„Lieber demütig untertan als an der Spitze“

Eine radikale Ordensgründerin mit einer eigenen Regel für viele: Der geistliche Weg der heiligen Klara von Assisi innerhalb der Kirche. Von Ilka Scheidgen
Klara von Assisi
Foto: dpa | Verkörperung der „neuen Frau“: Klara von Assisi.
Klara von Assisi
Foto: dpa | Verkörperung der „neuen Frau“: Klara von Assisi.

Friedlich sind die Zeiten nicht, in die Klara, Tochter einer Adelsfamilie, in Assisi im Jahr 1193 geboren wird. Es herrschen feste Standesunterschiede zwischen Bürgern und Adligen, die sich auch in unterschiedlichen Bezirken der Stadt manifestieren. Die Bürger wohnen dicht gedrängt in den Gassen der Unterstadt, während sich die Adelshäuser in der Oberstadt befinden. Zwischen beiden Ständen herrschen Zwietracht und Hass, die 1199 zum Bürgerkrieg führen. Die Bürger wollen das Joch, die Erniedrigung und die Abgaben, die ihnen vom Adel, insbesondere von ihrem Zwingherrn Konrad von Lützen, einem Verwandten Kaiser Friedrich Barbarossas, aufgezwungen werden, abschütteln. In diesen Krieg zieht auch der junge Franziskus Bernadone, Sohn eines reichen Tuchhändlers. Burgen und Adelssitze werden zerstört. Klaras Familie flieht vor dem brandschatzenden und mordenden Mob auf ihre Landgüter nach Perugia. Klaras wohlbehütete Kindheit erfährt einen jähen Bruch durch diesen plötzlichen Verlust der vertrauten Umgebung. Auch Franziskus erlebt die erste große existenzielle Krise in seinem Leben, als er in Gefangenschaft gerät. Kerkerhaft und Krankheit lassen ihn sein bisheriges Leben in Frage stellen. 1203 kommt es zum Friedensschluss zwischen den verfeindeten Lagern, der aber die Bürger zum Wiederaufbau der von ihnen zerstörten Adelssitze verpflichtet. 1205 kehrt die Familie Klaras zurück nach Assisi. Nach jahrelangem Ringen und Suchen vollzieht Franziskus 1206 die radikale Abkehr von seinem Leben als begüterter Sohn hin zu einem Weg in die absolute Armut in der Nachfolge Jesu. Als Narr verschrien und von seinem Vater enterbt beginnt er ein Wander- und Eremitendasein in den Wäldern Umbriens. In Assisi hat man zunächst nicht viel Verständnis für diesen seltsamen Heiligen. Man verspottet ihn, Steine werden ihm nachgeworfen. Doch schon bald schließen sich ihm erste Gefährten an, die mit Franziskus ein Leben nach dem Evangelium führen wollen, dafür alles, was in der Welt Bedeutung hat – Geld und Ansehen – aufgeben und ihr Hab und Gut an die Armen verteilen. Bereits 1209 erhält die neue Bruderschaft die Anerkennung durch Papst Innozenz III. als Wanderprediger. Der örtliche Bischof Guido stellt der kleinen Schar von „armen Brüdern“ das Kirchlein Santa Maria degli Angeli mit einem Stückchen Land – Portiunkula – zur Verfügung, das für die neue Bruderschaft des Franziskus ein Stück Heimat und für Klara den Beginn ihres geistlichen Lebens als „arme Schwester“ werden wird.

