Gen-Veränderungen mit Tücken

Eine dreiteilige Dokumentarfilmreihe zeigt die Fortschritte in der synthetischen Biologie. Auf Risiken und Gefahren wird eher zaghaft hingewiesen. Von Tobias Grünwald

Wissenschaftler wollten heute nicht nur das Leben verstehen und nutzen, sondern darüber hinaus „neue Lebewesen schaffen, neues Leben künstlich produzieren“. Mit diesen Worten wird die dreiteilige Dokumentation „Die Gen-Revolution – Der Mensch als Schöpfer“ eingeleitet.

Die dreiteilige Dokumentarfilmreihe, die das ZDF am 9. August ausstrahlt, zeigt Beispiele aus der ganzen Welt, vorwiegend jedoch aus Nordamerika. Da in den USA Wissenschaften und Technik eher positiv gesehen würden, wie es in der Dokumentation ausdrücklich heißt, überwiegen die Beispiele, die diese neuen Wissenschaften in ein positives Licht rücken. So wird etwa für Christopher Voigt, Forscher am Massachusetts Institute of Technology MIT, das 21. Jahrhundert „ein biotechnologisches sein“, so wie das 20. Jahrhundert durch Elektronik und Computer geprägt gewesen seien. Die in der Einführung zur Dokumentarfilmreihe angesprochenen „beispiellosen, unkalkulierbaren Risiken“ kommen dagegen eher am Rande zur Sprache.

Bioingenieure verändern bereits heute unsere Welt, indem sie Genabschnitte von Bakterien, Pflanzen und Tieren neu zusammensetzen. Die Dokumentation zitiert Frances Arnold, Professorin am California Institute of Technology „Caltech“, die sich dafür ausspricht, „neue Wege zu gehen“, um in die Naturprozesse einzugreifen. Mit ihr stimmt Vincent Martin, Mikrobiologie-Professor an der kanadischen Concordia University und Mit-Begründer des Genome Canada-Projektes, überein: „Die Evolution soll weiterentwickelt werden.“ Die Begeisterung der Wissenschaftler, die Lösungen für die Energie-, Umwelt-, Gesundheits- und Ernährungsprobleme der Menschheit versprechen, wird allerdings gedämpft: Sie „wissen, dass sie den Prozess nicht beherrschen“. Die Empfindung gegenüber solchen Projekten drückt der Kommentator mit den Worten aus: „Mein Kopf dreht sich gefangen zwischen Begeisterung und Grauen.“ Frances Arnold selbst gibt zu, dass die Forscher erst am Anfang stehen, ja nicht weiterkommen, „weil wir die Beziehungen zwischen der DNS-Sequenz und was sie bewirkt, nicht richtig verstehen“.

Dennoch wenden Wissenschaftler in der sogenannten „Synthetischen Biologie“ die Methoden der Ingenieurwissenschaften auf die Biologie an. Seit im Jahre 2010 Craig Venter die Erschaffung der ersten synthetischen Zelle gelang, ist ein neuer Wissenschaftszweig entstanden. Im Unterschied zur Gentechnik stattet die synthetische Biologie Mikroorganismen mit neuen Eigenschaften aus. Dabei gehen sie wie Ingenieure vor: Sie entwickeln biologische Bausteine, um Modifikationen an Lebewesen vorzunehmen. Die Dokumentation zeigt den synthetischen Biologen Drew Endy aus Stanford, der dadurch „virtuelle Organismen“ erzeugt, dass er unterschiedliche Genome miteinander verbindet. Zellen werden wie ein Computer programmiert. So entstehen „Biobauteile“, biologische Schaltkreise. Von Neuschöpfungen spricht auch Christopher Voigt, Professor für Synthetische Biologie am MIT: „Kein Produkt der synthetischen Biologie hat jemals zuvor existiert. Jedes Genom, das wir hier herstellen, ist eine Neuschöpfung.“

Dabei betrachten synthetische Biologen und Bio-Ingenieure lebende Zellen wie Maschinen. Sie versuchen, sie nach ihren Vorstellungen genetisch zu manipulieren. Dafür arbeiten sie mit Computersoftware, und gehen vor, als würden sie einen Computerchip programmieren. Die von ihnen gestalteten DNA-Sequenzen bestellen sie bei sogenannten „Gen-Druckereien“ beziehungsweise „Gen-Gießereien“ im Internet. Diese Firmen stellen DNA-Sequenzen aus Chemikalien her.

„Designer-Zellen“ sind für den ETH-Professor Martin Fussenegger wie eine Prothese. Solche „prothetische Netzwerke“ seien deshalb nichts Künstliches, weil sie aus dem lebenden Organismus selbst entnommen seien. Inzwischen gibt es kleine Fabriken mit genetisch veränderten, lebenden Organismen, die gewünschte Chemikalien und Arzneimittel synthetisch erzeugen. Im drittel Teil der Dokumentarfilmreihe „Die Gen-Revolution“ mit dem Untertitel „Bio-Roboter und lebende Fabriken“ wird auch nach den Auswirkungen dieser neuen Produktionsweise für unsere Welt gefragt. Einzelne Beispiele verdeutlichen, dass dadurch herkömmlichen Produzenten und Kleinbauern in der Dritten Welt die Lebensgrundlage entzogen wird.

Zaghaft kommen die Risiken und Gefahren der neuen Bio-Technologien zur Sprache. „Die Natur verbessern zu wollen, ist naiv“, zitiert die Dokumentation etwa Jim Thomas, Research Programme Manager aus Montreal, der Menschen auf der ganzen Welt für solche Gefahren sensibilisieren möchte – Risiken und Gefahren, die sich wohl potenzieren, wenn solche Methoden auf den Menschen angewandt werden. Doch darüber schweigt sich die dreiteilige Dokumentation „Die Gen-Revolution“ aus.

„Die Gen-Revolution. Der Mensch als Schöpfer“. Dreiteilige Dokumentation, je 45 Minuten, 9. August, ab 20.15 Uhr, ZDFinfo

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