Jerusalem

Hautfarbe als Makel?

Rassismus ist kein Phänomen der Moderne. Menschen ziehen seit alters her Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem.
Rassismus ist kein Phänomen der Moderne
Foto: Moritz Frankenberg (dpa) | Weltweit wird nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd infolge eines gewaltsamen Polizeieinsatzes gegen Rassismus demonstriert. Auch die frohe Botschaft wurde früher von Rassismus überschattet.

Uns dunkle Rasse sieht man an voll Hohn: ,Die Farbe ist von dämonischem Ton.‘ Bedenket, Christen: Neger, schwarz wie Kain, einst weiß und hell im Engelszug sich reih'n.“ Mit diesen Zeilen stellte Phillis Wheatley – die erste afroamerikanische Frau, die einen Gedichtband auf Englisch veröffentlichte – im Jahr 1773 ihre Hoffnung auf die christliche Botschaft der Gleichheit aller Menschen entgegen dem herrschenden Rassismus.

Dass diese Hoffnung in den USA bis heute nur eine Hoffnung bleibt, zeigt sich gegenwärtig mal wieder durch Demonstrationen auf den Straßen und Plätzen des Landes, das sich anknüpfend an die Bergpredigt eigentlich als „City upon a Hill“, als christlicher Hoffnungsschimmer für die Welt, versteht. Doch der Rassismus legt seinen dunklen Schatten auf die frohe Botschaft. „Neger, schwarz wie Kain“, schreibt Phillis Wheatley und verweist damit in ihrem Gedicht darauf, wie auch christliche Bibelauslegung zur Verfestigung des Rassismus in der Gesellschaft beitrug. Bereits kurz nach dem Beginn des Sklavenhandels in Nord-Amerika begannen Prediger verschiedenster protestantischer Konfessionen, das Kainsmal mit der schwarzen Hautfarbe gleichzusetzen und somit als Folge des ersten Mordes der biblischen Menschheitsgeschichte zu deuten – und diese Bibelauslegung blieb bis ins 20. Jahrhundert hinein populär. Aus Eifersucht ermordet Kain seinen Bruder Abel. Gott verflucht Kain für seine Tat und verjagt ihn vom Ackerboden. Kain fürchtet um sein Leben. Damit er trotz des Fluches, nicht um sein Leben fürchten muss, verleiht Gott ihm das Kainsmal: „Darauf machte der HERR dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.“ (Genesis 4,15). Dass alle Nachfahren Kains bei der Sintflut starben und dass der Text nicht klärt, was das Kainsmal – das ja eigentlich ein Schutzzeichen ist – war, spielte bei der rassistisch verblendeten Auslegung dieses Verses keine Rolle.

Nicht mehr und nicht minder als einfach eine Farbe

Dass eine Hautfarbe nicht mehr und nicht minder als einfach eine Hautfarbe ist, war und bleibt bis heute für manche Menschen schwer zu begreifen. Sie gehört zu einer Person – bestimmt aber nicht deren Charakter oder Würde. Und sie kann nicht einfach abgelegt werden, wie schon der Prophet Jeremia betonte: „Kann ein Kuschit seine Hautfarbe oder ein Leopard die Flecken seines Fells verändern?“ (Jeremia 13,23). Mit dieser rhetorischen Frage erklärt der Prophet die kommende Strafe gegen Jerusalem. Die Schuld Jerusalems ist so groß, dass die Katastrophe nicht mehr abzuwenden ist. So wie Flecken zu einem Leopard gehören, so eng ist die Verbindung der Stadt Jerusalem mit ihrer Schuld. Die Bewohner haben sich so an das Böse gewöhnt, dass sie selbst zum Bösen geworden sind. Sie können das Böse nicht mehr abstreifen und werden daher verurteilt. Es wäre falsch, daraus zu schließen, dass in diesen Worten angedeutet würde, dass die Hautfarbe ein Symbol für die Schuld der Bewohner Jerusalems sei – die Flecken des Leoparden sind auch kein Symbol für Schuld. Es geht um die Hautfarbe als gegebene Unabänderlichkeit.

„Rassismus aufgrund der Hautfarbe ist kein
Phänomen der Moderne, sondern wird von Menschen
seit alters her missbraucht, um eine Grenze zu ziehen
zwischen Eigenem und Fremdem“

In der alten Einheitsübersetzung von 1980 gab es hier eine denkbar schlechte Wortwahl in der Übersetzung: „Ändert wohl ein Neger seine Hautfarbe oder ein Leopard seine Flecken?“ Das Wort „Neger“ ist eng mit dem Kolonialismus, der Sklaverei und der Rassentheorie verbunden und wird in der heutigen Umgangssprache meistens als rassistische und abwertende Bezeichnung einer Person verwendet. Der hebräische Text hingegen spricht von einem Kuschiter – wie es nun auch in der revidierten Einheitsübersetzung von 2016 steht. In der antiken, griechischen Übersetzung, der sogenannten Septuaginta, wird das Land Kusch mit Äthiopien identifiziert. In ägyptischen Quellen bezeichnet es das Gebiet südlich des 2. Nilkataraktes im Norden des heutigen Sudan. Aus diesem Gebiet stammte auch der erste Nicht-Jude, der sich zum Christentum bekehrte und taufen ließ: der äthiopische Kämmerer (Apostelgeschichte 8, 26–40).

