Umstrittener Psychologe

"Ich glaube nicht, dass Jordan Peterson eine politische Figur ist"

Stephen Blackwood, ein Kollege des Psychologen, spricht über die Weltanschauung Petersons und klärt auf, ob man ihn als Sprecher für den Konservatismus bezeichnen kann.
Jordan Peterson
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Konservativ-Sein sei für Jordan Peterson das Streben, sich ehrlich mit den Herausforderungen der Gegenwart und dem Erbe der Vergangenheit auseinanderzusetzen, meint dessen Kollege Stephen Blackwood.

Herr Blackwood, Jordan Petersons YouTube-Kanal hat über 5 Millionen Follower, seine Videos werden millionenfach angesehen. Was fasziniert die Menschen an einem 60-jährigen Mann, der ihnen sagt, sie sollen ihr Zimmer aufräumen? 

Dr. Peterson geht es im Grunde darum, Menschen zu helfen, ihre eigene Handlungsfähigkeit in Bezug auf transzendente Prinzipien und Realitäten zu entdecken und zu verwirklichen. Gibt es etwas Wichtigeres, als ein Leben zu führen, das wir als Menschen als sinnvoll erachten? Ich denke nicht. Peterson hat enorm vielen Menschen geholfen, sich selbst zu finden und sich in einem transzendenten Sinn zu verorten. 

Kann es sein, dass Peterson auch deshalb so beliebt ist, weil junge Menschen keine Vorbilder mehr haben, die einer relativistischen und subjektivistischen Weltanschauung etwas entgegensetzen?

"Wir leben in einer Zeit der großen kulturellen
Verschiebung und des intellektuellen Nihilismus.
Solche Zeiten sind eine Chance, aber auch eine
Notwendigkeit, uns selbst wiederzuentdecken"

Ganz sicher. Wir leben in einer Zeit der großen kulturellen Verschiebung und des intellektuellen Nihilismus. Solche Zeiten sind eine Chance, aber auch eine Notwendigkeit, uns selbst wiederzuentdecken. Es ist für den Menschen nicht möglich, ohne transzendenten Sinn glücklich zu leben. 
Soweit ich weiß, hat es das in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. Es ist ein bisschen so, als ob unsere Supermärkte leer wären und die Menschen immer noch hungern würden. Es gibt eine tiefe Skepsis oder sogar einen Antagonismus gegenüber grundlegenden sinnstiftenden Institutionen, seien sie religiös, künstlerisch oder kulturell. Westliche Gesellschaften kehrten sich von den mythologisch-religiösen Rahmen, die die Menschen seit Jahrtausenden stabilisiert haben, ab. 

Menschen gehen immer weniger in die Kirche. Christliche Traditionen sind scheinbar gesellschaftlich irrelevant. Petersons Vorträge über die Bibel gehören aber zu seinen beliebtesten YouTube-Videos. Warum lehnen die Menschen die Lehren der Kirche ab, sind aber fasziniert, wenn Peterson über die Bibel spricht?

Eine Frage, die Jordan Peterson selbst sehr beschäftigt, ist: Wie kann man wichtige Dinge so vermitteln, dass jeder sie verstehen kann? Das gehört zu den fundamentalen Fragen jeder Kultur. Wenn man Wissen nicht mit der nächsten Generation teilt, gerät es in Vergessenheit. Peterson hat sehr intensiv darüber nachgedacht, wie er die Bibel und die intellektuelle Tradition anderen so vermittelt, dass sie die Bedeutung und Relevanz für unser aller Leben erkennen können. 

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Vielleicht hat die Kirche nicht immer gute Arbeit darin geleistet, ihre Inhalte klar zu vermitteln. Dr. Petersons Vorträge sind ein Beispiel dafür, wie man die Kraft und Schönheit großer Texte und Traditionen der Vergangenheit wiederbeleben und freilegen kann.

Jordan Peterson hat sich selbst als klassischen englischen Liberalen bezeichnet. Andererseits vertritt er konservative Werte wie Ehe, Familie und Kirchenbesuch. Wie würden Sie seine Weltanschauung beschreiben?

Ich glaube nicht, dass Peterson eine politische Figur ist, und ich denke auch, dass er politisch schwer einzuordnen ist. Ich würde sagen, seine Weltanschauung ist viel eher auf der Seite des Psychologischen, Metaphysischen und Anthropologischen. Aber er hat ein starkes Gespür dafür, wie wichtig politische Institutionen für das Zusammenleben sind. Er ist ein sehr nuancierter und dialektischer Denker: Und so klingt es manchmal, als stünde er links, manchmal rechts, manchmal in der Mitte. Das trifft eigentlich auf viele intellektuelle und nachdenkliche Menschen zu. 

