Kämpferin für das Leben

Die Welt ist gut: Das Lindenthal-Institut ehrte die Philosophie Elisabeth Anscombe zum hundertsten Geburtstag. Von Alexander Riebel
Elisabeth Anscombe
Foto: IN | Engagierte sich tatkräftig für die Bioethik: Elisabeth Anscombe.

In der Regel sperren sich Philosophen dagegen, Aussagen über Bioethik zu machen. Das Thema sei zu konkret und in einer Prinzipienwisssenschaft nicht einlösbar. Dass es aber eine solche Philosophie der Bioethik sogar schon vor „Humane vitae“ gab, war ein Verdienst der Wittgenstein-Schülerin Elisabeth Anscombe (1919–2001), was durch ihren Bezug auf Aristoteles und Thomas von Aquin möglich wurde. Anscombe, die der analytischen Philosophie zugerechnet wird und damit einer Strömung der Metaphysikkritik und der Ablehnung letztgültiger Normen, ist damit eine große Ausnahme – wie auch ihr Ehemann Peter Geach. Das Lindenthal Institut in Köln hat unter Leitung seines Geschäftsführers Johannes Hattler gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt die Philosophin zu ihrem hundertsten Geburtstag mit einer Tagung zu Aspekten ihres Werks geehrt. Anscombe hatte in Oxford studiert und später in Cambridge gelehrt, nach dem Tod Wittgensteins hat sie viele seiner Werke übersetzt.

Einführende Impulse zur Rezeptionsgeschichte Anscombes in Deutschland hat Martin Hähnel von der KU Eichstätt-Ingolstadt gegeben. So habe Robert Spaemann ein ähnliches Verständnis von Philosophie gehabt wie Anscombe, auch die heutige Leipziger Philosophie-Schule mit Sebastian Rödl beziehe sich immer wieder auf die englische Philosophin, in Erlangen sei es Erasmus Mayr und in Darmstadt Jens Kertscher.

Anscombe, die wie ihr Mann zur katholischen Kirche konvertiert ist, hat nach Hähnel sowohl die Position vertreten, dass Glaube und Vernunft vereinbar sind, sowie auch, dass die Philosophie Glaubenswahrheiten stützen könne. Von besonderer Aktualität sind ihre Ausführungen zur Bioethik, die durch ihren Glauben beeinflusst seien. Dabei ist ein Kerngedanke Anscombes Abwehr der instrumentellen Vernunft, wie Professor Stephan Kampowski vom Päpstlichen Institut Johannes Paul II. in Rom zeigte. Denn dieses mangelhafte Verständnis von Vernunft, den Menschen bloß als Mittel zu sehen, sei bei der Abtreibung, der Euthanasie, der Verwandlung in ein anderes Geschlecht und beim Eingriff in Embryonen im Spiel – alles Themen, die schon Anscombe angesprochen hat. Menschenwürde sei für Anscombe weder messbar noch produzierbar. Die häufigste Verletzung der Würde sieht Kampowski im Leib. So sei etwa die Empfängnisverhütung ein „absichtlich unfruchtbar gemachter Geschlechtsakt“, ein „steriler Gebrauch der Geschlechtsorgane“. Wenn es dann doch zu einem Kind komme, spreche man von einem „Unfall“. Wer für die Verhütung sei, habe auch kein Argument mehr gegen die Homosexualität – denn auch hier gehe es um einen unfruchtbaren Geschlechtsakt. Beides widerspricht der Tugend der Keuschheit, die Anscombe empfiehlt, ja sie nennt dies sogar eine mystische Tugend, die eine vernünftige Weise sei, sexuell zu leben und die Kostbarkeit des daraus hervorgehenden Lebens erkennt. „Es gibt keine beiläufigen sexuellen Akte“, heißt es bei Anscombe, die einen engen Zusammenhang zwischen Abtreibung und Verhütung gesehen hat. Kampowski hat amerikanische Richter zitiert, die das vermeintliche Recht auf Abtreibung nicht einschränken wollten, weil sich die Menschen an den Lebensstil gewöhnt hätten. Dass die Gewohnheit zum Recht werden kann, hat auch Anscombe schon gesehen. Und daher stimme es auch nicht, dass Verhütung keine Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Denn die Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit verändert die Gesellschaft, macht die Sexualität unverbindlich und verantwortungslos. Aber, darauf wies Kampowski hin, Verhütungsmittel seien von Menschen gemacht und daher fehlbar. Auf den engen Zusammenhang zwischen Abtreibung und Verhütung habe auch schon Johannes Paul II. aufmerksam gemacht, auch er sah Abtreibung als Auffangnetz für gescheiterte Verhütung. Für Anscombe war ein Fötus Person, und ihn zu töten bedeutet die Tötung eines Unschuldigen. Ganz anders als die Philosophin Judith Thompson, die damals die Auffassung vertrat, der Embryo sei ein Eindringling, der es sich im Mutterleib bequem mache.

