man weiß, wie sehr Goebbels tobte, als er von der Veröffentlichung erfahren hatte. Der Propagandachef verfügte durchaus über Fähigkeiten zur Entschlüsselung. Angeblich war es Hitler selbst, der die Hand über einen Mann hielt, dem er schon in den 1920er Jahren ein Reichstagsmandat angeboten hatte, das der so Umschmeichelte aber dankend ablehnte.

Der als Germanist wie als Schriftsteller bekannt gewordene Hans-Dieter Schäfer ordnete Ernst Jünger in die vielfältige Landschaft der literarischen Moderne ein, deren Vertreter 1933 zumeist in die Emigration gedrängt wurden, in Ausnahmefällen aber auch die Nationalsozialisten schon vor der Machtergreifung unterstützten. Als Beispiel ist der expressionistische Dichter sowie später einflussreiche NS-Kulturpolitiker und Himmler-Freund Hanns Johst zu erwähnen. Die Jüngers nahmen auch in diesem Kontext eine Sonderrolle ein.

Der Zeithistoriker Siegfried Lokatis stellte Jüngers Beziehung zur Hanseatischen Verlagsanstalt vor. Dieser Verlag hatte vor 1933 etliche Schriften von Repräsentanten der Konservativen Revolution auf den Markt gebracht.

Das Referat von Detlev Schöttker beleuchtete Otho, eine der Hauptfiguren in den „Marmorklippen“, näher. Neben Charakterzügen von Friedrich Georg Jünger flossen in diese fiktive Gestalt auch solche eines Komintern-Mitarbeiters namens Storch ein, den der Verfasser anlässlich einer Brasilienreise kennenlernte. Später pflegte er brieflichen Kontakt mit ihm. Die landschaftlichen Eindrücke Südamerikas, die Jünger festhielt, flossen in die Schilderungen des Romans nicht nur am Rande ein.

In einem besonders aufschlussreichen Vortrag erörterte der Philosoph Michael Großheim Ernst Jüngers Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Widerstand. Als Schwerpunkt wählte der Gelehrte Jüngers Wirken als Offizier in Paris. Nur mit Mühe konnte dieser seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, waren seine Verbindungen zu General Carl-Heinrich von Stülpnagel und dem Kreis der Verschwörer SS und SD hinreichend bekannt. Jüngers Prominenz schützte ihn vor Verhaftung und Ermordung.

In dem symbolisch stark verdichteten Text spielen Gesteinsmetaphern, wie schon der Titel zeigt, eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Das „hohe Lied des Kalks“ thematisierte der französische Jünger-Forscher François Poncet. Hintergründe des Agierens der Gebrüder in den 1930er Jahren teilte Ulrich Fröschle mit. Während einer Unterbrechung trug Michael König, dazu passend, Zeilen aus Friedrich Georg Jüngers „Der Mohn“ vor. Zum Ausklang des zweiten Tages berichtete der Germanist Helmuth Kiesel vom Stand der kritischen Edition der „Marmorklippen“.

Am letzten Tag standen die Vorträge von Karin Tebben („Ikonographie eines intellektuellen Kriegers“) und Matthias Schöning („Kunst der Perspektive, Erzählen und Implizieren in Jüngers ,Auf den Marmorklippen‘“) auf dem Programm. Ein Besuch im Jünger-Haus rundete das ertragreiche Symposion ab, das auf reges Interesse der Teilnehmer gestoßen ist. Die Erinnerung an die Gebrüder Jünger, die früher eine große Leserschaft versammeln konnten, wird durch solche Veranstaltungen wie die im Kloster Heiligenkreuztal wachgehalten. Man darf hoffen, dass auch für jüngere Literaturbegeisterte das Werk der Gebrüder nicht als gestrig empfunden wird, sondern nach wie vor eine Fundgrube für poetische Lesefrüchte darstellt.

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