Christliche Familienbande

Heilige und unheilige Familien

Jede Zeit hat ihr ganz eigenes Bild von Josef, Maria und anderen Familienmitgliedern Jesu – was lehrt uns das?
Riemenschneider-Gruppe im Bode-Museum
Foto: dpa | Im Bode-Museum in Berlin findet man die Skulpturengruppe „Die Heilige Anna mit ihren drei Ehemännern“ von Tilman Riemenschneider.

Wohin sind die Familien entschwunden, denen der Sonntag heilig war? Wo sind jene Jungfrauen geblieben, die einst nach der Messe lächelnd den Herrn Kaplan umstanden? Der Liedermacher Franz Josef Degenhardt (1931–2011) konnte noch in seinem Lied „Deutscher Sonntag“ (1965) über scheinheilige Familien lästern. Heute würde der Cousin des Paderborner Kardinals Johannes Joachim Degenhardt (1926–2002) das Lied von den unheiligen Familien anstimmen.

„Es ist gewiss kein Zufall, dass der berühmteste Entwurf einer Kirche
mit dem Patrozinium der Heiligen Familie eine ewige Baustelle bleibt“

Viele Eltern schlummern noch, während sich ihre Kinder durch die Programme der Fernsehsender zappen oder den Tag des Herrn mit Ballerspielen begehen. Was ist aus jenen heiligen Familien geworden, die einst auf der Kommunionbank vor dem Altar gemeinsam die Knie beugten? Die meisten Bänke sind abgebaut worden. Mundkommunion gilt im Zeitalter der Pandemien ohnehin als no go. Gibt es keine Großmütter, Onkel oder Tanten mehr, die ihre Enkelkinder das Beten lehren?

Das Patrozinium der Heiligen Familie berührt eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit unter Wegbegleitern, auf die unter allen Umständen Verlass ist. Was Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter bedeuten, zeigt sich oftmals erst im Verlust: Da waren Menschen, die über den Horizont der Zeit schauten. Es ist kein Zufall, dass viele Kirchenbauten nach dem Zweiten Weltkrieg dem Patrozinium der Heiligen Familie geweiht wurden. Es waren Kirchen für Menschen mit Flucht- und Verlusterfahrung. Sie wurden aus ihrer Heimat in Schlesien oder Masuren vertrieben, verloren Haus und Hof und jeden Besitz. Was ihnen blieb, war die Familie. Nicht jeder hatte den Krieg überlebt. Doch waren die Toten manchmal gegenwärtiger als die Lebenden. Die Familie der christlichen Gemeinde besteht aus den Lebenden und den Toten.

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Flucht der Heiligen Familie als Analogie zur Vertreibung aus dem Paradies

Heimatlosigkeit ist seit der Vertreibung aus dem Paradies ein wahrhaft biblisches Thema. Das Leben Jesu beginnt mit einer Flucht. Ein Engel hatte Josef den entscheidenden Hinweis gegeben. Mit Maria und ihrem Kind floh der heilige Mann vor den Gräueltaten des Königs Herodes nach Ägypten. Die Bibel berichtet über diese Flucht und das weitere Familienleben nur in Andeutungen. So wissen wir nicht, ob Jesus durch frühe Fluchterfahrungen traumatisiert worden ist. Auch verwehren die vier Evangelisten den Einblick in die Familienkonstellation. Ihr Interesse richtet sich auf das öffentliche Wirken Jesu in den letzten drei Jahren seines irdischen Lebens. Diese Lücken in der frühkindlichen Überlieferung schlossen sogenannte apokryphe Evangelien.

Sie waren deutlich von der Freude am Erzählen geprägt, die seit jeher Familiengeschichte geprägt hat. Ihren gewaltigen Einfluss auf bildende Kunst, Literatur und Volksfrömmigkeit bezeugt auch die Bernwardtür im Hildesheimer Dom. Auf einer Bronzetafel findet sich inmitten der Heiligen Familie eine Frau, von deren Anwesenheit während der Geburt die Bibel nichts weiß. Sie heißt Salome und bezweifelte die Tatsache der jungfräulichen Geburt. Wie der ungläubige Thomas braucht sie zum Glauben die taktile Wahrnehmung. Nach der gynäkologischen Untersuchung verdorrt ihre Hand, wird aber durch ein erstes Wunder des Säuglings Jesus wieder geheilt.

Maria konnte lesen und schreiben

Die Geschichte steht im „Protevangelium des Jakobus“. In der „Geschichte von Josef dem Zimmermann“ wird vom Stiefvater Jesu erzählt. Er hatte bereits Kinder aus erster Ehe: Vier Jungen und zwei Mädchen. Die Bibel kennt sie als Halbgeschwister Jesu. Über die Mutter seiner Kinder und ihr Schicksal erfahren wir nichts. Maria wiederum war von ihren Eltern Anna und Joachim früh als Tempeljungfrau bestimmt worden. Sie wirkte bis zu ihrer Menache am Jerusalemer Tempel und erhielt hier eine handwerkliche Ausbildung im Weben von Paramenten und eine literarische Bildung, von der Jesus profitieren sollte. Maria konnte lesen und schreiben.

Gebildete und Gott geweihte Jungfrauen wie sie gingen nach ihrem Dienst im Tempel eine Versorgungsgemeinschaft mit reifen Männern ein. Zu diesen „Viri probati“ mit viel Lebenserfahrung und Pflichtgefühl gehörte Josef. Als Witwer von 89 Jahren trat er an die Seite Marias. Er starb mit 111 Jahren, erlebte also den Tod Jesu nicht mehr. Die beiden führten eine „Josefsehe“, wie es der Brauch verlangte. Dieses zölibatäre Leben ist eine Quelle für das spätere Amt der geweihten Jungfrau („Virgo consecrata“), zu denen die Diakoninnen in der frühen Kirche gehörten. Sie durften, wie das Beispiel der Olympias von Konstantinopel bezeugt, auch am Altar dienen und bei der Taufe von Frauen assistieren.

