geniale Paare

Hildegard von Bingen lebte Visionen

Federn auf dem Odem Gottes: Hildegard von Bingen und Jutta von Sponheim.
Statue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Abteikirche in Eibingen
Foto: Imago | Begnadet: Statue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Abteikirche, Abtei St. Hildegard in Eibingen bei Rüdesheim.Michael Weber

Hildegard von Bingen (1098-1179) war nicht die Kekse backende Kräuterhexe hinter Klostermauern. Wir dürfen sie uns auch nicht als liebenswerte ältere Nonne im Bücherladen eines Benediktinerinnenklosters vorstellen. Die Seherin bleibt eine fremde Gestalt aus ferner Zeit. Gewiss war sie eine Heilerin und nutzte wie eine Meisterin des Jin Shin Jyutsu die Energie der Heilströme, aber sie trieb auch Dämonen aus. Noch heute hat jedes Bistum einen Exorzisten. Doch welcher Bischof käme auf die Idee, den Satan des Missbrauchs auf diese Weise auszutreiben? Hildegard kannte wie eine Aura-Soma-Therapeutin Wege zur Reinigung der Seelenkräfte, aber sie trug auch einen Bußgürtel. Warum geißelte sie sich bis auf das Blut? Sie war überzeugt: Nur eine geläuterte bußfertige Seele würde eines Tages in den Himmel fliegen.

Das zehnte Kind aus altem Adel wurde Gott geweiht und im Alter von vierzehn Jahren, da zu ihrer Zeit Ehen geschlossen wurden, dem göttlichen Bräutigam vermählt. Allerheiligen 1112, so berichtet die Lebensbeschreibung (Vita Sanctae Hildegardis) des Mönches Theoderich, wurde die geweihte Jungfrau hinter Klostermauern eingeschlossen. Hier in einem Anbau des Disibodener Männerklosters lebte abgeschieden von der Welt als Inklusin Jutta von Sponheim (1091-1136). Ein Fenster in der Kirchenmauer schenkte ihr den Durchblick zum Altar und die Teilhabe an den Messen. Eine weitere Öffnung ihrer Klause diente der Versorgung mit vegetarischer Kost. Hildegard von Bingen gehörte mit einer weiteren Novizin zu Juttas Schülerinnen. Sie lernten den Psalmengesang und die Lektüre der lateinischen Bibel (Vulgata). Ihren Lebensunterhalt verdienten sie durch Handarbeiten.

„Der Satan solle aus dem Tabernakel des Körpers der Frau weichen
und dem heiligen Geist Platz einräumen“

Wer einmal Gelegenheit hatte, mit Benediktinerinnen zu sprechen oder an ihren Exerzitien teilzunehmen, hat oftmals mit Erstaunen ihre überaus wache Wahrnehmung des Weltgeschehens feststellen können. Klostermauern schützen vor allzu viel Strahlung und erleichtern so die Konzentration auf das Wesentliche. Dennoch sind die Schwestern engelgleiche Netzwerker. Allerdings ist ihre kommunikative Kompetenz noch nicht der visionäre Blick, mit dem Hildegard von Kindheit an begabt und belastet war. Sie sah Engelchöre und hörte unaussprechliche Worte („verba arcana“), von denen auch Paulus (2. Korinther 12, 4) gesprochen hatte.

In einer Schauung wurde er in den dritten der sieben Himmel entrückt und hörte jene geheimnisvolle Sprache der Engel, für die es in der Welt des Menschen keine Entsprechung gibt. Gott ist das Geheimnis der Welt. Unergründlich und unsagbar war für Hildegard auch seine Gegenwart in der Eucharistie. Aber sie durfte das Geheimnis nicht im Geheimnis lassen. Die hochbegabte Universalgelehrte, die Jahrzehnte später, als sie auf dem Rupertsberg ihr eigenes Kloster gegründet hatte, mit Päpsten und Königen korrespondierte und sich kräftig einmischte in die politischen Händel der Welt, wollte glauben und verstehen. Hildegard von Bingen wäre niemals zu wahrer Größe gewachsen, wenn sie nicht in Jutta von Sponheim eine kongeniale Begleiterin und Lehrerin (Magistra) gefunden hätte.

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Verwandte Seelen

Beide waren Federn auf dem Odem Gottes. Mit ihrer Lehrerin konnte Hildegard über ihre Visionen sprechen, lange bevor sie aufgezeichnet wurden. Jutta war nicht befremdet, wenn sie ihr Geheimnisse anvertraute. „Bei meiner ersten Gestaltung, als Gott mich im Schoß meiner Mutter erweckte, prägte er dieses Schauen meiner Seele ein.“ In ihrem dritten Lebensjahr habe sie ein großes Licht gesehen, dass ihre Seele erbeben ließ. Wenn sie Angehörigen von diesen inneren Bildern erzählte, reagierten sie mit Befremdung. Schließlich waren ihr die Schauungen selbst so fremd, dass sie darüber schwieg. Verdrängung aber macht die Seele krank.

