Datenschutz

Kann ich bitte mit meinen Daten zahlen?

Datenschutz ist gut und wichtig.  Wichtiger wäre es, eine ethische Klärung herbeizuführen, wie  der Mensch die  Hoheit über seine Daten behalten kann und welche Ausnahmen es geben darf und soll.   
Data Mining
Foto: doc-media (imago stock&people) | Digital-Unternehmen wissen beinahe alles von Menschen, die ihre Dienste nutzen. Zumindest können sie sich das meiste aus dem Surfverhalten und von Beiträgen „zusammenreimen“. Sie nutzen diese Informationen hemmungslos.

Jeder kennt die Frage, ob er mit Karte zahlen könne. Die Frage, ob man mit Daten zahlen könne, stellt niemand. Daten sind jedoch die Währung der Internetgesellschaft. Darüber ist nie eine Debatte geführt worden, denn allzu lange haben Denker und Politiker geglaubt, dieses Internet werde sich niemals durchsetzen. Es ist allerdings so dominant geworden, dass es Lebensbereiche durchdringt. Kühlschränke, Heizung, Waschmaschine und Deckenleuchte sind längst smart und produzieren Daten.

„Kostenloses Wissen“ scheitert an der Realität

Es gibt dabei ein Problem: Dinge wollen bezahlt werden, weil auch die Bäcker ihr Brot nur gegen Geld verkaufen. Die Internetprotagonisten der ersten Tage brauchten kein Geld zu verdienen, weil sie entweder als Wissenschaftler oder als Studenten lebten. Seit Anfang des Jahrtausends muss mit und im Internet Geld verdient werden. Auch virtuell lebende Nerds müssen reale Brötchen essen. Selbst das Grundnahrungsmittel Kaffee kostet Geld. Die Grundidee des Internet kollidiert hier mit der Realität, Geld verdienen zu müssen. Das Internet sollte alles Wissen an allen Orten zu allen Zeiten kostenlos verfügbar machen. Was in einem Wissenstransfernetz für Wissenschaftler geht, scheitert spätestens, wenn Programme, Bilder oder Texte für Geld verkauft werden müssen. Am Ende müssen die Programmierer ihre Cola und Pizza bezahlen. Administratoren und Manager wollen Gehälter. Das muss eingenommen werden. Noch immer ist die Bezahlschranke im Internet verpönt. Man kann es als Kinderkrankheit ansehen.  

Soziale Netzwerke bieten ihre Dienste   scheinbar   kostenlos an. Premiumdienste hingegen kosten Geld. Dieses Geld geben Unternehmen aus, weil die Netzwerke etwas besitzen, das in unserer Zeit viel Geld wert ist: Daten. Es sind die Daten, die die Nutzer bei jeder Aktion abliefern und damit faktisch den Dienst des Netzwerkes bezahlen. Diese Daten sind, in der Menge, in der sie ungefragt gesammelt werden, Milliarden wert sind.  

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Wer bei Facebook oder Google wirbt und die Zielgruppe nur hinreichend genau identifiziert und definiert, schaltet die effektivste nur denkbare Werbung zu akzeptablen Kosten. Das geht, weil die Netze über ihre Nutzer alles wissen. Ursprung dieses Wissen sind die Nutzer. Statusmeldungen, Fotos, Standortdaten des Smartphones, Kontakte, erhaltene und verteilte Likes und jegliche andere Aktion im Netzwerk und über Trackingcookies noch weit darüber hinaus, zeichnen ein zu hundert Prozent zutreffendes Bild vom Nutzer, von seinen Interessen und damit für welche Werbung er empfänglich ist. Die Algorithmen werden immer präziser, so dass der Nutzer Werbung bekommt, von der er noch gar nicht wusste, dass er sich dafür interessieren könnte. Daten sind eine Währung und es gibt keine Zentralbank, die dieser Währung Spielregeln gibt. 

„Jeder Facebook-Nutzer schreibt heute
im Netzwerk ein persönliches Logbuch“

In einer Folge der Science fiction- Serie "Voyager" aus dem Star Trek-Universum greift ein Mannschaftsmitglied auf das persönliche Logbuch des Captains zu. Es ist zu erkennen, dass die Daten mit wenig Aufwand zugänglich waren. Daten insgesamt sind in den Raumschiffen, die kreuz und quer durchs Weltall fliegen omnipräsent. Als gäbe es ein interstellares Internet, können Raumschiffbesatzungen zu jeder Zeit auf alle möglichen Informationen der Sternenflotte zugreifen. Das geht recht einfach und nirgendwo ist ein besonderer Schutz der Daten ein Thema.  

