Feuilleton

Heimito von Doderer: Schuld und Stimmung

Zwischen Frauen und Alkohol, Katholischer Kirche und NSDAP – der Schriftsteller Heimito von Doderer schrieb und lebte mit den verschiedenen Engeln und Dämonen. Von Urs Buhlmann
Heimito von Doderer, Schriftsteller
Foto: dpa | Den Durchschnittsmenschen und den täglichen Gang der Dinge im Blick: Heimito von Doderer (1896–1966).

Noch ist sein Name – ein volltönender Name – nicht ganz verklungen, doch ist und bleibt (Franz Carl) Heimito (Ritter) von Doderer sicher einer der Außenseiter der deutschsprachigen Literatur. Er ist kein Autor für die breiten Massen und hätte das auch als eher degoutant empfunden. Eine spannende Figur ist der politisch oszillierende, privat den Bereich der Sexualpathologie nicht scheuende und auch religiös changierende Ex-Dragoner aus reicher, neuadliger Familie allemal. Wir hätten wenig Grund, uns an dieser Stelle mit ihm zu beschäftigen, wenn seine Konversion zum Katholizismus am 28. April 1940 nicht ein Gipfelpunkt seines Lebens gewesen wäre. Doch soll ein Schriftsteller nach dem ihm Eigenen beurteilt werden: Ohne Zweifel hat man es mit einem wahren Sprach-Meister, mit einem der großen Schriftsteller der deutschen Sprache zu tun, dessen Werke zwischen überschwänglicher Phantasie und aufwendigem Satzbau im Rahmen einer geradezu ausschweifenden Architektur raffiniert ineinander verschobener Erzählstränge hin und her pendeln. Es nimmt nicht wunder, dass Doderer, der häufig Figuren einführt, um sie dann erst nach Hunderten von Seiten wieder auftreten zu lassen, mit einer eigenen Romantheorie aufwarten kann – schon aus Gründen der Selbstachtung.

Gleichsam eine Melange aus Wiener und Münchener Großbürgertum, war er in eine jener Baumeister-Dynastien hineingeboren worden, die in der Gründerzeit nicht nur zu einem beträchtlichen Vermögen, sondern auch zum Adelstitel gekommen waren. Evangelisch getauft, verdankt er seinen ungewöhnlichen dritten Vornamen einer Übertragung des spanischen Jaime in ein wohl etwas imaginiertes Deutsch (dass er als Kind dann „Heimerl“ gerufen wurde, ist allerdings echt österreichisch). Das Humanistische Gymnasium im dritten Wiener Gemeindebezirk absolvierte er als mittelmäßiger Schüler, der aber auf anderen Gebieten aktiver war: Mit einem Hauslehrer, aber auch durch frühzeitigen Bordellbesuch sammelte er sexuelle Erfahrungen auf beiden Seiten. Sadomasochistische Neigungen sind manifest und lassen sich auch im Werk aufspüren. Den Ersten Weltkrieg erlebt Doderer als Einjährig-Freiwilliger eines der nobelsten Wiener Kavallerie-Regimenter und geriet im Juli 1916 in russische Gefangenschaft. In einem der Lager, in denen er nun bis 1920 bleiben sollten – immer damit beschäftigt, nicht an Fleckfieber zu sterben – beschließt er, Schriftsteller zu werden. Eine Auswahl seiner frühesten Texte erscheint posthum unter dem bezeichnenden Namen „Die sibirische Klarheit“. Doderer, der vor dem Krieg ein Jura-Studium begonnen hatte, wechselt nun zu Geschichte und Psychologie – er muss „verarbeiten“, wie so viele seiner Generation. Dabei spielt eine große Rolle die vom Psychologen Hermann Swoboda, einem Freund Otto Weiningers, entwickelte Perioden-Lehre des menschlichen Organismus: Natürliche, in Zyklen auftretende Vorgänge förderten – in bei Männern und Frauen freilich unterschiedlicher Form und Intensität – „freisteigende Erinnerungen“ zutage. Für einen künftigen Autor von Groß-Romanen eine äußerst wertvolle Anregung. Ebenfalls genutzt wurde der starke Mittelalter-Bezug seines Geschichtsstudiums am berühmten, heute noch bestehenden Institut für Österreichische Geschichtsforschung, wo er in einem Kurs mit Alphons Lhotsky, dem später bedeutenden Spätmittelalter-Experten, war. Nebenbei beschäftigte er sich auch mit Themen der Wiener Stadthistorie und begann allmählich als Feuilletonist hervorzutreten. Ein Gedichtband und ein erster Roman waren unbemerkt geblieben, ehe Doderer mit einer beachtlichen Arbeit „Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung in Wien während des 15. Jahrhunderts“ promoviert wurde. Eine komplizierte Liebesgeschichte mit einer katholisch getauften Jüdin mündete nach zahllosen Trennungen und Versöhnungen in eine Ehe, die den angehenden Schriftsteller aber nicht daran hinderte, nicht nur weitere Affären zu haben, sondern seine Frau mit antisemitischen Parolen zu quälen. 1938, nach dem „Anschluss“, als die Ehefrau akut gefährdet war, betrieb Doderer skrupellos die Scheidung, und zwar so, dass die Schuld nicht bei ihm festgestellt wurde.

