Für die Ehe engagieren

Die Genderideologie in Peru und die Antwort der Kirche. Von Pater Mario Arroyo
"Bus der Freiheit" in Chile
Foto: dpa | Der „Bus der Freiheit“ macht sich für Geschlecht und Familie stark – eine Frau mit Regenbogenfarben protestiert.

Von der Genderideologie reden heißt, über etwas zu sprechen, was der peruanischen Eigenart fremd ist. Es handelt sich vielmehr um ein deutliches Beispiel von „kulturellem Kolonialismus“: In Peru sollen ausländische Lebensformen und -entwürfe eingeführt werden, die vorgeblich den traditionellen Werten des Landes überlegen sind. Zu solchen Werten gehören auch die starke Verwurzelung der Familie und die Schlüsselrolle der Mutter im Leben der Menschen. Um die Einmischung zu rechtfertigen, berufen sich die Förderer der Genderideologie auf zwei in der peruanischen Kultur sehr verbreitete Übel: auf den Machismo, der sich in Gewalt gegen Frauen und in häufig vorkommender Untreue und Bigamie ausdrückt, sowie auf den Rassismus als Missachtung der Menschen wegen ihrer Herkunft (wer aus der Küste stammt, wird besser angesehen als diejenigen, die aus dem Gebirge oder dem Urwald kommen) oder sogar nach der Rasse (farbige Menschen und die Eingeborenen werden nicht so wertgeschätzt wie diejenigen, die eine weiße oder weniger dunkle Hautfarbe besitzen).

Der ausländische Einfluss gelangt ins Land auf drei Kanälen: durch die UNO, die seit der Vierten Weltfrauenkonferenz Beijing 1995 Gendervokabular sowie -politiken einsetzt; durch ausländische Regierungen, etwa der Vereinigten Staaten unter Clinton und Obama sowie einiger Länder der Europäischen Union (beispielsweise Niederlande, Dänemark und Schweden) oder auch Kanada unter Justin Trudeau. An dritter Stelle sind einige NGO's zu nennen, etwa die Open Society von Soros oder die Rockefeller Foundation. Sie setzen riesige Geldmittel ein, um diese Lebensauffassung durchzusetzen.

Die Genderideologie bedient sich eigenartiger Bündnisse, beispielsweise zwischen der gay lobby und radikalen Feministinnen. Abtreibungsbefürworter gehen Hand in Hand mit denjenigen, die zunächst eine Lebenspartnerschaft und sodann die Ehe unter Homosexuellen fördern. Die peruanische Sociedad Secular Humanista (ein Ableger der britischen Humanistischen Union) und die Peruanische Atheisten-Vereinigung bringen zusammen die Genderagenda voran. In eigentümlicher Verbundenheit unterstützen verschiedene linksgerichtete Gruppierungen und Rechtsliberale Abtreibung und Lebenspartnerschaft, obwohl sie in anderen Bereichen – etwa in der Wirtschaftspolitik oder in der Rolle, die sie dem Staat zuschreiben – unversöhnliche Feinde sind. Um sich diesen mächtigen Bündnissen entgegenzustellen, war ein „neues Bündnis“ erforderlich. Zwar handelt es sich eigentlich nicht um ein religiöses Thema, aber der Glaube spielte dabei eine wichtige Rolle, die sich in der „Ökumene der Familie“ niedergeschlagen hat. Katholische und evangelische Christen konkurrierten früher um die Seele Perus. Nun haben sie sich zusammengetan, zunächst um das Leben zu verteidigen, und nun, um das Wesen der Ehe als Vereinigung von Mann und Frau sowie die Familie als Institution zu schützen.

2017 erreichte der Kampf an verschiedenen Fronten einen Höhepunkt. Am bekanntesten wurde der Kampf gegen den Nationalen Lehrplan 2017, der sich „die Genderperspektive“ als „fachübergreifende Querachse im nationalen Lehrplan“ aneignete, sowie gegen den damit einhergehenden und von der Genderideologie stark geprägten Leitfaden für Ganzheitliche Sexualerziehung. Leugnete die Regierung die Existenz einer Ideologie hartnäckig – sie behauptete vielmehr, es gehe lediglich um eine für die Gleichstellung von Männern und Frauen notwendige „Gender-Perspektive“, so versicherten die Eltern, dass es sich um eine regelrechte Ideologie handelt. Daraus entstand ein sich ins Unendliche ziehender „Dialog unter Schwerhörigen“.

Vor allem evangelikale Eltern organisierten den Hashtag „#ConMisHijosNoTeMetas” („Finger weg von meinen Kindern“), der im ganzen Land Massendemonstrationen auf die Beine gestellt hat, um die Rücknahme der Genderinhalte aus den Lehrplänen zu fordern. Der katholische Verein „Padres en acción“ (Eltern in Aktion) verklagte den Peruanischen Staat, weil entgegen den Vorschriften im Allgemeinen Bildungsgesetz der Staat die Eltern wegen der Inhalte im Lehrplan nie befragt hat. Dieser Kampf führte zum Rücktritt zweier Bildungsminister, Jaime Saavedra und Marilú Martens. Am Ende erklärte der neue Bildungsminister Idel Vexler, dass 2018 der Lehrplan von 2009 wieder in Kraft treten soll – ein Lehrplan ohne Genderideologie.

