Glaube und Kunst

Kunst ist ein Gottesbeweis

Frédéric Schwilden ist nicht nur Redakteur bei der Zeitung „Die Welt“, er ist auch Fotograf, Schriftsteller und Katholik. Glaube und Kunst, findet er, müssen wehtun.
Frédéric Schwilden am Rande des Katholikentags.
Foto: Sutter | Camping mit Segen: Frédéric Schwilden am Rande des Katholikentags.

Wie würde Frédéric Schwilden einen Katholikentag gestalten?

Ich würde Anne Imhof, sie hat den Goldenen Löwen in Cannes für „Pavillion“ gewonnen, und Jonathan Meese – er sollte ein Bühnenbild für die Festspiele in Bayreuth machen, wurde dann aber raus geschmissen – das Bühnenbild entwerfen lassen. Ich will, dass Georg einen Drachen tötet, hier, vor allen. Es müssen 1 000 Liter Kunstblut über den Platz fließen und es muss eine Riesenorgel geben, die so laut ist, dass Gebäude einstürzen. Es muss die härteste und größte Installation sein, die es gibt. Ich glaube an die Kraft von Kunst. Die Künstler, die Obdachlosen, Huren und Junkies würden das Programm vorlegen. Das sind die Leute, die existenzielle Fragen jeden Tag haben.

„Jesus Christus hat sich auf den Tisch gelegt, hat gesagt:
‚Ihr könnt mich erschießen, ihr könnt mich ans Kreuz nageln, ich mache das für euch‘.
Das trauen sich nur Künstler. Die Kunst kann das“

Also Drama, Kunst, Existenzialismus?

Ich glaube an die Kraft der Kunst. Es ist interessant: Es war in der Geschichte größtenteils die Kirche, die die Kunst finanzierte. Die Maler beauftragte, zum Beispiel jemanden wie Caravaggio, der ja jemanden umgebracht hat. Und trotzdem hat er in Sizilien Gemälde für Kirchen gemalt. Wir brauchen heute diese Leute, die Sünder sind und sich mit der eigenen Fehlbarkeit auseinandersetzen und uns das spüren lassen.

Deswegen will ich auch die Kirche. Ich will ja Drama, Tod und Blut. Es geht mir um die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen. Ich möchte Leben und Tod und die Frage, was danach kommt. Die Künstler und Obdachlosen können mir diese Fragen mehr beantworten als der 27. promovierte Sozialwissenschaftler.

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Gibt es Künstler mit katholischem Hintergrund, die Sie gut finden?

Markus Lüpertz hat ein Kirchenfenster bemalt. Seine Kunst finde ich total langweilig, aber ich finde gut, dass er noch an dem Dikatorischen der Kunst festhält. Lüpertz ist halt jemand, der sagt „die Kunst darf alles“. Ich finde, das muss auch im Glauben so sein, dass irgendwas krasser ist als die banalen Autoritäten unseres Lebens. Da sehe ich auch bei Maurizio Cattelan. Der wird etwas belächelt, aber der ist witzig. Ich finde, dass Katholizismus auch etwas mit Selbstironie und Humor zu tun hat. Du kannst der dicke, lustige Mönch sein und trotzdem bist du dabei. Da nimmt die Kirche den Menschen wieder in der kompletten Menschlichkeit wahr. Das gibt es im Protestantismus nicht so. Christoph Schlingensief finde ich auch total gut. Einer seiner ersten Filme hieß „Das Deutsche Kettensägen-Massaker“. Es geht um die Mauer, die gefallen ist, und ein Metzger macht aus Ostdeutschen Wurst. Das sagt ja alles über die Wende aus Sicht der westdeutschen Gesellschaft. Da kommen die Ossis, und wir machen Wurst draus. Das ist gut, weil es eben wahr ist. Auch ganz toll: Schlingensief hat Arbeitslose an den Wolfgangsee gefahren, wo Helmut Kohl immer Urlaub gemacht hat. Er wollte, dass so viele Arbeitslose in den See gehen, dass der ganze Ort dort überschwemmt wird. Diese Furchtlosigkeit, diese Respektlosigkeit, ist ganz wichtig.

