Radebeul

"Ich möchte der Menschheit meinen Glauben geben"

Karl May war nicht nur ein begnadeter Erfinder und Erzähler abenteuerlicher Geschichten, sondern auch ein konsequenter Kämpfer für den Kern des Wahren und Guten, in dem für May besonders das Christentum, aber letztlich jedes religiöse Bekenntnis wurzelte, und den es galt, zu wohltätigem Wirken zu bringen.
Karl May -Büste im Karl-May-Museum
Foto: Imago Images | Ein guter Mensch und Christ sein: Die Büste von Karl May im Karl-May-Museum in Radebeul.

Deutscher Herbst 2020: zerbröselnde Gewissheiten in einer zerrissenen Gesellschaft, „friedlose Wanderschaft durch wildes Gestein ferne den Abendweilern“ (Georg Trakl). Wegweisende sind gefragt. Hegels 250. Geburtstag ließ den Weltgeist durch die Medien wehen. Karl Marx ist wieder klassenkämpferisch „en vogue“. Aber Karl May? Der sächsische Schriftsteller (1842–1912) scheint kaum zu diesen Namen zu passen. Doch während Marx für die Basis, die politisch-ökonomische vornehmlich, zuständig zeichnet, ist May im Überbau zu Gange, speziell im Raum des Religiösen. Denn der Schöpfer von Old Shatterhand und Winnetou, von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar war nicht nur ein begnadeter Erfinder und Erzähler abenteuerlicher Geschichten, sondern auch ein konsequenter Kämpfer für den Kern des Wahren und Guten, in dem für May besonders das Christentum, aber letztlich jedes religiöse Bekenntnis wurzelte, und den es galt, zu wohltätigem Wirken zu bringen. Ein angeblicher „Kulturkampf“ um die Sicht auf sein literarisches Werk, wie er unlängst etwas arg dramatisch anlässlich der Neugestaltung des Karl-May-Museums in Radebeul an die Öffentlichkeit drang, kann Kenner seiner Schriften da nur verwundern.

„Ich bin Christ, weiter nichts. Confession gibt es für mich nicht“

„Der Glaube“, so ließ May sein Alter Ego Kara Ben Nemsi verkünden, „trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag.“ Ein Satz, der zugleich paradigmatisch für die innerste seelische Verfasstheit des Autors steht. Auf dem felsigen Weg aus den Elendsgründen von Deutschlands Armenhaus über Jahre der Schuld und Sühne bis zum von Millionen gelesenen und verehrten Schriftsteller hatte May über schwere Zweifel und Verzweiflungen zu einem Gottvertrauen gefunden, das sein Leben ebenso prägte wie seine Werke. Ein Gottvertrauen fernab jeder dogmatischen Engführung. „Ich bin Christ, weiter nichts. Confession gibt es für mich nicht“, so der 63-Jährige 1905 in einem Brief. „Karl May war, von einer jugendlichen Phase des Glaubenszweifels abgesehen, zeitlebens ein überzeugter, wenn auch wenig orthodoxer Christ, protestantisch getauft und erzogen, später innerlich zum Katholizismus neigend und zuletzt ein überkonfessionelles, ,befreites? Christentum predigend“, schrieb der Literaturwissenschaftler Dieter Sudhoff (1955-2007).

Glaube an das Gute und die Verbrüderung

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Religion war für Karl May das, was ihr Karl Marx in seiner „Opium“-Sentenz ebenfalls bescheinigte: „der Seufzer der bedrängten Kreatur“. „Fast alles ist nach außen gebrachter Traum der unterdrückten Kreatur, die großes Leben haben will“, bemerkte der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977), für den May „einer der besten deutschen Erzähler“ war, zum weit gespannten Werk des kleinen Mannes (1, 66 Meter) mit der großen Fantasie. Und zu diesem Traum gehörte für May der Glaube „an das Gute im Menschen, an die Kraft der Nächstenliebe, an die Verbrüderung der Nationen, an die Zukunft des Menschengeschlechts“.

Bemerkenswert an diesen Worten aus „Mein Glaubensbekenntnis“: Der Autor formulierte sie zu einer Zeit, 1906, als sein Glaube „an das Gute im Menschen, an die Kraft der Nächstenliebe“ schon seit Jahren auf die bedrückendste Probe gestellt worden war. Es waren die Jahre der Auseinandersetzungen um seine frühen Kolportageromane, des Niedergangs der ersten Ehe, der öffentlichen Vernichtung der Identifikation Mays mit seinen Bücherhelden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, des Bekanntwerdens seiner lange zurückliegenden kleinkriminellen Vergehen und mehrjährigen Haftzeit, des Beginns end- und freudloser juristischer Streitigkeiten ...