Ihr gelang immerhin die Flucht in die USA. Doderer war bereits 1933 der NSDAP beigetreten. Das zahlte sich für ihn aus, denn nun wurden in der „Deutschöstereichischen Tages-Zeitung“, die der braunen Partei gehörte, einige seiner Kurzgeschichten veröffentlicht. In dieses trübe Bild passt auch, dass der Autor, der im Jahre 1936 nach Dachau umgezogen war, den Antrag auf Aufnahme in die „Reichsschrifttumskammer“ stellte, während das sozusagen in der Nachbarschaft betriebene Konzentrationslager keine wie auch immer geartete Erwähnung im Werk fand. Und doch muss sich damals etwas im Denken des Antisemiten und Nationalsozialisten Doderer geändert haben – und daran hatte einen Anteil ein in Duisburg geborener Jesuit. Ende 1938 war der mittlerweile mit einem Verlagsvertrag ausgestattete Schriftsteller nach Wien zurückgekehrt (wo er zunächst gemeinsam mit Albert Paris Gütersloh Wohnung nahm). Kurze Zeit später begann der Konvertitenunterricht bei P. Ludger Born, der nach der Verhaftung seines Vorgängers zwischen 1940 und 1945 die „Erzb. Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ in Wien leitete. Es wird nicht möglich sein, genau zu ergründen, was den Autor, der aus der evangelischen Kirche vor seiner Hochzeit ausgetreten war, zu seinem Schritt bewegte.

Die Tatsache, dass sein Interesse am Katholischen mit der Scheidung von Gusti Hasterlik einherging, die im „neuen“ Österreich mit jederzeitiger Verhaftung rechnen musste, wirft sicher kein günstiges Licht auf Doderer, der 1940 in die katholische Kirche aufgenommen wurde. Kurze Zeit später wird er zur Luftwaffe einberufen und nach Frankreich verlegt. In jene Jahre fällt eine intensive Lektüre der Werke des Thomas von Aquin. Unterschwellig begegnet man in vielen seiner Werken Denkmotiven des Aquinaten. Ein zweiter Einfluss dürfte die Auseinandersetzung mit einer anderen leuchtenden Figur der spätmittelalterlichen Kirche, mit Franziskus, gewesen sein. Möglicherweise hatte ihn Pater Born – Retter unzähliger getaufter Juden und nach dem Zweiten Weltkrieg von Österreich und Deutschland dafür hoch dekoriert – auf die Figur des umbrischen Heiligen aufmerksam gemacht. Doch ist bereits viele Jahre vorher das Interesse Doderers an Franz von Assisi nachweisbar: Seit 2009 ist eine frühe Erzählung Doderers, entstanden irgendwann zwischen 1922 und 1927, wieder als Neudruck greifbar: „Seraphica“, meint Martin Mosebach, könne sich nicht mit den im gleichen Zeitraum entstandenen Franz-Biographien eines Chesterton, Green oder Hesse messen, biete aber einen erhellenden Einblick in des Autors Innenleben.

Der Kontrast zwischen Macht und Reichtum der offiziellen Kirche und dem bewusst armen Franziskus habe den gelernten Mediävisten Doderer nicht interessiert, vielmehr setzte er auf die Berichte der damaligen Zeitgenossen, auf die drei Vitae des Thomas von Celano und die „Fioretti“, um zu ergründen, was Francesco Bernadone zum Hl. Franz gemacht habe. Mosebach: „Für eine Heiligen-Vita ist auffällig wenig von Religion die Rede in den ,Seraphica‘, aber gewiss nicht, um ihr auszuweichen. Das Phänomen dieses Lebens sollte auf einer tieferen Ebene erfasst werden, unter den fertigen Begriffen hindurchtauchend.“ Für Mosebach legt dieses Frühwerk Zeugnis für die Haltung ab, dass nach Doderer so, wie Franz willenlos vor der Welt gestanden habe, auch der Schriftsteller sich absichtslos seinem Gegenstand zu nähern habe: „Nicht von äußerlicher Plot-Regie wollte er seine Erzählungen vorantreiben lassen, sondern zur bisher wortlos gebliebenen Stimmungsessenz der verflossenen Lebensaugenblicke vordringen.“ Tatsächlich nahm Doderer bei seiner damals üblichen „bedingungsweisen“ Taufe zur Aufnahme in die katholische Kirche zusätzlich den Vornamen Franz an. Das Frühwerk „Seraphica“ bezeichne bei allen Mängeln, so Martin Mosebach, den „Ausgangspunkt, von dem er seinen Lebens- und Romanpfeil abgeschossen hat, der daraufhin in zeitlupenhafter Verlangsamung über Jahrzehnte hinweg seinem Ziel entgegengepflogen ist, um schließlich im Schwarzen zu landen“.

