Gender & Gott

Ist Gender-Denken für Christen akzeptabel?

Nicht erst seit Beginn des sogenannten Synodalen Weges gibt es eine Debatte: Ist Gender-Denken atheistisch und damit christlich inakzeptabel? Ein Blick auf die Ursprünge und die Wirkung dieser Ideologie zeigen ein deutlichen Ergebnis.
Homosexuelle Demonstranten provozieren mit der Behauptung, die Kirche lehre ihre sexuelle Präferenz zu „hassen“.
Foto: dpa | Homosexuelle Demonstranten provozieren mit der Behauptung, die Kirche lehre ihre sexuelle Präferenz zu „hassen“.

Das jüngste Spezial-Heft der Freiburger „Herder Korrespondenz“ mit vielen lesenswerten Beiträgen trägt den Titel „G*tt – Mehr als eine Frage“. Im Artikel von Saskia Wendel (Tübingen) wird die Gender-Schreibweise des Gottesnamens, wie ihn katholische Jugendverbände fortan verwenden wollen, kritisch diskutiert und mit Blick auf die Übergeschlechtlichkeit und Einzigartigkeit Gottes als wenig gewinnbringend gesehen.

„Bleiben wir bei den bewährten und verständlichen Begriffen von Gott und Mensch,
von Mann und Frau, von Leib und Seele –
und bleiben wir bei den je neu zu entdeckenden Inhalten dieser Begriffe,
die das Menschsein prägen“

Für Robert Spaemann ergeht „der letzte Gottesbeweis“ nietzsche-resistent aus der grammatikalischen Logik des mit dem Praesens verbundenen „Futurum exactum“ (was ist, ist auch in Zukunft) und kann natürlich nicht einer Genderlogik unterworfen werden. Gott ist weder Mann noch Frau, sondern der, der als Schöpfer den Menschen als sein Ebenbild erschuf: „Männlich und weiblich erschuf er sie“ (Gen 1, 27).

Mit Gender wird nicht nur eine weitgehend abgelehnte künstliche Manipulation der Sprache verbunden, sondern auch eine völlig neue Anthropologie, in der das Geschlecht nicht mehr biologisch aufgrund der Erschaffung vorgegeben, sondern als soziale Rolle selbst gewählt wird, sodass es zu „fließenden Identitäten“ des Mann-, Frau- oder divers-Seins kommt. Die Erfinderin dieser Theorie, die Amerikanerin Judith Butler, war wie die Französin Simone de Beauvoir mit ihrem bekannten Satz „Man wird nicht als Frau geboren, sondern zu ihr gemacht“ eine Atheistin, die ihre Freiheit völlig autonom und von einem Gott „los“ gedacht hat.

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Gender ist Pervertierung der menschlichen Natur

Wache katholische Publizistinnen haben die von der Gendertheorie ausgehende Gefahr früh gespürt und als Pervertierung der menschlichen Natur aufgezeigt. Der Erfolg ihrer Bücher beweist die immer noch vorhandene Wachsamkeit vieler Zeitgenossen. Die Tiefenschichten und Verbindungen dieser Strömungen sind meisterhaft von der bekannten Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz in ihrem Basiswerk „Frau – Männin – Menschin“ (Topos-Neuausgabe 2016) dargestellt worden.

Der Basler Philosoph Harald Seubert sieht ergänzend in Gender den „Traum vom neuen Menschen“, der alles Vorgegebene dekonstruiert und in einer Art Gender-Sophistik zu einer vollkommenen Beliebigkeit und einem totalen Relativismus alles Geschlechtlichen drängt. Dass Gott den Menschen als Mann und Frau schuf ist nachmetaphysisch und nachtheistisch nicht mehr anerkannt. Der neue Mensch schafft sich selbst, wählt selbst seine variablen Geschlechter nach eigenem Gusto. Diese anthropologische „Trans“-Abwegigkeit ist bereits von der Berliner Ampel-Regierung für über 14-Jährige, die dann frei ihr Geschlecht ändern lassen können, anerkannt.

Schleichendes Eindringen des Atheismus in die kirchliche Lehre

Auch in der Diskussion um eine neue Sexualethik auf dem „Synodalen Weg“ deutscher Katholiken schleicht sich dieser Atheismus ein. Im Grundtext des Synodalforum IV über „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ geht es trotz vieler Differenzierungen nicht mehr um die Beziehung zu Gott und zu den drei göttlichen Personen, auch nicht um die „Theologie des Leibes“ Johannes Pauls II., sondern nur noch um die ethisch zu gestaltenden Beziehungen der Sexualpartner untereinander, seien sie homo- oder heterosexuell, in einer Ehe gebunden oder nicht.

