Eibingen

Lesen, Verstehen, Hinterfragen

Wie die St. Hildegard-Akademie den prophetischen Auftrag Hildegards für junge Menschen auf moderne Weise umsetzt. Von Andrea Bartl
Die St. Hildegar-Akademie im Porträt
Foto: Concorde (Concorde) | Szene aus dem Kinofilm "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen": Eine der zentralen Aufgaben der St. Hildegard-Akademie wird in der Übersetzung und Übertragung der Werke und Schriften ihrer Patronin in eine ...

Die St. Hildegard-Akademie hat sich neben der Wissenschaft und Forschung sowie der Weitergabe der benediktinisch geprägten Spiritualität in Europa auch die Vermittlung von Wissen und die Bildung der Jugend auf die Fahnen geschrieben. Das vielseitige theologische, künstlerische, natur- und heilkundliche Werk der Hildegard von Bingen war nicht nur im Mittelalter wegweisend und prägend für die christliche Kirchenwelt. Die Zugewandtheit, Direktheit und unmissverständliche Sprache dieser Visionärin und Prophetin ermöglichen auch anderen Interessierten den Zugang zu ihren Werken und schlagen eine Brücke in die Gegenwart. Die benediktinische Tradition und Hildegards Schriften haben nicht an Aktualität eingebüßt, bedürfen jedoch der Deutung für die heutigen verschiedenartigen Lebenswelten – ehrenvolle Aufgabe und Herausforderung zugleich für die Akademie.

Eine der zentralen Aufgaben der St. Hildegard-Akademie wird folglich in der Übersetzung und Übertragung der Werke und Schriften ihrer Patronin in eine zeitgemäße Sprache und Form liegen. Dieses spirituelle Erbe in lebensweltlich orientierten, realitätsnahen Bildungsangeboten für Jugendliche zugänglich zu machen und die für die europäische Kultur prägende benediktinische Werteorientierung als Rahmen zu vermitteln, ist die konsequente und moderne Umsetzung Hildegards prophetischen Auftrages an eine Generation, die der Orientierung und Interpretationshilfe vielleicht mehr bedarf als je zuvor.

Ein besonderes Spannungsmoment könnte hierbei in der Form liegen. „Ora et labora et lege“ – wie oft schon wurde der dritte Teil des benediktinischen Grundsatzes einfach weggelassen. Geradezu ein Frevel, denn mit Blick auf Fragen zur Bildung gilt zuvorderst „Es fängt mit dem Lesen an...“! Lesen bedeutet, einen Text mit den Augen aufzunehmen und dessen Sinn mit dem Verstand zu erfassen. Der kritische Geist setzt sich mit dem Gelesenen auseinander und hinterfragt dieses. Nur, wer wirklich versteht, kann hinterfragen. Nur wer hinterfragt, kann teilhaben und aktiv gestalten. Die Akademie findet in der klösterlichen Tradition des Tischlesens die ideale Basis. Im (Vor-) Lesen – und Zuhören – werden von Kindheit an wertvolle soziale Beziehungen geschaffen und bieten sich einzigartige Zugänge zu vielfältigem Wissen. Mittels iPad oder gedrucktem Buch eröffnen sich neue Welten und reiche Anlässe zum gemeinsamen Gespräch.

Aber nicht nur die Übertragung des Inhalts oder das Finden der passenden Form wird eine wichtige Aufgabe sein, auch die Zielgruppe der Jugendlichen selbst wird die Akademie vor neue Fragen stellen. Ihre kirchliche Bildungsarbeit trifft mit Sicherheit auch auf junge Menschen, deren Lebensgestaltungen und Überzeugungen auch ohne gefühlte oder tatsächliche Zugehörigkeit zu einer verfassten Religionsgemeinschaft vielgestaltig sein können. Dies gilt es als didaktische Herausforderung wahrzunehmen und verlangt nach einer weniger traditions- als vielmehr zukunftsorientierten und offenen Herangehensweise. Die Akademie bietet auch diesen Menschen Lernorte und -formate für die Begegnung und Auseinandersetzung mit den benediktinischen Werten und Grundsätzen, deren Relevanz sich für den Einzelnen als lebensdienlich erschließen kann. Ich wünsche der Akademie die Offenheit und den Mut, in der Arbeit mit und für die Jugend diese inhaltliche Auseinandersetzung und den sinnstiftenden Diskurs zu suchen und zu nutzen.

Auch wenn gelebte Demut und Bescheidenheit sie auszeichneten, bin ich mir sicher: die Gründung der St. Hildegard-Akademie hätte dieser herausragenden und weltweit geachteten Mutter, Äbtissin und Kirchenlehrerin zumindest ein kleines Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Kann sie doch nun sicher sein, dass ihr prophetischer Auftrag als „Posaune Gottes“ eine weitere würdige Fortsetzung im Hier und Jetzt findet. Ich wünsche der St. Hildegard-Akademie von ganzem Herzen Gottes Segen und die Erfüllung des Versprechens ihrer Patronin: „Was immer ich beginne, ich halte es durch...“.

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