Doch vorerst führt Klara ein für die Zeit typisches Dasein in einem patrizischen Hause. Sie offenbarte allerdings dort einen Hang zur Eigenständigkeit, auch zur eigenen Meinung, die später charakteristisch für sie sein sollte und die ihr die Bezeichnung „neue Frau“ eintrug. Es ist interessant, dass Klara nicht etwa rebelliert gegen das höfische Dasein, in das sie hineingeboren wird, das sie doch wohl als eine ihr nicht angemessene Lebensform ansieht. Vielmehr spart sie sich heimlich Leckereien vom Munde ab, um sie durch Gefährtinnen an Arme verteilen zu können. Sie trägt auch – ebenso heimlich – und ohne dadurch auffallen zu wollen, unter ihren schönen Kleidern ein raues weißes Gewand, welches sie sich wahrscheinlich von den Bediensteten des Hauses organisiert. Auch wenn diese Tatsache dem Klischee von der Frau als Dienerin zu entsprechen scheint, das dem Geist der Zeit entspricht, wird sich in Klaras Biografie bald zeigen, dass sie zwar diesem Ideal durch eigene Wahl entsprechen will, dies aber auf sehr entschiedene und eigenwillige Weise tun wird. In ihr verkörpert sich nämlich nicht etwa das schwache Geschlecht, sondern im Gegenteil die selbstständig handelnde, Widerstände ihrer Familie und später der Kirche aushaltende und überwindende neue und starke Frau. Ihr Weg wird deshalb auch ein gänzlich neuer sein in der Geschichte der Orden. Sie wird sich keinem der bestehenden Orden, die die feudalen Strukturen der Gesellschaft übernommen haben, anschließen, sondern einen eigenen gründen und als erste Frau in der Geschichte eine eigene Ordensregel verfassen, für die sie lebenslang kämpfen muss und die erst zwei Tage vor ihrem Tode vom Papst schriftlich approbiert wird. Klaras Ordensregel ist für die damalige Zeit erstaunlich modern. Sie ist geradezu demokratisch, kennt keine Hierarchie, nimmt alle Schwestern in die Mitverantwortung für die Gemeinschaft und ermöglicht dadurch das, was wir heute gerne Geschwisterlichkeit nennen. Noch etwas ist bei Klara und ihrer Schwesternschaft anders: Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden viele Armuts- und Bußbewegungen wie die Waldenser, die Katherer, Humiliaten, die predigend und sich geißelnd durch ganz Europa ziehen. Ihnen haftet aber größtenteils ein Zug von Fanatismus an, der sie vielleicht auch deshalb unter Häresieverdacht stellte. Klara hingegen liegt jeglicher Fanatismus fern. Sie beweist schon früh ein ausgesprochen reifes, bedachtes Handlungsvermögen, das einerseits ihrem Ideal der Armut, der Ehelosigkeit und Demut nie untreu wird und es auch gegen die Kurie – insbesondere, was die absolute Besitzlosigkeit angeht – zu verteidigen versteht. Sie wird deshalb darauf dringen, dass ihr das „Privileg der Armut“ bereits von Papst Innozenz III. bestätigt wird. Dennoch ist sie klug genug, einige Normen, die ihr von Kardinal Ugolino, dem späteren Papst Gregor IX. für ihre Schwesternschaft verordnet werden, weise und heiter anzunehmen. Doch bevor es soweit ist, hat Klara erst einmal eine einsame Entscheidung für ihr gesamtes Leben zu fällen.

Die von Franziskus gegründete Lebensform der „Minderbrüder“ oder „Armen Brüder“ hat 1209 durch den Papst Anerkennung gefunden. Obwohl Klara durch ihre adlige Herkunft bisher keinen Kontakt zu der Bruderschaft hat, sympathisiert sie bereits mit der Bewegung, über die sie naturgemäß viel hört. Deshalb arrangierte Klara in der Folgezeit mehrfach heimliche Treffen mit Franziskus, zu denen sie stets von Bona begleitet wurde.

Während dieser Treffen, bei denen Franziskus sie mit seiner Botschaft und Lebensweise vertraut macht, wird Klara ihr zukünftiger Lebensweg immer deutlicher. Sie möchte genauso ein gottesfürchtiges, armes Büßerdasein führen. Sie denkt dabei keineswegs an Mitstreiterinnen, obwohl dies sicher den Weg vereinfacht hätte. So aber muss sie ganz für sich allein, ohne Unterstützung durch Freundinnen oder Familie, den ersten Schritt gehen: heraus aus der Geschütztheit, ohne jede Absicherung. Noch bevor sie diesen Schritt geht, verkauft sie ihr gesamtes Erbe und verteilt den Erlös an Arme.

Im März 1211, in der Nacht nach Palmsonntag, verlässt Klara heimlich und diesmal allein ihr Elternhaus und zieht, von Brüdern des Franziskus begleitet, zur einige Kilometer entfernten Portiunkula-Kapelle. Dort erhält sie von Franziskus ein schlichtes Bußkleid. Als Zeichen für ihren radikalen Bruch mit allem, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat, werden ihr von Franziskus die Haare abgeschnitten. Wie gut die Beteiligten die Reaktionen von Klaras Familie vorausgeahnt haben, zeigt sich daran, dass sie Klara unmittelbar nach dieser feierlichen Zeremonie in die benachbarte Benediktinerinnenabtei San Paolo delle Abadesse bringen. All das muss im Voraus geplant gewesen sein. Das Kloster bot ihr für eine gewisse Zeit Schutz, das heißt Asyl, vor den Versuchen ihrer Familie, sie zurückzuholen.

