Feuilleton

Heilig in Wort, Ton und Bild

Am kommenden Mittwoch, den 17. Dezember, feiert der Heilige Vater seinen 78. Geburtstag – das ist ein schöner Anlass, um an seinen Namenspatron Franziskus zu erinnern. Gerade unter den Künstlern hat nämlich der heilige Franz von Assisi viele Freunde, Fans und Verehrer, die ihn stets interessant und individuell zu deuten wussten. Von Stefan Meetschen
Franziskus-Porträt im „Sacro Speco“ von Subiaco
Foto: IN | Heiliger ohne Heiligenschein: Franziskus-Porträt im „Sacro Speco“ von Subiaco.

Er gilt als der Künstler und Dichter unter der Heiligen, als Mann, bei dem Phantasie, Spiritualität und Kreativität verschmelzen – und tatsächlich: Wahrscheinlich gibt es keinen Himmlischen unter den kirchlichen Heroen, der so viele Künstler zu einem Werk inspiriert hat, wie Franz von Assisi, der heilige Franziskus (1182–1226). Denn: Welcher Maler, Musiker oder Dichter hat dem Ordensstifter der Franziskaner, der das Evangelium Jesu Christi bettelarm auf die Straßen trug, nicht wenigstens ein kleines Denkmal der künstlerischen Würdigung gesetzt?

So zum Beispiel der französische Romancier Julien Green (1900–1998), der bereits im Alter von 15 Jahren zum Katholizismus konvertierte, dann aber aufgrund seines inneren Konflikts zwischen Homosexualität und Glaube für kurze Zeit zum Buddhismus abglitt, um schließlich mit Ende 30 erneut in die geistlich sicheren Arme der Kirche zurückzukehren. Schon hochbetagt, Mitte der 1980er Jahre, veröffentlichte Green die Biographie von „Bruder Franz“, dem er bescheinigte „in sich Platz für Christus“ gemacht zu haben. In einer solchen Radikalität, dass alle „Theologen der Welt (…) außerstande“ wären, „diese innere Wandlung zu beschreiben, die sich unserer klassischen Psychologie entzieht“. Doch dafür hat man ja Schriftsteller – und so überrascht es nicht, dass sich auch der britische Roman- und Krimiautor Gilbert K. Chesterton (1874–1936) unmittelbar nach seiner Konversion zum Katholizismus berufen sah, den Lebensweg und den Einfluss des großen Heiligen auf die Kirche und die Menschheit zu beschreiben, wovon eine aktuelle und überaus lesenswerte Neuübersetzung seines Werks, „Hl. Franziskus von Assisi“ (176 Seiten, Media Maria, EUR 14, 95) eindrucksvoll Zeugnis gibt.

Chesterton verteidigt den Heiligen darin gegen das oft vorgebrachte Vorurteil der Verstandesfeindlichkeit und einseitigen Gefühlsbetonung: „…der hl. Franziskus, mögen seine Sprünge noch so wild und romantisch erscheinen, hing mit einem unsichtbaren und unzerreißbaren Faden stets an der Vernunft.“ Auch die Franziskus oft unterstellte Formlosigkeit und Spontanität erscheint bei Chesterton in einem klareren Licht. „Alle stimmen darin überein, dass die Höflichkeit von Anfang an aus ihm sprudelte wie der offene Brunnen eines sonnigen italienischen Marktplatzes.“ Alles in Maßen also, mit Manieren, wie es sich für einen Kaufmannssohn, der Troubador und Ritter werden wollte, gehört, aber stets mit eindeutig evangelistischem Antrieb, wie es auch die italienische Regisseurin Liliana Cavani in ihrem Film „Franziskus“ aus dem Jahre 1988 gezeigt hat. In großer Treue zur Biographie des Heiligen, der in dem Film vom späteren Oscar-Gewinner Mickey Rourke verkörpert wird, schildert Cavani in authentischer Weise, dass es dem heiligen Franziskus nicht darum ging, eine esoterische Wald- und Wiesen-Kommune zu gründen, wie man im Hippie-Zeitalter meinte.