Die zweite Front war der Gesetzentwurf zur „Lebenspartnerschaft“, der im Februar 2017 ins Parlament eingebracht wurde. Bereits 2011 wurde der Versuch unternommen, diesen Gesetzentwurf durchzusetzen. Er scheiterte jedoch daran, dass die Opposition das „Ley de sociedad solidaria“ („Gesetz für die Solidargemeinschaft“) als Alternative vorschlug: Nach diesem Gesetz erklären zwei Erwachsene, unabhängig von deren Geschlecht und Bindung einander zu unterstützen. Der Gesetzentwurf zur „Lebenspartnerschaft“ scheiterte 2017 erneut, weil ihn die Regierungsopposition ablehnte, die zurzeit die Parlamentsmehrheit stellt. Um die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren, wurde ebenfalls der Rechtsweg beschritten: Der peruanische Bürger Oscar Ugarteche Galarza, der in Mexiko mit dem mexikanischen Staatsangehörigen Fidel Aroche Reyes die Zivilehe eingegangen war, beantragte die Anerkennung des Personenstands „verheiratet“ beim RENIEC (Nationalen Personenstandsregister). Der Antrag wurde abgelehnt, weil dies in Peru nicht dem Gesetz entspricht. Der „Geschädigte“ verklagte das RENIEC. Die Siebte Kammer des Verfassungsgerichts in Lima gab ihm Recht.

Zu den oben genannten Fronten kam der Kampf hinzu, die „Genderidentität“, zu der sich jeder zugehörig fühlt (nicht unbedingt also das biologische Geschlecht), im Personalausweis anzuerkennen. Sogar der Universitätsrat der Katholischen Universität Peru wollte diese Möglichkeit für den Studentenausweis vorsehen, aber der Rektor legte dagegen sein Veto ein. Mit dem Gesetzgebungsdekret Nr. 1323 (im Volksmund „Knebelgesetz“ genannt) versuchte die Regierung, die Meinungsfreiheit zu beschränken: „Hassreden“ sollten sogar mit Gefängnisstrafen bestraft werden. Dadurch sollte die „Genderidentität“ geschützt werden. „#ConMisHijosNoTeMetas” („Finger weg von meinen Kindern“) legte dem Parlament mehr als eine Million Unterschriften vor, damit das Dekret zurückgenommen wurde, was letztlich am 5. Mai geschah.

Die offizielle Reaktion der Kirche ist gemäßigt gewesen. Die 109. Plenarversammlung des Peruanischen Episkopats gab am 23. Januar 2017 eine Mitteilung ab, in der sie verlangte, aus den Lehrplänen „die aus der Genderideologie stammenden Begriffe“ zu streichen. Die Bischöfe weisen darauf hin, dass der peruanische Staat seine Zuständigkeit überschritten hat, weil er die rechtmäßigen Forderungen der Eltern ignoriert habe. „Das Recht der Eltern, über die Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen, wurde verletzt.“ Der Kardinal von Lima äußerte sich gegen die „Lebenspartnerschaft“, weil dies „eine alte Strategie“ sei, die zur Legalisierung der homosexuellen Ehe führe. In Bezug auf die Lehrpläne sagte er, es genüge, den Begriff „Gender“ durch „Geschlecht“ zu ersetzen. Er stellte den Grund infrage, warum die Regierung trotz des weit verbreiteten Protests der Eltern auf dem ersten Begriff bestehe. Kardinal Cipriani entlarvt die Doppelzüngigkeit im Diskurs der Regierung, die gegen die Ungleichstellung von Mann und Frau als einziges „Arzneimittel“ die Genderperspektive anbietet: „Es ist sehr leicht, von Gleichstellung zu reden. Damit sind wir alle einverstanden, [aber] warum wird Gender nicht durch Geschlecht ersetzt? Einfach das, und wir brauchen nicht weiter darüber zu diskutieren. Wir sind immer Männer und Frauen gewesen, männliches und weibliches Geschlecht. Warum wurde diese Plattform erfunden, die nun ,Gender‘ heißt?“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frage heikel und aktuell bleibt. Bislang konnte die Zivilgesellschaft zusammenhalten und einen von der Genderideologie geprägten Nationalen Lehrplan sowie die Versuche stoppen, die Ehe und deshalb auch die Familie gemäß dieser Ideologie neu zu definieren. Aber der Druck bleibt und ist nach wie vor stark. Deshalb ermuntert die Kirche die Eltern dazu, sich bei der Erziehung ihrer Kinder ihrer Rolle bewusst zu werden. Sie lädt die Zivilgesellschaft ein, sich in so wichtigen Fragen wie Ehe und Familie zu engagieren. Nach innen hat sie die große und überaus wichtige Aufgabe, die Katholiken zu bilden, damit sie in der Öffentlichkeit ihrem Glauben gemäß handeln. Das heißt, eine bessere und weiter verbreitete Kenntnis der Soziallehre der Kirche tut not.

Der Autor studierte Theologie und promovierte in Philosophie. Er ist Seelsorger an der privaten katholischen Universität UDEP in Lima.

Übersetzt von José García

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