Bald schon wird sich eine Prophetie erfüllen. Franziskus hatte vom Gekreuzigten der alten syrischen Ikone in San Damiano schon 1206 die Weisung vernommen, die Kirche wieder herzustellen, weil dort einmal Frauen wohnen würden. Klara war zu dem Zeitpunkt ein Kind von 12 Jahren und wusste selbstverständlich nichts von dieser Vision des Franziskus. Auch er verstand sie eher vordergründig als Auftrag, die verfallene Kirche zu restaurieren. Dass aber von diesem Ort ein ganz neuer Orden, der Klarissen, wie sie erst nach Klaras Tod benannt wurden, sich europaweit durch das Beispiel in Charisma und Heiligkeit dieser bemerkenswerten Frau verbreiten sollte, war auch zu jenem Zeitpunkt, als Klara mit nur zwei Gefährtinnen nach San Damiano zieht und wo sie bis zu ihrem Tode lebt, nicht zu ahnen.

Diesem Leben also schließen sich zunächst zwei enge Vertraute Klaras an: ihre jüngere Schwester Caterina, der Franziskus den Namen Agnes gibt und Pacifica di Guelfuccio, Hausgenossin und entfernte Verwandte Klaras. Es werden noch zahlreiche Familienmitglieder nach San Damiano folgen, unter anderem auch Klaras Mutter Ortulana und ihre jüngste Schwester Beatrice. Der Ruf Klaras und ihrer Gefährtinnen verbreitet sich schnell und inspiriert immer mehr Frauen, einen solchen Lebensweg zu wählen. Das Verhältnis der minderen Brüder und minderen Schwestern von Assisi ist aber ein besonderes und erhält Ausdruck in der„forma vivendi“ (Lebensform), die Franziskus speziell für die Schwestern von San Damiano formuliert: „Auf göttliche Eingebung hin habt ihr euch zu Töchtern und Mägden des höchsten Königs, des himmlischen Vaters, gemacht. Ihr habt euch dem heiligen Geiste vermählt, indem ihr euch entschieden habt, nach der Vollkommenheit des Evangeliums zu leben. Darum will und verspreche ich für meine Person und auch für meine Brüder: wie für das eigene Fleisch und Blut wir für euch aufmerksam sorgen und besonders unermüdlich da sein.“

Dass das neue Leben der jungen Schwesterngemeinschaft äußerst karg und oft am äußersten Existenzminimum ist, wird aus den Quellen zur Heiligsprechung, zwei Jahre nach Klaras Tod im Jahre 1253, ersichtlich. Dort werden für diese Frühzeit zwei Wunder bezeugt, das Ölwunder, bei dem auf wunderbare Weise der leere Ölkrug plötzlich gefüllt ist, und eine Art „Brotvermehrung“, bei der wie in biblischen Zeiten aus einem kleinen Brötchen 50 Scheiben Brot geschnitten werden können.

Das ist ein anderer Weg als das gesicherte Dasein in einem der bestehenden reichen Nonnenklöster, das zu damaliger Zeit ja für viele adlige Frauen durchaus seinen Reiz hatte. Klara geht einen eigenen Weg. Sie beugt sich auch nicht der Macht der Kirche, die ihrer Gemeinschaft die Hugolinsche Regel geben will. Und als der Papst das oben zitierte Versprechen des Franziskus, für die Schwestern von San Damiano zu sorgen, unterlaufen will, erzwingt Klara durch einen Hungerstreik sogar die Rücknahme der Maßnahme.

Zunächst muss man die Schwesternschaft Klaras noch als integrierten Bestandteil der franziskanischen Bruderschaft ansehen. Doch die größer werdende Gemeinschaft verlangt zunehmend eigene Strukturen. Franziskus selbst drängt daher Klara zur Übernahme der Leitung bei den Schwestern. Als „Äbtissin“ mag sie sich dennoch nicht verstehen. Eine hierarchische Ordnung, wie sie in anderen Orden – auch Frauenklöstern – üblich ist, lehnt sie für ihre Gemeinschaft ab. Durch jahrzehntelange Praxis eingeübt wird sie in ihrer Regel ausdrücklich darauf achten, dass alle Schwestern auf gleicher Stufe stehen. Entscheidungen sollen gemeinsam gefällt werden, und alle sind untereinander in der Nachfolge Jesu in Liebe um das Wohl jeder einzelnen verpflichtet. Das ist für die damalige Zeit ein völlig neuer „Führungsstil“. Keine Zweiteilung in Herrinnen und Mägde, die einen für die geistige, die anderen für die körperliche Arbeit. Klara selbst wollte „lieber demütig untertan sein als an der Spitze stehen“, wie ihr Chronist Thomas von Celano schreibt. Das ist nicht bloße Demutsübung, sondern eine Aufwertung der Würde und Selbstbestimmung jeder einzelnen Schwester in der Gemeinschaft.

