Feuilleton

Junge Zuschauer können sich nicht distanzieren

Endlich liegen konkrete Erkenntnisse darüber vor, wie Casting- und Realityshows bei Jugendlichen ankommen. Von Max-Peter Heyne
Ein Spiel mit Emotionen:  „Germany's next Topmodel“
Foto: dpa | Ein Spiel mit Emotionen: Lachen und Weinen gehörten in „Germany's next Topmodel“ schon immer zusammen, links im Bild Heidi Klum.

Kaum waren die „Schmuddel-Talkshows“ aus dem deutschen Fernsehalltag verschwunden, mussten sich Medienpädagogen und -Politiker sogleich mit neuen Formaten des Privatfernsehens beschäftigen. Diese stellten auf ähnlich zwiespältige Weise Menschen vor der Kamera bloß, aber die die Quotenerfolge der Quasselshows wurden noch deutlich übertroffen: mit den sogenannten Casting- und Coachingshows. Das Interesse des zumeist weiblichen, jugendlichen Zielpublikums an diesen Sendungen liegt auf der Hand: Sie bedienen ein voyeuristisches Interesse daran, wie es am Tisch oder im Kinderzimmer anderer Familien so zugeht oder wie sich Menschen in Wettbewerbssituationen verhalten.

Weil Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) oder „Germany's Next Topmodel“ (GNTM) bewusst Grenzen des Tolerablen im Umgang mit Kandidaten ausloten, mussten sich auch Jugendschutzbeauftragte verschiedener Institutionen intensiv mit diesen TV-Formaten beschäftigen, was auch die eine oder andere Beanstandung nach sich zog: Im Jahr 2007 rügte die Niedersächsische Landesmedienanstalt gleich fünf Ausgaben der Castingshow DSDS wegen Verstößen gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, was ein Bußgeld von immerhin 100 000 Euro für den Sender RTL nach sich zog.

Aber was die Jugendlichen von diesen Shows tatsächlich halten oder welche Werteorientierungen TV-Stars wie Dieter Bohlen oder Heidi Klum den jungen Zuschauern bieten, darüber konnte bislang nur spekuliert werden. Nicht zuletzt wegen der anhaltenden Erfolge und Zunahme dieser TV-Formate hatten die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und die Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM) ein großes Interesse an medienwissenschaftlichen Erkenntnissen. In einer Art konzertierten Aktion wurden daher mit Unterstützung staatlicher Institute verschiedene deutsche Forschungsinstitutionen und Hochschulen damit betraut, Untersuchungen zur Rezeption von Casting- und Coachingshows bei Kindern und Jugendlichen durchzuführen. Denn die Zwölf- bis Zwanzigjährigen zählen mit Marktanteilen bis zu 62 Prozent zur Hauptzielgruppe dieser Sendungen. Die wichtigsten Ergebnisse dieser fünf aufwändigen Wirkungsstudien liegen nun auch in einer für Laien leicht lesbaren Form vor, die bei der Lektüre zugleich noch viel über die Methodik in der Medienwissenschaft erfahren: Das Sachbuch „Auf Augenhöhe“ bietet allen, die bei dem Thema der Wirkung umstrittener Fernsehsendungen mitreden wollen, konkrete, sachliche Argumente.

