Im Namen der russischen Zivilisation

Der Historiker Timothy Snyder zeigt, wie der Kreml heute die Freiheit Europas und Amerikas bedroht. Von Stephan Baier
Putin und Erdogan sprechen über Syrien
Foto: dpa | Mit unschuldigem Blick: der russische Präsident Wladimir Putin. Viele Amerikaner und Europäer haben „die Propagandaphantome der Russen“ und deren Fake-News-Methoden übernommen, sagt Timothy Snyder.
Putin und Erdogan sprechen über Syrien
Foto: dpa | Mit unschuldigem Blick: der russische Präsident Wladimir Putin. Viele Amerikaner und Europäer haben „die Propagandaphantome der Russen“ und deren Fake-News-Methoden übernommen, sagt Timothy Snyder.

Mit seinem Standardwerk „Bloodlands“ bewies der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder 2015, dass er detailgenau und akribisch arbeiten und gleichzeitig eine erkenntnisreiche Gesamtschau der Zeitgeschichte Osteuropas bieten kann. Mit seinem neuen Werk „Der Weg in die Unfreiheit“ legt er eine ebenso kenntnisreiche wie undiplomatisch konkrete Analyse der aktuellen Bedrohung des westlichen Freiheits- und Lebensmodells vor.

Snyder, Professor für Geschichte an der renommierten Yale-Universität, zeichnet nach, wie sich Russland ab 2010 von der Europäischen Union abwandte und die westlichen Demokratien seither systematisch als dekadent und zugleich aggressiv diskreditiert.

Snyder kommt zu dem Schluss, dass in Russland „ein kleptokratisches Regime“ herrscht, als dessen „Oligarch an der Spitze“ Wladimir Putin sich mittels rassistischer und faschistischer Ideologen gegen den westlichen Individualismus, die Gleichheit, die Freiheit und die Idee wechselnder Regierungen wende. „Putin, seine Freunde und Verbündeten häuften unter Umgehung von Recht und Gesetz ungeheuren Reichtum an und gestalteten den Staat so um, dass ihnen ihre Gewinne nicht streitig gemacht werden konnten“, schreibt Snyder. So sei der Rechtsstaatlichkeit der Boden entzogen worden, weil sich die Mächtigen „selbst ein Staatsmonopol auf Korruption eingerichtet hatten“.

Nach Ansicht des Historikers hat sich Putin nicht nur von den europäischen Idealen der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit verabschiedet, sondern auch vom linearen Geschichtsverständnis Europas. Der Präsident Russlands setze auf eine „Politik der Ewigkeit“, die ein ideologisches Bild des eigenen Landes zementiere und jede geschichtliche Entwicklung ignoriere. „Ewigkeitspolitiker springen von einem Zeitpunkt zum nächsten, über Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte, um einen Mythos von Unschuld und Gefahr aufzubauen.“

So entstehe „ein imaginäres Muster“ mit Zyklen der Bedrohung in Vergangenheit und Gegenwart. Dadurch werde jedes neue Ereignis zu einem weiteren „Moment einer zeitlosen Bedrohung“.

Viele Amerikaner und Europäer hätten „die Propagandaphantome der Russen“ übernommen, anstatt die eigene Rechtsordnung zu verteidigen, meint der Autor. Dies funktioniere so: „Politiker der Ewigkeit verbreiten zunächst selbst Fake News, dann behaupten sie, alle Nachrichten seien Fake, und schließlich, dass allein ihre eigenen Spektakel wahr seien.“ Und weiter: „Die Politik der Ewigkeit verlangt und produziert Probleme, die unlösbar sind, weil sie fiktiv sind.“ Das von Putin erfundene Problem laute, dass „die Europäische Union und die Vereinigten Staaten die Zerstörung Russlands planten“.

Detailgenau und sachkundig zeichnet der Historiker nach, wie Wladimir Putin die Ukraine destabilisierte, alle zwischenstaatlichen Verträge, das Völkerrecht und die Souveränität des Nachbarstaates ignorierte und im Namen einer „russischen Zivilisation“ torpedierte. So wurde der Westen durch die schlichte Anerkennung der ukrainischen Souveränität und Selbstbestimmung in den Augen der Putin-Propaganda zum Aggressor. Während die Europäische Union mit dem 2013 ausverhandelten Assoziierungsabkommen mit der Ukraine ihr Modell der Integration nach Osten auszudehnen versuchte, verfolge Russlands Staatspräsident Wladimir Putin ein imperiales Konzept: „Die Existenz eines ukrainischen Staates wurde so als eine Form von Aggression gegen Russland verstanden.“

Nun jedoch drohe in Amerika und Europa, was in Russland längst eingetreten sei: „Die Etablierung massiver Ungleichheit, die Ersetzung von Politik durch Propaganda.“ Snyder weiß zu belegen, wie der Kreml durch Finanzströme, Erpressung, Desinformation und Cyberattacken auf Europa und die USA Einfluss nimmt. Er ist überzeugt, dass sowohl die Wahl Donald Trumps wie auch die äußerst knappe Zustimmung zum Brexit russischer Einflussnahme zu verdanken sind. Der Staatssender RT (vormals Russia Today) und russische Internet-Trolle sollen dabei eine Rolle gespielt haben: „Der Brexit war für die russische Außenpolitik ein Triumph, ein Zeichen, dass eine von Moskau gelenkte Cyberkampagne Wirklichkeit verändern konnte.“

Snyder versucht zu belegen, dass die Politik des Kreml auf die Zerstörung der Europäischen Union zielt. Er zeigt die Netzwerke russischen Einflusses insbesondere auf extrem-nationalistische Parteien in Europa, wie „Front National“ in Frankreich und UKIP in Großbritannien. Es ist ein alarmistischer Warnruf, den der amerikanische Osteuropa-Kenner da veröffentlicht hat, allerdings so faktenstark und wohlargumentiert, dass er auch jene Zeitgenossen überzeugen könnte, die der russischen Theorie von der Dekadenz des Westens viel abgewinnen können.

Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit. Russland – Europa – Amerika. Verlag C.H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72501-2, 376 Seiten, EUR 24,95

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