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Rassismus aufgrund der Hautfarbe ist kein Phänomen der Moderne, sondern wird von Menschen seit alters her missbraucht, um eine Grenze zu ziehen zwischen Eigenem und Fremdem. Aus dem pharaonischen Ägypten sind eine Vielzahl von kolorierten Hautdarstellungen erhalten, die häufig klar unterscheiden zwischen den rotbraun dargestellten Bewohnern des Niltals, die als einzige das ägyptische Attribut für „Mensch“ erhalten, und dem schwarz oder beige dargestellten Rest der Menschheit.

Biblische Konflikte um die Hautfarbe

Auch in der Bibel kann die Hautfarbe für das Fremde stehen, gegen das sich ein Widerwort erhebt. Gemäß dem Buch Numeri hatte Mose eine Kuschiterin als Frau und dies wurde für seine Geschwister Mirjam und Aaron zum Stein des Anstoßes: „Als sie in Hazerot waren, redeten Mirjam und Aaron gegen Mose wegen der kuschitischen Frau, die er sich genommen hatte. Er hatte sich nämlich eine Kuschiterin zur Frau genommen.“ (Numeri 12,1). Bereits zu Beginn der Erzählung wird zweimal innerhalb des ersten Verses betont, dass Mose eine Kuschiterin geheiratet hat, wodurch deutlich der Kritikpunkt markiert wird. Auch seine erste Frau Zippora war eine Nicht-Israelitin; sie stammte aus Midian. In der folgenden Erzählung jedoch wird ein anderes Thema verhandelt: Es geht um das prophetische Vorrecht Moses', das in Frage gestellt wird. Eine mögliche Erklärung für den plötzlichen Themenwechsel ist die Annahme, dass ein Redaktor den Text überarbeitet und die Thematik von Moses Prophetentums in den Verse 2–9 sekundär eingefügt hat. Diese Vermutung passt zu einer grammatikalischen Auffälligkeit in Vers 1. Das dort verwendete Verb bezieht sich im Singular nur auf Mirjam und Aaron ist ohne Bezug nur angefügt – wörtlich heißt es im Vers: […] und es sprach Mirjam – und Aaron – über/gegen Mose […]. So könnte man annehmen, dass es zuerst nur eine Erzählung über Mirjam gab, die dann ergänzt wurde. Auffallend ist, dass im Folgenden nur Mirjam bestraft wird und die Strafe sie in starken Kontrast zur Kuschiterin setzt: „Als die Wolke vom Zelt gewichen war, siehe, da war Mirjam weiß wie Schnee vor Aussatz.“ (Numeri 12,10). Durch das Widerwort gegen die schwarze Kuschiterin lässt Gott Mirjam krankhaft weiß werden – wodurch ihre eigene Hautfarbe zum Makel wird. Aber auch wenn die Verse 2–9 auf den ersten Blick zwischen dieser engen Verbindung stören, stehen sie doch – selbst wenn man der genannten Redaktionstheorie folgt – gezielt an dieser Stelle. Inwiefern ist also die Heirat Moses mit einer Kuschiterin problematisch in Bezug auf sein Prophetenamt?

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Rassismus verfinstert den christlichen Hoffnungsschimmer

Mirjam und Aaron weisen darauf hin, dass Gott nicht nur exklusiv mit Mose gesprochen hat, sondern auch mit ihnen. Weder die Kuschiterin noch Mose geben einen Anlass für Mirjams und Aarons Kritik und Gott stellt sich den rebellierenden Geschwistern entgegen. In dem Gotteswort wird indirekt Mirjams und Aarons besonderer Status als Propheten hervorgehoben, dem Mose als Knecht Gottes übergeordnet ist. Es werden durch Gott jedoch nicht nur deren Widerworte verurteilt, sondern er macht es ihnen zum Vorwurf, dass sie gegen seinen Knecht Mose geredet haben – und in diesem Vorwurf wird die Formulierung aus Vers 1 aufgenommen; dass sie „gegen Mose“ wegen der kuschitischen Frau, „geredet haben“. Gott verurteilt somit in dieser Erzählung auch den Rassismus Mirjams und Aarons.

Phillis Wheatley träumte vom dem „Engelzug“, in den sich alle Menschen – gleich welcher Hautfarbe – einreihen werden. Zusammen mit der Kuschiterin aus dem Alten Testament und dem äthiopischen Kämmerer wird sie der hellstrahlenden Herrlichkeit Gottes entgegengehen. Im Diesseits füllen sich die amerikanischen Straßen mit Gewalt. Rassismus verfinstert mal wieder den christlichen Hoffnungsschimmer.

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