Auch künstliche Befruchtung hat Elisabeth Anscombe abgelehnt, weil es hierbei keine Vater- und Mutterschaft durch einen Zeugungsakt gebe. Wer im Reagenzglas zeuge, ist kein Vater sondern ein Hersteller und das Kind wird nur ein Produkt; es habe keine Gleichheit mit den Eltern. Anscombe, die selbst Mutter von sieben Kindern war, wusste über die Bedeutung des Unterschieds, ob ein Kind im Liebesakt gezeugt wurde, künstlich hergestellt oder ein „Unfall“ war. „Wir sind für die Liebe gemacht“, heißt es schon bei Sophokles, und niemand möchte sich durch die Wünsche eines anderen instrumentalisiert wissen.

Anscombe konnte für ihre Ideen auch kämpfen, sie argumentierte nicht nur im Hörsaal. Sie demonstrierte gegen Abtreibung, auch vor Kliniken und wurde dabei verhaftet, von Polizisten an Armen und Beinen weggetragen. Vor ihrer zweiten Verhaftung hatte sie sich angekettet und den Schlüssel nicht dabei.

Über Anscombe und die natürliche Theologie referierte Professor Henning Tegtmeyer von der KU Leuven. Sie war eine Anhängerin des Nachdenkens über das Göttliche allein aus vernünftigen Gedanken ohne Autoritätsargumente. So stand sie eher auf dem Boden von Descartes oder Leibniz und war eine scharfe Kritikerin von Pascal, Jacobi oder Kierkegaard. In ihrer eher ethischen Betrachtung des Verhältnisses von Gott und Mensch warnte sie vor der Annahme einer geistigen Seele oder dass diese eine immaterielle Substanz sei – eine positive Bestimmung der Seele sei nicht möglich. Mit den Bestreitern der Existenz Gottes hatte sie jedoch wenig Geduld – sie seien historisch uninformiert. In Fragen der Theodizee sei Anscombe weder für die beste aller Welten wie Leibniz, noch für die schlechteste eines Schopenhauer: Es genügte ihr, dass die Welt gut ist, in der Gott Böses zulassen kann, obwohl er Böses nicht will. Der Mensch ist verantwortlich.

Von Professor Katharina Nieswandt von der Concordia Universität in Montreal war es interessant zu erfahren, dass sich einer der Grundbegriffe Anscombes, der der Regel, vom Verständnis Wittgensteins unterscheidet. Bei ihrem gemeinsamen Primat der Praxis und dem Handeln nach Regeln gibt es bei Anscombe mit Rückgriff auf Aristoteles' Güterlehre das Gut der Selbstbestimmung, durch das Regeln einer Gesellschaft geändert werden könnten. Wittgenstein hatte eher das Regelbefolgen thematisiert. Durch diese Volte macht die Philosophie Anscombes Hoffnung, dass sich die Gesellschaft doch noch mehrheitlich zur Würde des Menschen bekennen könnte.

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