Ein viel wichtigeres Thema als der reine Schutz der Daten ist eine Idee, die in unserer Zeit nicht einmal am Horizont aufscheint. Es existiert in dieser fiktiven Zukunft offensichtlich eine dezidierte, allgemein akzeptierte Datenethik. Natürlich wird jenes übergriffige Mannschaftsmitglied vom Captain des Raumschiffs zur Rechenschaft gezogen. Das verwundert nicht. Was auffällt, ist die Art, wie sich die einhellige Empörung der Mannschaft über dieses Eindringen in fremde Daten äußert. Da wurde ein Tabu gebrochen. Jeder Facebook-Nutzer schreibt heute im Netzwerk ein persönliches Logbuch. Genau dieses Logbuch wertet Facebook aus, um aus den Daten Geld zu machen. Facebook, Google, Amazon und Co. tun nichts anderes als jenes fiktive Mannschaftsmitglied getan hat. Niemand hier empört sich darüber.  

 

Uns fehlt eine Datenethik. Wir haben keine Standards, was mit Daten geschehen darf, was gerade noch zu akzeptieren ist, was tabu ist oder wo die Abgabe von Daten akzeptierte Opportunitätskosten sind. Jede Datenschutzdebatte geht vollends ins Leere oder in den Rigorismus, wenn keine allgemein und verbindlich akzeptierten ethischen Standards existieren. Die Praxis zeigt es. Es herrscht Willkür im Umgang mit Daten genauso wie im Datenschutz. Wir haben in Deutschland sehr aktuelles Beispiel. Die ineffiziente und nicht akzeptierte App zur Corona-Infektionsverfolgung. Einerseits liefern die Menschen Gigabyte um Gigabyte bei Internetkonzernen ab, andererseits laufen Datenschützer amok, wenn weitaus weniger Daten zum Infektionsschutz ausgewertet werden sollen. Welcher Maßstab anzulegen ist, wird nicht diskutiert. Datenschutz kann kontraproduktiv sein, doch wir wissen es nicht, weil datenethische Standards fehlen. Die Datenschutzgrundverordnung der EU ist ein Rechtsmonstrum, das weitaus mehr verhindert als ermöglicht. Datenschutz wird so zum Hemmschuh für Entwicklung. Er wird sogar zum Risiko. Die vorbildliche App Luca ist so sicher, dass man sie absurderweise viel zu leicht austricksen kann, wie in jüngster Zeit mehrfach bewiesen wurde. 

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Ein Gegenbeispiel sind die Fitnesstracker. Alles, was die Corona-App nicht darf, geschieht hier in aller Selbstverständlichkeit. Darf die App den Nutzer vor einem Gesundheitsrisiko warnen, wenn das bedeutet, dass die Betreiberfirma von diesem Risiko auf Person rückverfolgbar erfährt? Darf man dann Werbung für Gesundheitsprodukte zielgenau auf die angenommene Diagnose hin schalten? Ein Arzt könnte feststellen, dass die App falsch lag mit der Diagnose. Wer berichtigt falsche Daten und wo landen diese falschen Daten? Bekommt ein Bewerber einen Job nicht, weil fälschlicherweise von der Fitness-App des Bewerbers ein kardiovaskuläres Risiko festgestellt wurde? Dann steht mehr als nur die Haftungsfrage im Raum. Denn es muss hinterfragt werden, ob es ethisch verantwortbar ist, solche Daten überhaupt auszuwerten, zu speichern und weiterhin zu verarbeiten. Zudem ist der Nachweis oft kaum zu erbringen, welche Daten wie genutzt wurden. 

Datenschutz? Eine Sisyphos-Aufgabe!

Derzeit geht man von etwa 45 Billionen Gigabyte gespeicherter Daten aus. Die Mehrheit davon ist als Sensordaten ohne aktives Zutun generiert worden. Dazu gehören Standortdaten vom Smartphone ebenso wie Herzfrequenz oder Bewegungsdaten von Smartwatches. So lange diese Daten ohne jedes ethische Regelwerk und ohne eine breite Diskussion, welche Daten überhaupt auf welchem Wege erhoben und wo gespeichert und ausgewertet werden dürfen, erübrigt sich jede Datenschutzdebatte. Es braucht mindestens ein Grundrecht auf  Hoheit über die eigenen Daten. Dabei spielt es keine Rolle, wer die Daten wo und wie erhebt und speichert. Dienstleistungen müssen, auch wenn sie im Netz erbracht werden, fair vergütet werden. Wenn Daten die Währung sein sollen, dann muss der Inhaber der Daten seine Datengeldbörse in der Hand haben und transparent nachvollziehbare Zahlungen leisten können. Diese Debatte muss geführt werden, denn die Datenerfassung werden nicht wieder einstellen können. 

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