1216 muss der Ruf der beiden franziskanischen Gemeinschaften aus Assisi schon weit verbreitet sein. So erwähnt der französische Bischof Jakob von Vitry in einem Bericht diese lobend und bewundernd: „Ich glaube, dass Gott durch solch einfache und arme Menschen viele Seelen vor dem Ende der Welt retten will – zur Schande der Prälaten, die so zahlreich sind wie Hunde, die nicht einmal bellen können.“

Und obwohl Kardinal Ugolino (Hugolin) mit der franziskanischen Bewegung durchaus sympathisiert, muss er versuchen, die vielen neu entstehenden Orden in geordnete Bahnen zu lenken. Zwischen ihm und Klara wird sich ein lebenslanger diplomatisch geführter Kampf aus diesen unterschiedlichen Positionen heraus entwickeln.

Obwohl die „armen Schwestern“ ein überwiegend kontemplatives Leben führen, ist ihr Haus nicht wie andere Klöster von einer strengen Klausur geprägt. Das geht einerseits aus mannigfaltig bezeugten Heilungen, die dort stattfinden, hervor. Immer finden auch Schutzbedürftige und sogar Waisenkinder Unterkunft. Und während die „armen Brüder“ des Franziskus in die Welt aufbrechen, um die Menschen zu Gott hinzuführen (Franziskus führt der Weg bis ins Heilige Land, wo er den Sultan zu Christus bekehren will), so wollen die „armen Schwestern“ – zwar sesshaft – durch ihr beispielhaftes Leben, durch ihre Begnadung, stellvertretend für alle Gott verherrlichen und ihm dienen. Diese Rolle, die Klara in ihrem Orden beispielhaft vorlebte, wurde auch in der Heiligsprechungsbulle 1255 durch Papst Alexander IV. hervorgehoben: „Sie war die neue Frau des Spoletotales, die einen neuen Quell lebendigen Wassers zur Erquickung und zum Nutzen der Seelen zu trinken reichte... Sie pflanzte und pflegte in der Tat auf dem Acker des Glaubens den Weinberg der Armut, von dem üppige und reiche Früchte des Heiles gesammelt werden.“

Ab 1220, als Franziskus schwer erkrankt aus dem Heiligen Land zurückkehrt, zieht er sich mehr und mehr aus seinem Orden zurück. Er übergibt die Leitung seinem Nachfolger und zieht sich des öfteren in Einsiedeleien zurück. Auch die Schwestern müssen zunehmend ohne seinen Rat auskommen. Doch wird er 1225, kurz vor seinem Tod, noch einmal ins Kloster San Damiano kommen, um sich dort von einer schweren körperlich-geistigen Krise zu erholen, die mit der Schaffung seiner weltberühmten Dichtung „Der Sonnengesang“ endet. Dieser wunderbare Lobgesang der Schöpfung, in dem er alle Geschöpfe und Gestirne des Alls als seine Geschwister preist, ist sicher auch Ausdruck seiner geschwisterlichen Liebe zu den Frauen, die sich seinem Lebensweg angeschlossen haben. Klara ist von demselben Geist beseelt, denn sie ermahnt ihre Schwestern dazu, „Gott zu loben, wenn sie schöne Bäume und ihre Blüten und Blätter sähen; und ähnlich, wenn sie Menschen und andere Geschöpfe sähen, sollten sie immer Gott über alle und in allen Dingen loben“.

Am 3. Oktober 1226 stirbt Franziskus. Bei dem feierlichen Geleit, das eine große Zahl Menschen diesem als heilig verehrten Mann geben, ziehen sie auch nach San Damiano, wo der Tote aufgebahrt wird, bevor er seine erste vorläufige Grabstelle in Assisi findet. Fortan muss Klara ohne seinen brüderlichen Rat auskommen und sich auch alleine gegen Verordnungen wehren, die ihre strikte Befolgung der Armut gefährden.