Sehr wichtig war für den Kreuzzug-erprobten Franziskus die Anerkennung des Papstes, die Einbettung des neuen Ordens in die kirchliche Ordnung. Weshalb sich Franziskus auch eigens auf den Weg nach Rom machte, um den Segen von Papst Innozenz III. für seine Mission zu erhalten, welchen ihm der Heilige Vater auch gewährte. Das Ergebnis: Die franziskanische Bewegung konnte sich vor Interessierten aus allen Teilen Europas kaum retten. Eine mustergültige Integration in die Kirche gelang und bewahrte den Orden – vor allem nach dem Tod des Heiligen – vor einer häretischen Verunglimpfung seiner Lehre und Spiritualität durch ein Häuflein irregeleiteter Nachfolger.

Diese dynamische Freude und Schärfe bei der Nachfolge Christi, die Mystik des Kleinen und Alltäglichen, welche die franziskanische Spiritualität von Anbeginn auszeichnete und die schließlich in denen durch eine Vision angekündigten Stigmata des Heiligen gipfelten, erkennt man auch gut in dem Franziskus-Film des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini (1906–1977). Der Film mit dem Titel „Franziskus, der Gaukler Gottes“ aus dem Jahre 1950 zeigt im Unterschied zu dem etwas kitschigen Zeffirelli-Streifen „Bruder Sonne, Schwester Mond“ von 1972, bei dem die Beatles als Franziskaner auftreten sollten und Folk-Barde Donovan zur Klampfe griff, das schlichte Leben des Heiligen und seiner Mönchsbrüder. Noch vollkommen ohne popkulturelle Stilmittel auskommend und auf Grundlage von elf Episoden, die dem Legenden-Zyklus „Fioretti di San Francesco“ entstammen. Einer der „schönsten Spielfilme der Filmgeschichte“ urteilte der französische Regisseur Francois Truffaut über das Werk, bei dem ein anderer Film-Gigant, Federico Fellini, am Drehbuch mitarbeitete. Für Rossellini, den eigentlichen Begründer des italienischen Neorealismus, markierte „Franziskus, der Gaukler Gottes“ den Übergang zu einer mehr mystisch-religiös orientierten Phase seines Schaffens. Franziskus führte ihn zum Wesentlichen.

Doch auch viele Musiker und Komponisten wollten und konnten ein Lied von ihrer Franziskus-Begeisterung singen. Wobei natürlich der berühmte „Sonnengesang“ des Heiligen, den er am Ende seines Lebens in San Damiano auf Altitalienisch verfasste, besonders inspirierend wirkte. „Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne; er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz, dein Sinnbild, o Höchster.“ Von Franz Liszt bis Carl Orff, von Francis Poulenc bis Olivier Messiaen – lang ist die Liste der Musiker, die versucht haben, die Schönheit und die Reinheit dieses Gebets und seines menschlichen Schöpfers mit Tönen einzufangen und auszudrücken.

Besonders der katholische Komponist Olivier Messiaen (1908–1992) ist es wohl, der den genialen und gehorsamen Geist von Franziskus, diesem schlichtesten aller Kirchenbauer, musikalisch am besten erfasst hat. Der mitunter etwas strenge, aber auch spielfreudig-experimentelle Komponist erarbeitete von 1975 bis 1983 für die Pariser Oper das Bühnenwerk „Saint François d'Assise“, in dem besonders im 6. Bild Le Preche aux Oiseaux eine Reihe von Vogelrufen zu hören sind. Logischerweise. Denn so sicher es ist, dass Franziskus zu den Vögeln predigte, so unbestritten ist, dass Messiaen auf Weltreisen zahlreiche Vogelrufe aufzeichnete, die er in sein musikalisches Werk integrierte.

