BERUFENE FRAUEN UND MÄNNER

Im Blitz-Verfahren heiliggesprochen

„Geniale Paare“ in der Kirche: Was Franz und Klara von Assisi miteinander verband – und so aktuell macht.
Franz und Klara von Assisi
Foto: Wallraf-Richartz-Museum | Vorbildlich: So sah der Meister von Liesborn im 15. Jahrhundert die beiden Heiligen Franz von Assisi und

Sie waren gewiss kein Liebespaar, wie der suspendierte Priester Adolf Holl einst über die beiden Kinder aus reichen Elternhäusern behauptete. Sie feierten auch nicht als mittelalterliche Aussteiger das „Fest ohne Ende“ bei dem „alle Glieder mitgerissen werden von den Verheißungen des Himmels“ wie Anton Rotzetter glaubte. Das ist Theologie der Siebziger Jahre aus jenem Zeitgeist, der in immer neuen Gewandungen die Gestalt der Heiligen bis zur Unkenntlichkeit verhüllt. Franz und Klara waren keine Propagandisten des Heilfastens, Umweltapostel oder Tierschützer. Franz von Assisi (1181/2–1226) liebte die große Geste mit ihren Symbolhandlungen. Er predigte den Vögeln. Er bekehrte den Wolf zu einem Leben nach dem franziskanischen Armutsideal. Doch war die Haltung von Tieren in den franziskanischen Klöstern verpönt. Als er im Wald von Greccio das Weihnachtsfest inszenierte, hatte er kein bürgerliches Familienidyll vor Augen, sondern das Modell einer neuen heiligen Familie.

„Der Impuls aus ihrer Berufung durchdrang die Welt
und brachte große Gestalten in den Orden der Franziskaner und Klarissen hervor“

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Beide waren entschiedene Menschen, die ohne Rücksicht auf familiäre Erwartungen und gesellschaftliche Konventionen ein radikales Leben in der Nachfolge Jesu führen wollten. Ihr hohes und unerschütterliches Sendungsbewusstsein machte sie zum Martyrium bereit. Sie lebten in einer Zeit der Krise, wo „die Sehkraft des Glaubens dunkel geworden“ war. Mit diesem apokalyptischen Blick auf eine „greisenhaft gewordene, absterbende Welt“ eröffnet Thomas von Celano seine Biographie der heiligen Klara (1193/4–1252).

Klara beherrschte die lateinische Sprache in Wort und Schrift, wie ihre Korrespondenz mit der böhmischen Königstochter Agnes von Prag belegt. Aufgewachsen im ritterlichen Stadtpalast ihres Vaters, tritt sie 1212 als Achtzehnjährige der Armutsbewegung des heiligen Franz bei. Ihre beiden Schwestern und ihre Mutter werden ihr nachfolgen. Die Mutter hatte eine gefährliche Pilgerreise ins Heilige Land überlebt. Sie besuchte Rom und das Michaelsheiligtum am Monte Gargano. Über den Vater berichten die Quellen nichts. Wohl aber über den väterlichen Clan. Klaras Aufbruch war ein gewaltiges Ärgernis für die Großfamilie. Erregung und Gewalttaten besonders gegen Klara und Agnes erinnern an Fehden zur Wiederherstellung der „Familienehre“, wie sie aus der muslimischen Welt berichtet werden. Onkel Monaldus will sogar seine Nichte Klara vor aller Öffentlichkeit ermorden. Nachdem sich die Gemüter beruhigt haben, werden die emanzipierten Frauen bei der kleinen Kirche von San Damiano Zuflucht finden.

Berufen durch den Auferstandenen

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Mit der Erneuerung dieser verfallenen frühromanischen Kirche hatte das Werk des Heiligen begonnen. An diesen Ort pflegte er sich in der Zeit seiner Lebenskrise zurückzuziehen und betete vor einem Christusbild um Erleuchtung des Herzens und ein Gespür für den Willen Gottes. Hier hatte ihn der Auferstandene selbst berufen und ihm zugleich seinen Weg der Nachfolge gewiesen: Die Kirche in der Krise braucht dich! „Geh‘ und stelle mein Haus wieder her!“ Der Heilige hatte das Wort von der Renovierung wörtlich und symbolisch zugleich verstanden.

Franz hat viele Orte in Umbrien bereist, doch das Zentrum seiner Bewegung errichtete er direkt unterhalb seiner Vaterstadt, so dass es die Bürger auf dem Berg jederzeit vor Augen hatten. Was mochte Pietro di Bernardone gedacht haben, als er von hier oben auf das Werk seines Sohnes blickte? Hatte er die Renovierungsarbeiten an der Kirche als Provokation verstanden? War er noch wütend auf sein Kind, das sich vor aller Öffentlichkeit von ihm losgesagt hatte? Giotto hat auch diese berühmte Szene ins Bild gesetzt. Der Vater ist voller Zorn und will die Hand erheben, um seinen Sohn zu züchtigen. Kinder lesen Steine vom Boden auf. Sind es die Geschwister des Heiligen? Franz und Klara haben um des Reiches Gottes willen ihre Elternhäuser verlassen. Das ist über Jahrhunderte gepflegte biblische Tradition (Matthäus 19, 29).