Welche Werte vertritt er, die eher links sind?

Er sorgt sich zum Beispiel um Menschen, die durch das soziale Netz fallen; die sich in schwierigen Situationen befinden. Die nicht in der Lage sind, sich aus eigener Kraft aufzurichten. Das ist historisch betrachtet das Anliegen linksgerichteter Parteien, doch für jedes gesunde politische Gemeinwesen wichtig. Für Peterson war das eine Motivation, die ihn ursprünglich zu seinem Interesse an dem Leiden junger Männer und der Politik geführt hat. Und als junger Mann stand Peterson eine Zeit lang der linken Partei in Kanada nahe. Andererseits betont Peterson auch, dass wir die grundlegendsten Rechte und Freiheiten unseres Landes und die Strukturen, von denen sie abhängen, schützen müssen. Deshalb nennt er sich selbst einen klassischen Liberalen. 

In gewisser Weise ist das Bestreben, das Erbe der Vergangenheit in der Gegenwart umzusetzen nicht nur konservativ. Es ist insofern auch liberal, als man sich an Werten orientiert, die auch heute Freiheit garantieren. Man kann die Vergangenheit nicht einfach wiederholen. Und um etwas wirklich zu bewahren, muss man es verstehen. 

Im letzten Jahr äußerte sich Jordan Peterson auf den sozialen Medien vermehrt zum politischen Tagesgeschehen. Außerdem hat er seit Juli einen Vertrag mit "The Daily Wire", einer Nachrichten-Website, die sich rechts der Mitte verortet. Halten Sie das für eine gute Entwicklung?

"Bei einer Person wie Dr. Peterson, die viel
gesagt und geschrieben hat, muss man jede Handlung
in einem größeren Zusammenhang interpretieren"

Ich denke, es ist komplex. Bei einer Person wie Dr. Peterson, die viel gesagt und geschrieben hat, muss man jede Handlung in einem größeren Zusammenhang interpretieren. Ich würde mich davor hüten, etwas zu stark zu interpretieren, das besonders in den letzten Wochen oder Monaten passiert ist. Aus meiner Sicht hat sich der Mann nicht verändert. Er ist noch immer zutiefst nachdenklich. Und ich würde auch sagen, er ist, wie viele andere auch, sehr besorgt über bestimmte Aspekte unserer heutigen Kultur. Ich nehme wahr, dass er das Gefühl hat, dass bestimmte Dinge gesagt werden müssen. 

Was könnte ein Grund sein, dass er sich nun vermehrt zu politischem Geschehen äußert?

Manche haben den Eindruck, er mische sich in einem unguten Maß in Politisches ein. Doch ich denke, er versteht, dass Prinzipien zu politisch konsequenten Handeln auffordern. Wenn eine Regierung unantastbare und uralte Institutionen, Rechte und Freiheiten verletzt, dann ist es unsere Verpflichtung gegenüber unseren Werten, das zu hinterfragen. 

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Jordan Peterson nimmt seine Verantwortung sehr ernst. Ich interpretiere seine Äußerungen als Indikator für seine Sorge um grundlegende und letztlich unpolitische Fragen. Ich glaube wirklich nicht, dass Peterson eine politische Figur ist. Er steht keiner Partei nahe. Er glaubt an das Individuum, an die Kulturen, die das individuelle menschliche Gedeihen schützen und ermöglichen. Das führt dazu, dass er über politische Entwicklungen besorgt ist, die das untergraben.

Viele sehen in Jordan Peterson ein Sprachrohr für den Konservatismus. Ist das in seinem Sinn? Oder stecken ihn Menschen in eine Schublade?

Ich kann nicht für Jordan Peterson sprechen. Ich versuche nur mitzuteilen, wie ich ihn wahrnehme. Eine Sache, die ich weiß, ist, dass er unter "konservativ" keine politische Partei versteht. Konservativ-Sein ist für ihn das Streben, sich ehrlich mit den Herausforderungen der Gegenwart und dem Erbe der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das muss jede Kultur und Zivilisation immerfort tun. Ich würde mich jeder engen Auffassung darüber, was Konservatismus ist, widersetzen. Natürlich ist er zu einer globalen Figur geworden, die für viele eine durchdachte Auseinandersetzung mit Traditionen und Ideen der Vergangenheit darstellt   was für unsere gegenwärtige Krise hochrelevant ist. Aus meiner Sicht tut er das mit außergewöhnlicher Bescheidenheit und Mut. 

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