Der österreichische Musikwissenschaftler und Komponist Thomas Daniel Schlee schrieb über diese Oper für „Stimmen der Zeit“: „Messiaen hat seine Oper bewusst als Summa konzipiert. Keines seiner anderen Werke ist ihm hinsichtlich der Fülle des musikalischen Materials gleichzusetzen. Alles Pittoreske aus dem Leben des Heiligen bleibt ausgespart, auch die heilige Clara, durch die ein bedeutender, paralleler Handlungsstrang notwendig geworden wäre.“ Stattdessen acht Bilder in drei Akten: „Das Kreuz“, „Die Laudes“, „Der heilige Franziskus küsst den Aussätzigen“, „Der wandernde Engel“, „Der musizierende Engel“, „Die Vogelpredigt“, „Die Stigmata“, „Der Tod und das neue Leben“. Besonders die Begegnung mit dem Aussätzigen, so Schlee, der bei Messiaen studiert hat, stelle einen „Angelpunkt im Geschehen“ dar, die „Überwindung des Ekels aus Liebe, die die Reinigung, die Heilung an Leib und Seele des Kranken und zugleich die Heiligung des Franziskus zur Folge“ habe. Damit sei angedeutet, weshalb der Komponist den Inhalt der Oper „in Abgrenzung zu üblichen Szenarien als ,Weg zunehmender Gnadenfülle des Heiligen‘ beschrieben“ habe. Womit wir bei den Malern, beispielsweise bei El Greco, Lucas Cranach dem Älteren, Francisco de Zurbaran und Rubens wären, die Franziskus natürlich auch ihre darstellende Referenz erwiesen haben. Diese zeigten den „Poverello“ (der kleine Arme) von früh an entweder in friedfertiger oder büßender Haltung, in der dunkelbraunen Kutte, mit den fünf Wundmalen Christi, mit Tieren (Taube, Lamm) oder mit Totenkopf, Rosenkranz, Geißel und Kruzifix, beim Papst oder beim Erhalt der Stigmata. Ein reiches thematisches Spektrum. So reich, wie das Leben des Heiligen. Und doch wirkt Franziskus in all dieser Fülle niemals überdreht oder hastig. Stets scheint er ganz bei sich selbst zu sein – konzentriert auf Christus hörend, die Jungfrau Maria, auf die Eingebungen des Heiligen Geistes. Dies verhinderte, dass das Feuer seines Glaubens zum Strohfeuer wurde.

Das Königsbild unter all diesen gelungenen visuellen Annäherungsversuchen ist vermutlich das Franziskus-Porträt im „Sacro Speco“ von Subiaco, der heiligen Felsspalte, die ausgerechnet zum Territorialkloster eines anderen Ordens, dem der Benediktiner, gehört. Schon zu Lebzeiten von Franziskus wurde es angefertigt, weshalb der Dargestellte zwar keinen Heiligenschein, aber immerhin schon die Stigmata besitzt. Julien Green hat es, sozusagen als literarischer Fachmann für Seelenschmerzen und die Sehnsucht nach Erlösung, in seinem bereits erwähnten Buch „Bruder Franz“ feinfühlig und originell gedeutet. Aus Sicht von Green sieht man Franziskus in dieser Spalte nämlich als ein Wesen mit zwei Gesichtern: fröhlich und leidend, heiter und dunkel zugleich. Eine paradoxe Interpretation? Soll ausgerechnet der Heilige der Kirche, dem der andere große literarische Psychologe, Gilbert K. Chesterton, attestierte, mit der antiken Mythologie und Poesie rein gar nichts zu schaffen gehabt zu haben, janusköpfig wirken? Vielleicht ist es gerade diese geheimnisvolle Doppelgesichtigkeit, die bis heute so viele schöpferische Menschen in den Bann des heiligen Franziskus zieht, der zunächst in Luxus lebte und dann alles Materielle abgab, um barfuß durch die Welt ziehen zu können. Denn zum freudigen Lobe Gottes gehört immer auch der Geist der Buße und Selbstentäußerung. In Bild, Wort und Gesang kann man diesem Geist, diesem Meisterwerk Gottes heute noch authentisch begegnen. In diesem Sinn hat der gegenwärtig amtierende Papst, der am kommenden Mittwoch sein 78. Lebensjahr vollendet, den Namen „Franziskus“ sicher bewusst gewählt. Auch er beschreitet den schmalen Grat zwischen einer Öffnung zur Welt und einer asketischen Selbstentäußerung.

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