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Furchtlosigkeit und Respektlosigkeit in der Kunst?

Ja, überall. Auch im Journalismus, wenn ich Politiker interviewe. Ich frage Leute etwas, was sie in ein schlechtes Licht rücken kann. Das müssen wir aushalten.

Deswegen muss Kunst wehtun, deswegen muss Glaube wehtun dürfen. Ich möchte nicht Leute verletzten, aber es muss möglich sein, sie zu verletzen. Und das kann die Kunst.

Glauben Sie, dass die Kunst die Kraft hätte, Leute wieder sensibel zu machen für den Glauben?

Kunst ist für mich ein Gottesbeweis. Marina Abramović hat die Performance „The Artist is present“ gemacht. Das ist ihre bekannteste Arbeit. Sie hat sich in der Ausstellung einfach hingesetzt. Leute haben geweint, einfach weil sie der Frau so lange in die Augen geguckt haben. Bei einer frühen Arbeit lag sie nackt in Galerieräumen – da gab´s eine Schere, eine Pistole, alles – du konntest mit dieser Frau machen, was du wolltest. Besucher haben sie geschnitten, verletzt, eine Waffe auf sie gerichtet – die Ausstellung wurde abgebrochen. Das ist für mich Gottvertrauen und gleichzeitig die Passion Christi. Weil genau das hat Jesus für uns gemacht. Jesus Christus hat sich auf den Tisch gelegt, hat gesagt: „Ihr könnt mich erschießen, ihr könnt mich ans Kreuz nageln, ich mache das für euch“. Das trauen sich nur Künstler. Die Kunst kann das.

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Was verbindet Kunst und Glaube außerdem noch?

Der Berufungsmoment. Einen Ruf verspürt ein Künstler wie auch ein Priester. Die Fotos, die ich mache, mache ich, weil ich sie machen muss. Das ist ein Drang in mir. Auch mein Roman. Ich will damit nichts sagen, wie z. B.  „wählt die Grünen, die CDU“ oder „rettet die Welt“. Das ist ein Kunstwerk. Das ist, wie wenn man sich David Lynch Filme anguckt. Da sieht man einfach ganz lange nur einen Baumstamm und ganz viel Licht. Keine Ahnung, was das bedeutet.

Heute wird Kunst ja verzweckt, sie deutet auf politische Missstände hin. Wie finden Sie das?

Das finde ich furchtbar. Das ist dann eigentlich Design, also angewandte Ästhetik. Das kann Kunst natürlich machen, aber das finde ich eindimensional. Als politisch-menschlicher Teil einer Gesellschaft finde ich es natürlich richtig, dass man Probleme anspricht. Ich finde aber, dass die Kunst und die Religion zu groß sind, als dass sie so etwas Banales sagen sollte wie: „Wir brauchen 17 Prozent mehr Leute mit diesem und jenem Körpermerkmal in der Position“. Das finde ich langweilig.

Können Sie etwas über Ihren Roman verraten?

Er wird im Piper-Verlag erscheinen und „Toxic Man“ heißen. Das ist eine Anlehnung an „Radioactive Man“. Der ist so ein sehr schlechter Superheld aus den Simpsons. Es geht um einen jungen Mann, der zu viele Drogen nimmt, der eine Familie gründet, der mit sich selbst und der Welt ringt. Der in Sizilien aufwacht, in New York, der sich den Kopf an der Wand anschlägt und ein bisschen blutet. Das ist auch eine existenzielle Frage: Ob der eigene Körper nicht auch banal ist. Die Geschichte ist eine Erforschung der eigenen Familiengeschichte des Säufers in der Familie, des Kaputten in der Familie, und ob man sich davon losmachen kann oder nicht.

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