Doderer hatte zum Zeitpunkt seiner Konversion bereits auf sich aufmerksam gemacht. Mit einem Kriminalroman, der eher ein Entwicklungsroman ist, nämlich die Geschichte eines mittelmäßigen Opportunisten: „Der Mord, den jeder begeht“ war der erste nennenswerte Erfolg Doderers. Es ist das Buch, so Helmut Qualtinger, mit dem man die Doderer-Lektüre beginnen sollte. Doch Größeres bahnte sich an: Der frühere Reserve-Offizier der Kavallerie, der sich nun bei der Luftwaffe wiederfand, war im Hinterland – in Breslau, dann in Frankreich, zuletzt in Oslo – mit Verwaltungstätigkeiten beschäftigt. Er hatte Zeit zu schreiben und er nutzte sie. Die „Strudlhofstiege“ wurde im wesentlichen während des Krieges geschrieben, Doderer vollendete den Monumental-Roman 1948, nachdem er 1946 aus norwegischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war und zunächst eine Zeit lang bei einem Onkel in Oberösterreich gelebt hatte. Er hatte Angst, als ehemaliges Parteimitglied in Wien nicht willkommen zu sein. Das schlechte Gewissen war also da; am Ende verdankte er es Hilde Spiel und Hans Weigel, dass er 1947 von der Liste der „Belasteten“ gestrichen werden konnte. Aus der Partei war er, solange sie das Sagen hatte, nie ausgetreten, doch bekannte er sich in der Nachkriegszeit öffentlich zu seinem „barbarischen Irrtum“. Ein zweites Groß-Werk war in Vorbereitung, an den „Dämonen“ hatte er bereits zu Kriegsbeginn gearbeitet, sie aber liegenlassen. Mit den 50er Jahren begann dann eine für Doderer gute Zeit: Eine zweite Heirat verband ihn 1952 mit Maria Emma Thoma (die er schon seit 1937 kannte), 1951 erschien die „Strudlhofstiege“, 1953 „Das letzte Abenteuer“ und 1956 die „Dämonen“. Aus einer weiteren Station am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, wo er sich mit karolingischen Urkunden beschäftigte, erwuchs 1962 Doderers vielleicht vergnüglichstes Werk „Die Merowinger oder die totale Familie“. Das stets auf mehreren Ebenen geführte Privatleben wurde seit 1955 durch die Schriftstellerin Dorothea Zemann angereichert. Sie wurde zur Geliebten des Autors, dessen Ehefrau im heimatlichen Landshut blieb und von ihrem Gatten gelegentlich dort besucht wurde. Ein letztes großes Werk sind „Die Wasserfälle von Slunji“, ursprünglich als Fortsetzungswerk für eine namhafte deutsche Tageszeitung erschienen. Doderer, der wegen seines zügellosen Alkohol- und vor allem Nikotinkonsums angeschlagen war, starb 1966 nach einem zu spät erkannten Darmkrebs. Dem nunmehr zu einem der offiziösen österreichischen Schriftsteller der zweiten Republik Avancierten widerfuhr die übliche rühmende Behandlung: In Wien-Grinzing in einem „ehrenhalber gewidmeten Grab“ (Gruppe 10, Reihe 2, Nummer1) beerdigt, ziert sein Name seit 1970 ein Straßenschild im eher proletarischen Stadtteil Floridsdorf (vielleicht eine kleine letzte Rache hinterlistiger österreichischer Kulturbeamter).

Doderer ist sicher nicht als eindeutig katholischer Autor zu betrachten, aber er ist der repräsentative Schriftsteller des nachkaiserlichen Österreich. Die vielen Widersprüche seiner Zeit wie seines eigenen Lebens bündeln sich bei ihm zu einem Universum eigener Art und legen in ihrer künstlerischen Verwertung den Vergleich mit Marcel Proust nahe. In den beiden Wiener Romanen „Strudlhofstiege“ und „Dämonen“ entfaltet sich ein ganzer Kosmos von Haupt- und Nebenfiguren, die – zum Teil mehrfach und aus unterschiedlicher Perspektive erzählt – sowohl die Banalitäten des eigenen Lebens wie markante Punkte der Zeitgeschichte erleben und durchleiden. Während der erste Roman im Jahr 1925 spielt, steht bei den „Dämonen“ der Brand des Wiener Justizpalastes 1927 im Mittelpunkt – Auftakt zu den bürgerkriegsartigen Zuständen der 30er Jahre. Dabei schaut der Autor aber nicht auf die hehren Momente im Leben der Nation und des Einzelnen. Er nimmt sich vielmehr den Durchschnittsmensch und den täglichen Gang der Dinge vor, um in metaphorischer, auch parodistischer Sprache das Werte-Vakuum und die Charakterverflachung der Zeit nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung zu beleuchten. Hierbei erweist sich Doderer durchaus als Moralist, bei gleichzeitig amoralischem Privatleben. In einer seiner wenigen Äußerungen zur Konversion formulierte er, dass ein guter Schriftsteller katholisch sein müsse, weil nur im Katholizismus der Schicksalsbegriff richtig behandelt werde. Attestieren lässt sich jedenfalls, dass seine Werke gültige Schilderungen des Seelenzustandes der Moderne sind.

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