Er wollte "die Menschheit besser" machen

Doch eben diese Schläge bestärkten May in dem Willen, hier und jetzt, im Angesicht von Wahn und Widrigkeiten, seine „eigentliche“ Berufung zu erfüllen: Ein Werk zu schaffen, das sich weit über sein bisheriges erhob. Und das eine religiös-philosophische Botschaft transportierte, die nichts weniger zum Ziel hatte, als die Menschheit besser zu machen, friedfertiger, edler. Er wolle „erst anfangen, jetzt, in diesem Alter!“, schrieb er im April 1909 an Prinzessin Wiltrud von Bayern. „Ich möchte der Menschheit meinen Glauben geben, meine Liebe, meine Zuversicht, mein Licht, meine Wärme, meinen - - - Gott!“ Ein erstaunliches Bekenntnis in einer Zeit, die geprägt wurde von dem besonders durch das philosophische Werk Friedrich Nietzsches katalysierten Kulturpessimismus des Fin de Siecle, in dem sich bereits die geistigen Perforationen der 1914 über Europa hereinbrechenden Katastrophe abzeichneten. In der Tat folgte im Jahr 1909 die Veröffentlichung von Mays wichtigstem Spätwerk, dem zweibändigen symbolistischen Roman „Ardistan und Dschinnistan“.

May transportierte das religiöse Element in seinen Reiseerzählungen stets über eine spannend-abenteuerliche Handlung, so dass sich die Leser nicht missioniert fühlten. Dabei war die Mission das große, ja, das eigentliche Thema aller Schriften, Erzählungen, Romane und – am Lebensende – Vorträge des Mannes, der mit einer weltweiten Auflage von 200 Millionen noch heute zu den meistgelesenen Schriftstellern deutscher Sprache gehört. Enthält doch schon der erste Satz von Band 1 der Gesammelten Werke, die Reiseerzählung „Durch die Wüste“ des sechsbändigen Orient-Zyklus, die geballte brisante Ladung aus Glaube, Dogma und Mission: „Und ist es wirklich wahr, Sihdi, dass du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, der verächtlicher ist als ein Hund und widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frisst?“, fragt der Muslim Hadschi Halef Omar voller Skepsis seinen Begleiter, den Christen Kara Ben Nemsi. Ein Romananfang, der zu den berühmtesten der Literaturgeschichte zählt und bisweilen mit dem Beginn von Leo Tolstois „Anna Karenina“ verglichen wird: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“

Aussöhnung von Morgen- und Abendland

Die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam ist zweifellos die wichtigste und zugleich wirkmächtigste Komponente Mayscher Religionsrhetorik. „Vor allem“, sagte er kurz vor seinem Tod in einem Interview, „erstrebe ich eine Aussöhnung des Morgenlandes mit dem Abendlande.“ Zwar sieht er die anderen Religionen als „Stufen, auf denen die Menschheit zum Christenthum emporsteigen wird“. Und er schildert mit Drastik auch das Dunkle und Inhumane in islamischer Konvention und Geschichte. So thematisiert May in der Mahdi-Trilogie die Rechtfertigung der Sklaverei durch den Koran und die islamische Tradition: Für den türkischen Kaufmann Murad Nassyr ist „die Sklaverei eine geheiligte Einrichtung“. Der deutsche Althistoriker Egon Flaig nennt in seiner 2009 erschienenen „Weltgeschichte der Sklaverei“ die Kultur des Islam das „größte und langlebigste sklavistische System“. Eine theologische Rechtfertigung, ein aus den religiösen Lehren resultierendes rohes Handeln, wie es die Sklaverei darstellt, existiert – im Unterschied zum Islam – im Christentum nicht. Dem totalitären, von fundamentalistischem Messianismus getragenen Wahnstreben des Mahdi nach Weltherrschaft des Islam und Vernichtung der Europäer, stellte May die christliche Botschaft der Nächstenliebe entgegen. „Wer ein guter Christ sein will“, so May 1905 in einem Brief, „der hat vor allem dafür zu sorgen, ein guter Mensch zu sein.“

Letzteres ein zentraler Satz, der sich durch Mays Leben, Streben und Schreiben zog. Ein guter Mensch sein – das war seine Vision, sein Traum, ja, seine Besessenheit. So war es denn ein Schluss wie in einem klassischen Karl-May-Roman, dass der letzte öffentliche Auftritt des Schriftstellers, wenige Tage vor seinem Ableben am 30. März 1912, ein Vortrag in Wien war, der den Titel trug: „Empor ins Reich der Edelmenschen“. Gut zwanzig Jahre später triumphierte das „Reich der niederen Dämonen“ (Ernst Niekisch), dessen Sendbote Adolf Hitler bei Mays Rede im Publikum des Sofiensaals saß.

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