Größtenteils geben die Medienwissenschaftler Entwarnung: „Die Jugendlichen sind sich sehr wohl darüber bewusst, zu welchem Zweck die Emotionalisierung hergestellt und kommunikativ eingesetzt wird. Zugleich beschreiben sie eben diese Strategie als wirksames Mittel der Publikumsbindung“, bilanzieren die Medienwissenschaftlerinnen Margreth Lünenborg, Berlin, und Claudia Töpper, Potsdam, die Ergebnisse einer Studie, in denen gezielt provokative Elemente der Castingshows innerhalb verschiedener Zuschauergruppen diskutiert wurden. In dieser wie auch in anderen Studien wurde deutlich, dass sich Kinder und Jugendliche stärker mit den Kandidaten identifizieren als Erwachsene und sich deren Verhaltensweisen für ihre eigene Realität zunutze machen. Die Anstrengungen zur Selbstoptimierung werden vor allem von Jüngeren quasi wie eine Handlungsfolie gesehen, die mit eigenen, inner- und außerschulischen Erfahrungen verglichen werden kann und Orientierung bietet. Damit, so die Forscher, folgt die junge Zielgruppe zwar einerseits „der Inszenierungslogik dieser Sendungen“, sieht den Umgang mit den Kandidaten aber zugleich sehr kritisch: „Vor allem für die befragten Jugendlichen stellte die voyeuristische Inszenierung weinender Menschen eine Grenzverletzung dar“, so Lünenborg und Töpper, die als Teil der Sendung nicht rigide abgelehnt, aber verurteilt wird. „Von einem Gewöhnungs- oder gar Abstumpfungsprozess durch eine regelmäßige Nutzung dieser Sendungen“ kann daher „nicht gesprochen werden“, sagen die Forscherinnen: „Eigene, empathische Teilhabe und das Wissen um medienspezifische Inszenierungsstrategien und deren Einsatz zum Zweck der Emotionalisierung als wirksames Mittel der Publikumsbindung schließen sich nicht gegenseitig aus.“

Wer zwischen acht und dreizehn Jahren ist, lässt sich von der Faszination der Wettbewerbssituation der Castingshows gefangennehmen und vermag den hohen Grad der Inszenierung der einzelnen Situationen und der Sendungen insgesamt noch nicht erkennen.

Hinter der magischen Grenze von dreizehn oder vierzehn Jahren werden die Darstellungs- und Vermarktungsmechanismen der Formate von den Jugendlichen klarer durchschaut und kritischer bewertet: „Es fällt auf, dass sich die negativen Stimmen zur DSDS-Jury als Bewertungsinstanz mehren, je älter die Befragten sind“, schreiben die Medienforscher Daniel Hajok und Olaf Selg und sehen dies als Zeichen für den stärkeren Einfluss inzwischen etablierter, „persönlicher Werturteile“. „Die Gefahr einer Übernahme problematischer Verhaltensmuster scheint nicht zuletzt dadurch minimiert, dass Kinder und Jugendliche sich stark mit den Kandidaten identifizieren und eine hohe Sensibilität für deren Verletzlichkeit haben“, so Hajok und Selg.

Die Kritikfähigkeit der jugendlichen Zuschauer gegenüber Tabuverletzungen ist also nachweisbar. Dem stehen allerdings ernüchternde Ergebnisse gegenüber, was die Studien darüber ermittelten, was den Befragten über die generelle, sozialpolitische Ausrichtung der Sendungen bewusst ist: Wie die Forscher anhand detaillierter Inhaltsanalysen der Sendungen herausarbeiteten, vermitteln die Formate implizit problematische soziale Botschaften, wie etwa bei Heidi Klums (GNTM) von der vermeintlich notwendigen weiblichen Selbstvermarktung um nahezu jeden Preis. Weder wird die offenkundige Sexualisierung von jungen Frauen in „GNTM“ noch die reißerisch aufbereitete Innenansicht prekärer Familienverhältnisse bei „Die Super-Nanny“ von jüngeren, aber auch älteren Zuschauerinnen und Zuschauern ausreichend reflektiert. Sogar junge Studentinnen lassen sich von dem Zwiespalt einer Sendung wie GNTM anstecken und sehen die Verantwortung für das, was vor der Kamera geschieht, sogar überwiegend bei den Kandidatinnen, die sich angeblich im Klaren darüber sein müssten, was alles auf sie zukommt. Bedenklich sind diese Ergebnisse, da viele Jugendliche das Dargestellte für echt oder einen Ausschnitt von Realität oder eine für ihren Lebensalltag nützliche Information halten, während die Sendungen tatsächlich „von der Wirklichkeit kaum etwas sichtbar“ machen, die „nur als optisches Versatzstück in einer Dramaturgie dient, in der aggressive Vorurteile produziert werden“, so die Soziologinnen Ulrike Prokop (Marburg) und Anna Stach (Kassel).

Daniel Hajok/ Olaf Selg/Achim Hackenberg (Hg.): Auf Augenhöhe? Rezeption von Castingshows und Coachingsendungen. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2012, 272 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-86764-344-3, EUR 29,90

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