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Josef und sein schwerer Gewissensentscheid

Dass Maria als Jungfrau schwanger wurde, hat Josef zuerst überfordert. Er dachte sogar daran, sie heimlich zu verlassen (Matthäus 1, 19). Rainer Maria Rilke (1875–1926) hat diese Szene aus der Geschichte der heiligen Familie in dem Gedicht „Der Argwohn Josephs“ dramatisch ins Bild gesetzt:

„Und der Engel sprach und gab sich Müh
an dem Mann, der seine Fäuste ballte:
aber siehst du nicht an jeder Falte,
daß sie kühl ist wie die Gottesfrüh.

Doch der andre sah ihn finster an,
murmelnd nur: Was hat sie so verwandelt?
Doch da schrie der Engel: Zimmermann,
merkst du's noch nicht, daß der Herrgott handelt?

Weil du Bretter machst, in deinem Stolze,
willst du wirklich den zur Rede stelln,
der bescheiden aus dem gleichen Holze
Blätter treiben macht und Knospen schwelln?

Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke,
recht erschrocken, zu dem Engel hob,
war der fort. Da schob er seine dicke
Mütze langsam ab. Dann sang er Lob.“

Spannungen in der Heiligen Familie

Auch die Heilige Familie kennt Spannungen. Da werden offene Worte gesprochen. Nach der Berufung der Jünger rufen die impulsiven Halbbrüder: „Er ist von Sinnen.“ (Markus 3, 21) Und Jesus kontert: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“ (Markus 3, 34) Doch wie jede Familie, so bewährt sich auch diese in offen ausgetragenen Konflikten.

Biblische Notizen über weitere Verwandte der heiligen Kernfamilie wurden im Bild der Heiligen Sippe zusammengefasst. Tilmann Riemenschneider hat mit seiner aus Lindenholz geschnitzten Skulptur „Die heilige Anna und ihre drei Ehemänner“ (1500/1510, Bode-Museum, Berlin) als letzter diese Zusammenschau gestaltet, bevor sie auf dem Konzil von Trient verboten wurde. Sie wird Trinubiumslegende („trinubium“ = dreimalige Vermählung) genannt. Mit Joachim hatte Anna nur ein Kind. Nach seinem Tod bekam sie von ihrem zweiten Mann Kleophas und später von Salomas jene Kinder, deren Kindeskinder in der Bibel genannt werden: die Marien am Grabe Jesu, vier seiner Jünger, darunter der Lieblingsjünger Johannes. Auch Johannes der Täufer ist mit Jesus verwandt. Die heilige Anna galt folglich als Großmutter Jesu und vieler seiner treuesten Weggefährtinnen.

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Anna ist eine Archetype der Großmutter

Der überaus beliebte Annenkult bezeugt die herausragende Bedeutung der Großmütter in der religiösen Praxis der frühen Kindheit. Beten und Singen, die rechte Übung des Kreuzzeichens, die Freude an Stille und Andacht, den Sinn für geordnetes Tun in gegenseitiger Rücksichtnahme, der spirituelle Spürsinn für Riten und Rituale wurde einst von vielen Großmüttern an die kommende Generation weitergegeben. An dieser Schlüsselstelle der religiösen Erziehung ist jederzeit ein neuer Aufbruch möglich. Die heilige Familie ist die „Kerngemeide“. Hier beginnt der große Weg, auf dem sich die Kirche zu allen Zeiten erneuert hat.

Jede Zeit hat ihr eigenes Bild von der Heiligen Familie. Ein Idyll war ihr Leben nicht. In allen Umbrüchen und Wandlungen des Lebens, in Spannungen und Irritationen blieben sie sich treu. Mehr noch. Sie entwickelten Kraft und Mut, einem Höheren zu dienen. Wo zwei oder drei in seinem Namen zusammenkommen, da ist er unter ihnen, hat Jesus gesagt. Diese drei sind das Kernmodell jeder Heiligen Familie. Mit ihr ist jederzeit ein neuer Anfang möglich.

Auch heute haben die Menschen Sehnsucht nach Familie

Die Fernsehgemeinde der Kinder am Sonntagmorgen, die Langschläfer in ihren Kuschelhöhlen, die sportiven Biker auf ihren Karbonrädern – sie sind nicht ohne Sehnsucht nach einem gemeinsamen Familienleben. Gerade weil der Traditionsbruch bis zum Grund gegangen ist und weil überall die Wüste des Nichtwissens gähnt, gerade deshalb können Gemeinden wieder Aufbauarbeit leisten und Familie mit Kindern ansprechen. Liturgie und Lieder wollen in ihrer Schönheit wieder neu entdeckt werden. Dazu braucht es einen sehr langen Atem und viel Gottvertrauen. Es ist gewiss kein Zufall, dass der berühmteste Entwurf einer Kirche mit dem Patrozinium der Heiligen Familie eine ewige Baustelle bleibt. In Barcelona hatte Antoni Gaudí (1852–1926) im Jahr 1882 mit der Errichtung der „Sagrada Familia“ begonnen. Die Kirche ist noch immer unvollendet. Dennoch weihte sie Benedikt XVI. im Jahr 2010 und schuf somit ein Gleichnis aller Wege der Kirche.

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