Eine wichtige Verbündete findet sie in der böhmischen Königstochter Agnes von Prag. Diese tritt 1234 in das von ihr gegründete Kloster ein, das sie im franziskanischen Geist führen will. Klara und Agnes führen von nun an einen regen Briefwechsel, in dem sie sich gegenseitig ermuntern, auf dem einmal gewählten Weg weiter zu gehen. Ihre „heiligste Herrin Armut“ müssen sie dabei immer wieder gegen päpstliche Autorität verteidigen. Welch unerschrockenes und eigenständiges Wesen Klara besitzt, kann man in ihren Briefen an Agnes nachlesen.

Agnes, die ein zweimaliges Werben des Kaisers Friedrich II. zur Heirat abgelehnt und damit auf höchste weltliche Macht zugunsten eines Lebens in Armut verzichtet hat, wird von Klara ausdrücklich dazu ermahnt, auch gegen höchste Würdenträger der Kirche zu opponieren, wenn diese sie von ihrem Weg in Armut und Demut abzubringen versuchen. „Wenn dir aber jemand etwas andres sagen, etwas andres einreden würde, was deiner Vollkommenheit hinderlich wäre, was der göttlichen Berufung entgegen scheint, wenngleich du ihm Verehrung schuldig wärest, befolge dennoch seinen Rat nicht!“ Welch wahrhaft mutige Einstellung zu damaliger Zeit! In Klaras Spiritualität steht die Nachfolge des armen Christus absolut im Vordergrund. In ihren Schriften gedenkt sie immer wieder dieses ihres himmlischen Bräutigams, der sich mit seiner Geburt der himmlischen Macht entäußert hat, ein Wanderleben ohne eigenen Besitz geführt und arm und geschunden am Kreuz gestorben ist. Kontemplation und mystische Erfahrung kennzeichnen Klaras geistliche Existenz. Sie erfährt und möchte diese Erfahrung weitergeben, „die Liebe jenes Gottes, der arm gelegt ist in die Krippe, der arm gelebt hat in der Welt und nackt geblieben ist am Schandpfahl“.

Doch Klara ist nicht nur innerlich und weltabgeschieden, sondern ebenso weltzugewandt. Ihre Mut, ihre Intelligenz und Weisheit haben sogar politische Dimensionen. Die Stadt Assisi hat Klara immer am Herzen gelegen. Es ist ihre Heimatstadt und die des heiligen Franziskus. Klara wollte mit ihren Schwestern nicht weit außerhalb, sondern in unmittelbarer Nähe der Stadt wohnen. In den Jahren 1240 und 1241, als die Truppen Friedrichs II. die Stadt einnehmen wollen, geschieht etwas Unglaubliches: die Truppen ziehen kampflos ab und lassen Assisi unberührt. Klara hatte mit ihren Schwestern darum gebetet. Seitdem wird Klara als Retterin der Stadt Assisi gefeiert.

Im Jahre 1253 stirbt Klara und wird wie schon vor ihr Franziskus zwei Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen. Neben ihrer Regel gibt sie, als sie den nahen Tod kommen spürt, in einem „Testament“ ihre Erfahrungen und Weisungen an die Nachfolgenden weiter: „Immer und immer wieder haben wir uns freiwillig unserer heiligsten Herrin Armut verpflichtet, damit nach meinem Tod die Schwestern, die jetzigen und die künftigen, in keiner Weise von ihr abweichen können.“ Freiwillige Armut und Frieden korrespondieren miteinander. Sie führen zu einer Geschwisterlichkeit untereinander und mit dem ganzen Kosmos. Eine Sehnsucht, die in jeden Menschen eingepflanzt ist.

Nicht von ungefähr wird das italienische Assisi im Jahre 1986 zum Ort des ersten Weltgebetstreffens aller Religionen. Das Leben von Klara und Franziskus wirkt über die Jahrhunderte in unsere und zukünftige Zeiten hinein als Mahnung und Ansporn zu einem friedvollen Miteinander. Johannes Paul II. sagte bei diesem geschichtsträchtigen Friedenstreffen in Assisi: „Franziskus und Klara sind Beispiele des Friedens: mit Gott, mit sich selber, mit allen Männern und Frauen dieser Welt.“ Und er lud alle ein, wie jene „Friedensarbeiter zu sein in Gedanken und in der Tat, Geist und Herz auf die Einheit der menschlichen Familie ausgerichtet.“

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