Der nach einem tragischen Unfall 2020 zu früh verstorbene führende deutschsprachige Moraltheologe Eberhard Schockenhoff hat seit einem Vortrag im April 2019 vor den deutschen Bischöfen das Thema der „Beziehungsethik“, die starren Formen der Konzentration auf die Ehe widerspricht, eingebracht und in seinem unvollendet gebliebenen Buch „Die Kunst zu lieben. Unterwegs zu einer neuen Sexualethik“ (Freiburg 2021) weitergeführt. Es ist noch frei von Gendertheorien und bricht ausgerechnet da ab, wo es um Problemfelder wie voreheliche Sexualität und Homosexualität geht. Bernhard Meuser hat in seinem Buch „Freie Liebe. Über neue Sexualmoral“ (Basel 2020) der Schockenhoffschen Eherelativierung, die auch den Text des Synodalforums IV prägt, widersprochen.

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Versuche kirchliche Sexualmoral durch gottlose Ideologie ersetzen

Der Hauptgrund, warum eine Sperrminorität deutscher Bischöfe bei der geheimen Abstimmung am 8. September 2022 zur Überraschung vieler den Grundtext des „Synodalen Weges“ über Sexualmoral ablehnte, war nicht ein prüder oder gar homophober Rigorismus, sondern die Sorge um das Eindringen der gott-losen Genderkonzepte mit dem wiederholten pauschalen Ressentiment gegenüber der kirchlichen Sexuallehre, dass diese in „Diskrepanz zur Lebenswelt der Gläubigen“ stehe und sich als „Instrument zur missbräuchlichen Ausübung von Macht erweise“.

Nicht-binär und allen selbst gewählten Konstruktionen gegenüber offen müsse Kirche heute nach der Missbrauchskrise „das individuelle Selbstverständnis der geschlechtlichen Identität jedes Menschen als unantastbaren Teil seiner je einzigartigen Gottesebenbildlichkeit respektieren“ (Synodalforumstext). Der konkrete Schöpferwille dieses Gottes im jeweiligen Mann- oder Frausein ist dabei zweitrangig, Hauptsache, es gelte der „Primat der Liebe“ und die Freiheit vom „Zwang eines idealen und perfekten Menschseins“. Wer möchte diesen schönen Worten, die Sand in die Augen streuen, nicht zustimmen?

Die Wahrheit über die Folgen der Gender-Ideologie aufzeigen

Man muss die Verfasser solcher Texte mit der ganzen Wahrheit der Konsequenzen der atheistischen und nachmetaphysischen Gender-Perspektive aufwecken. Judith Butler sagt es ungeschminkt: „Die postmodernen Denker möchten alle essentialistischen Auffassungen des Menschen oder der Natur zerstören […]. Tatsächlich ist der Mensch ein gesellschaftliches, geschichtliches oder sprachliches Artefakt und kein noumenales oder transzendentes Wesen“ (zitiert bei Harald Seubert). Trans-gender ist dann das Schlüsselphänomen einer selbstkonstruierten zweiten Natur eines Cyber-Organismus, der in seiner Künstlichkeit den Körper des Menschen ablöst. Dagegen hilft nur der Hinweis auf die personale und vom gegebenen oder gewählten Geschlecht unabhängige Natur des Menschen in der Einheit von Leib und Seele, über die Paulus im Galaterbrief schrieb: „So ist nicht Jude, nicht Heide, nicht Sklave, nicht Freier, nicht Mann, nicht Frau – ihr alle seid Einer in Christus“ (3, 28).

Der Irrweg des sich keinem Gott und Schöpfer verdanken wollenden Gender-Denkens ist teils nachmetaphysisch-atheistisch, teils gnostizistisch-esoterisch, teils künstlich-materialistisch. Er hat auch nichts mit hetero- oder homosexueller Orientierung des Geschlechtlichen zu tun, sondern widerspricht diametral der christlichen Anthropologie, die sich aus personaler Hingabe und einer am Licht des Geschöpflichen ausgerichteten „Theologie des Leibes“ (Johannes Paul II.) aufbaut.

Der „Synodale Weg“ ignoriert die „Theologie des Leibes“

Der Moraltheologe und emeritierte Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat einmal bedauert, dass der auf dem „Synodalen Weg“ wieder in die Kritik geratene Weltkatechismus ohne die personale „Theologie des Leibes“ argumentiert. Jedenfalls bietet diese für geplante Umformulierungen, die wie bei Papst Franziskus in seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“ (Nr. 56) auch eine klare Gender-Kritik enthalten müsste, eine inhaltliche Orientierung, in der in Achtung vor dem (bräutlichen) Mysterium der Geschlechtsdifferenz die Würde von Leib und Seele, von Körper und Geist des Menschen, in ihrer verbindlichen und befreienden Gottesbeziehung gewahrt bleibt.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, Gender-Denken hat eine atheistische Wurzelund ist daher christlich nicht übernehmbar. Bleiben wir bei den bewährten und verständlichen Begriffen von Gott und Mensch, von Mann und Frau, von Leib und Seele – und bleiben wir bei den je neu zu entdeckenden Inhalten dieser Begriffe, die das Menschsein prägen. Es ist gut, als Mann oder Frau Gottes geliebtes Geschöpf zu sein.

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