Erst in Jutta von Sponheim traf sie eine verwandte Seele und Busenfreundin, der sie sich vollkommen hingeben konnte. Diese visionäre Begabung war das ihr anvertraute Talent und der Grund ihrer bis ins hohe Alter bewahrten Jugendlichkeit. Menschen mit Visionen schauen noch im letzten Atemzug immer nach vorne. Stets sind sie in Erwartung des Kommenden. Diese adventliche Gestimmtheit hielt Hildegard jung. Noch im Alter von siebenundsiebzig Jahren schreibt sie dem Mönch Wibert von Gembloux, sie fühle sich während der Vision „wie ein einfaches junges Mädchen und nicht wie eine alte Frau.“ Jutta von Sponheim verlor ihren Vater im Alter von drei Jahren. Mit zwölf erkrankte sie schwer und gelobte bei einer Genesung den Eintritt ins Kloster.

Körperliche Bußübungen

 

 

Diesen vollzog sie gegen den Willen ihrer Verwandten und lebte hier das Leben einer Büßerin. In ihrer Lebensbeschreibung heißt es: „Neben anderen Formen, mit denen sie sich schreckliche Kreuzigungen und Wunden zufügte, pflegte sie vom Tag ihrer Einschließung an bis zu ihrem Ende eine eiserne Gürtelkette, mit der sie ihre jugendlichen Glieder züchtigte, auf dem bloßen Leib zu tragen und zu gebrauchen, ausgenommen, wenn sie an einem hohen Festtag oder bei Krankheit durch Anweisung gezwungen wurde, davon abzulassen.“ Jutta war eine weise Frau, deren Rat die Menschen suchten. Ein „himmlisches Orakel“ nennt sie ihr Biograf. Sie besaß auch eine prophetische Gabe und damit beste Voraussetzungen, um Hildegard zu fördern. Nach ihrem Tod übernahm Hildegard die Leitung der inzwischen stark gewachsenen Gruppe von Schülerinnen und zog mit ihnen nach langen Verhandlungen in das neu gegründete Kloster Rupertsberg.

Hier begann Hildegard ihre Visionen aufzuschreiben und gleichsam den Ertrag der gemeinsamen Jahre mit Jutta einzufahren. Ohne den Mönch Volmar, dem zweiten kongenialen Partner an ihrer Seite, wäre dies nicht möglich gewesen. Denn Hildegard beherrschte die lateinische Sprache nicht in jener Vollendung, in der Volmar die Visionen der Nachwelt überlieferte. Hildegards Biograf würdigt diese dienende Hingabe an die Innenwelt eines anderen Menschen als Wagnis, „im Dienst der Klarheit der grammatischen Struktur, von der sie selbst nichts verstand, Kasus, Tempora und Genera in Ordnung zu bringen, ohne aber ihrer Bedeutung oder ihrem Verständnis etwas hinzuzufügen oder fortzunehmen.“

War ihre Geheimschrift Basis für Kommunikation mit Engeln?

Jutta und Volmar waren Eingeweihte in die Geheimnisse von Hildegards Visionen. Deshalb wird Volmar als „viro symmista“ („eingeweihter Mitarbeiter“) gewürdigt. Zu dem von ihm aufgezeichneten Werken gehört eine Geheimschrift („Litterae ignotae“) mit „früher nicht geschauten Schriftzeichen“ einer Geheimsprache („Lingua ignota“). Sie ist von Wilhelm Grimm veröffentlicht worden und umfasst gut eintausend Wörter. Gott („Aigonz“) ist das erste Wort, gefolgt von Engel („Aieganz“). Viele Worte kommen aus dem Bereich weiblicher Handarbeiten. Ein Grundwortschatz von fünfhundert Wörtern bildet die Basis für erste Schritte in einer fremden Sprache.

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Niemand weiß, ob Hildegard mit ihrer Wörterliste das Gespräch mit den Engeln ermöglichen wollte. In ihren engelgleichen Gesängen wie der Antiphon „O, orzchis Ecclesia“ („O, unvergleichliche Kirche“) werden viele geheime Wörter in den lateinischen Text eingeflochten. Die Geheimsprache ist ein Abglanz himmlischer Harmonie und Schönheit. Sie will weniger Inhalte mitteilen, als Erfahrungen von Gottes Gegenwart evozieren. Viel spricht dafür, dass Jutta und Hildegard gemeinsam jene Geheimsprache entwickelten.

Erfolgreicher Exorzismus in der Osternacht

Neben den Engeln gehört der Teufel („Diuueliz“) in Hildegards geistige Welt. Er versucht wie heute die Harmonie der Kirche durch Spaltungen („Scismata“) zu zerstören und nimmt einzelne Menschen wie Sigewize in Besitz. Zuerst hatte Hildegard diesen berühmten Fall durch Priester behandeln lassen. Volmar diente dabei als Mittler ihrer Anweisungen. Dann nahm sie Sigewize in ihr Kloster auf. Ohne männliche Hilfe, betont Hildegards Biograf. Vergeblich versuchte sie der Teufel durch Verballhornungen ihres Namens in Schrumpelgard („Scrumpilgardis“) zu beeindrucken.

Durch Fasten, Beten und Kasteiungen bedrängen die Schwestern den Schwarzen. In der Osternacht bringt ein entschiedener Exorzismus den Durchbruch: Der Satan solle aus dem Tabernakel des Körpers der Frau weichen und dem heiligen Geist Platz einräumen. („Vade, Sathanas, de tabernaculo corporis mulieris huis et da in eo locum Spiritui sancto!“) Wie sehr dieser diakonische Dienst Hildegard an den Rand ihrer ohnehin schwachen körperlichen Kräfte gebracht hat, zeigt die folgende Krankheit. Aus der Besessenen aber ist eine Benediktinerin geworden.

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