Abkehr von der Familie

Wer hat je die schlaflosen Nächte Pietro di Bernardones beschrieben? Wer kennt die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe, die Trauer in seiner Seele? Wer spricht von den Konflikten zwischen den Eltern und Geschwistern daheim, als der Älteste in dieser provokanten Weise das Vaterhaus für immer verlassen hatte? Der unbedingte Anspruch, den eigenen Weg zu gehen, dem geistigen Vater zu folgen, setzt sich kompromisslos über das Gebot, Mutter und Vater zu ehren, hinweg. Auch das beliebteste aller biblischen Gleichnisse wird für diesen Sohn nicht zur Richtschnur.

Franz kehrt nicht mehr als verlorener Sohn ins Vaterhaus zurück. Er hat der ganzen Schöpfung Versöhnung gepredigt. Er glaubte, dass in jedem Menschen ein guter Kern steckt, in jedem Wolf ein Lamm, in jedem Räuber ein Bruder. Er hat in seinen Versöhnungswillen den Islam und das Reich der Natur einbezogen. Warum gibt es keine Nachricht, dass sich der Heilige mit seinem Vater versöhnt hätte. Gerade in dieser antibürgerlichen Sperrigkeit liegt die Aktualität der beiden Heiligen. Auch wir erleben einen Abend der Zeit und sind von Endzeiterfahrungen bewegt. Jetzt liegt vor Augen, was bereits Soren Kierkegaard gegenüber der dänischen Staatskirche betonte. Christentum ist etwas anderes als bürgerliches Wohlbefinden. So wird im Prozess der Auflösung traditioneller Gemeinde- und Familienstrukturen das Fundament der Kirche wieder sichtbar.

Verbunden im Altarsakrament

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Die Schwestern und Brüder im Herrn wissen sich ihm im Altarsakrament verbunden. Die heilige Klara ist eine eucharistische Heilige. Als muslimische Banden durch Italien zogen und auch ihr Kloster erobern wollten, ließ sich die schwer Erkrankte aus ihrer Zelle tragen. Den über den Mauer eindringenden Sarazenen hielt sie, unterstützt von dem Kaplan, das Ziborium mit dem Allerheiligsten entgegen. Gleich Bienenschwärmen, berichtet Thomas von Celano, seien die Bogenschützen eingedrungen. „Sie aber, die krank darniederlag, blieb furchtlos liegen und ließ sich zur Türe führen, vor die Feinde hinlegen und vor sich her ein silbernes, innen mit Elfenbein ausgelegtes Kästchen tragen.“ In ihm befand sich eine Kontaktreliquie von Christus. Im Januar 1220 hatten die ersten fünf Minderbrüder in Marokko das Martyrium erlitten.

Auch Klara war zu diesem Opfer bereit. Aber das Wunder geschah: „Siehe, ohne Verzug, allsogleich war der Verwegenheit jener Hunde eine Schranke gesetzt und sie erbebten. Sie flohen schleunigst über die Mauern, die sie bestiegen hatten, und mussten der Macht der Beterin weichen.“ In Kardinal Hugolino, dem späteren Papst Gregor IX., hatte die franziskanische Bewegung einen Förderer. Katharer, Albigenser, Waldenser und andere Reformbewegungen ließen sich nicht in die Kirche integrieren. Gewiss hat die radikale Armutsbewegung der Bettelmönche durch diese Heimholung keinen Verlust an Substanz erlitten, wie immer wieder behauptet wurde. Ihr Impuls kam aus dem Ursprung und als Stimme des pilgernden Gottessohnes, der keinen Ort besaß, wo er sein Haupt betten konnte (Matthäus 8, 20).

Beide zeichnet Kompromisslosigkeit aus

Franz und Klara wurden zwei Jahre nach ihrem Tod in einem „Blitzverfahren“ heiliggesprochen. Der Impuls aus ihrer Berufung durchdrang die Welt und brachte große Gestalten in den Orden der Franziskaner und Klarissen hervor. Dennoch dauerte es gut achthundert Jahre, bis ein Papst den Namen des sperrigen Heiligen wählte. Franz und Klara von Assisi hatten das Haus Gottes wieder hergestellt.

„Hütet euch davor, meine Söhne, diesen Ort jemals zu verlassen“, hatte der Sterbende in der Kirche von Portiunkula seinen Mitbrüdern aufgetragen. „Solltet ihr durch eine Tür hinausgetrieben werden, so geht durch die andere wieder hinein; denn dieser Ort ist wirklich heilig und die Wohnung Gottes.“ Es ist diese Widerständigkeit und Kompromisslosigkeit in letzten Fragen, dieser Mut zur Standhaftigkeit, der unserer Zeit fehlt. Von ihr spricht auch Thomas von Celano in seiner Biographie der heiligen Klara: „Es wuchs ihr Mut mit dem wachsenden Widerstand ihrer Verwandten und ihre von Unrecht gereizte Liebe steigerte ihr Kräfte.“

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