Frischer Wind am Isenheimer Altar

Das Unterlindenmuseum in Colmar ist nach seiner Renovierung wieder geöffnet. Von Veit-Mario Thiede
Foto: Thiede | Grünewald: Madonna mit dem Jesuskind, Detail des Isenheimer Altars.
Foto: Thiede | Grünewald: Madonna mit dem Jesuskind, Detail des Isenheimer Altars.

Ist von Colmars Unterlindenmuseum die Rede, kommt einem sofort sein größter Schatz in den Sinn: der weltberühmte „Isenheimer Altar“. Doch es hat weit mehr zu bieten. Seine Sammlungen umfassen Objekte aus den letzten 7 000 Jahren: archäologische Funde, Kunsthandwerk sowie Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Fotografien. Allerdings waren die Sammlungspräsentation sowie die Infrastruktur in die Jahre gekommen und fristete die moderne wie zeitgenössische Kunst mangels Ausstellungsfläche ein Schattendasein. Für frischen Wind haben die Baumaßnahmen der vergangenen drei Jahre gesorgt. Nach mehrmonatiger vollständiger Schließung sind dem Publikum seit dem 12. Dezember rund 75 Prozent der Ausstellungseinheiten des „neuen“ Unterlindenmuseums zugänglich. Weitere kommen bis zur Eröffnungsfeier am 21. Januar hinzu.

Das „neue“ Unterlindenmuseum hat seine Fläche auf 8 000 Quadratmeter verdoppelt. Die Baukosten von 44 Millionen Euro brachten die öffentliche Hand und private Geldgeber auf. Seine Gebäude gruppieren sich um den neu hergerichteten Unterlinden Platz. Auf der einen Seite stehen frisch renoviert der Kreuzgang und die Kirche des im 13. Jahrhundert erbauten Dominikanerinnenklosters, die 1853 zum Unterlindenmuseum umgewidmet wurden. Auf der anderen Seite des von einem offenen Kanal durchzogenen Platzes befinden sich die hinzugewonnenen Häuser. Das 1906 errichtete ehemalige Stadtbad erstrahlt im Inneren nun wieder in seiner ursprünglichen Jugendstilpracht.

Die Erschließung des Museums erfolgt über den neuen Eingang im Erdgeschoss der Nordfassade des ehemaligen Klosters. Der Rundgang ist von den archäologischen Funden im Untergeschoss des Altbaus bis zur Moderne im Neubau chronologisch inszeniert. Eine unterirdische Galerie verbindet die Gebäude. In ihr sind Landschafts- und Porträtmalerei überwiegend französischer Meister des 19. und frühen 20. Jahrhunderts untergebracht. Auch die Kunst im Neubau ist überwiegend französischer Herkunft, darunter figurative Malerei von Alfred Manessier und Fernand Léger sowie abstrakte Bilder von Pierre Soulages und Georges Mathieu. Reich vertreten ist Jean Dubuffet, dessen mit Kugelschreiber und Filzstift hergestellte Bilder und aus zahlreichen Einzelteilen zusammengesetzte Skulpturen gewollte Ungeschicklichkeit zum schöpferischen Prinzip erklären, das aller künstlerischen Kultiviertheit eine lange Nase dreht. Mit acht Gemälden und Zeichnungen besitzt das Unterlindenmuseum Frankreichs größte Sammlung der Werke von Otto Dix. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Gefangenenlager am Rande Colmars interniert, durfte aber künstlerisch tätig sein. Inspiration verschaffte sich Dix bei Besichtigungen des Unterlindenmuseums, wo er insbesondere Grünewalds Isenheimer Altar und die Malerei Schongauers studierte.

Das Unterlindenmuseum besitzt eine in Frankreich einzigartig reichhaltige Sammlung deutscher Kunst des Mittelalters und der Renaissance. Sie ist darauf zurückzuführen, dass das im Elsass gelegene Colmar lange Zeit zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Seit der Wiedereröffnung ist Martin Schongauer und den Künstlern seines Umkreises ein eigener Saal eingerichtet. Seine Druckgrafiken mit religiösen Motiven dienten Künstlern in ganz Europa als Anregung. Einen Eindruck davon vermittelt das um 1485 am Oberrhein hergestellte Reliquiar des heiligen Hippolyt. Die mit schwarzer Tinte auf den Goldgrund des Kästchens gezeichneten Figuren sind von Schongauers Kupferstichen der zwölf Apostel inspiriert. Zu den wenigen erhaltenen Gemälden Schongauers gehören die sich durch allergrößte Anmut der Figurendarstellung auszeichnenden Flügel eines Altaraufsatzes, die die Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria, die Geburt Christi und den heiligen Antonius darstellen. Zu Füßen des Antonius kniet betend Jean d'Orlier, der Stifter der Gemälde. Sie gehörten zu einem nicht erhaltenen Marienaltar der Kirche der Antoniterpräzeptorei von Isenheim. Der Stifter war von 1463 bis 1490 Vorsteher dieses Klosters. Es hatte sich der Pflege von Kranken verschrieben, die vom „Antoniusfeuer“ befallen waren. Verursacht wurde diese mit furchtbaren Schmerzen verbundene Erkrankung durch einen Roggenpilz: das „Mutterkorn“.

Jean d'Orliers Nachfolger als Vorsteher des 20 Kilometer von Colmar entfernt gelegenen Klosters war Guy Guers. Er beauftragte den „Grünewald“ genannten Maler Mathis Gothart Nithart und den Bildschnitzer Niklaus von Hagenau mit der Herstellung eines Altars, der der Passion Christi und dem heiligen Antonius gewidmet ist, von dem man sich Schutz vor und Genesung vom „Antoniusfeuer“ versprach.

Gott schickte Engel aus, um das Böse zu bekämpfen

Bis zur Französischen Revolution stand der „Isenheimer Altar“ (um 1512–1516) in der dortigen Klosterkirche. Um seiner Zerstörung vorzubeugen, wurde das mit drei Schauseiten ausgestattete Meisterwerk 1792 zerlegt und nach Colmar geschafft. Dort hat es der im Chor der ehemaligen Klosterkirche der Dominikanerinnen aufgestellte Isenheimer Altar zum berühmtesten Werk des Unterlindenmuseums gebracht. Und zwar wegen der ungeheuren Ausdrucksmacht der Lichtregie und Figuren, die ihre Gefühle durch sprechende Mimik und Gestik offenbaren. Ein Schreckensbild ungeheuerlichen Leidens bietet Grünewalds Gemälde des Gekreuzigten dar. Vor pechschwarzem Himmel tritt sein leichengrüner Leib in Erscheinung, der mit Wunden und aus dem Fleisch ragenden Dornen übersät ist. Wie triumphal ist dagegen Jesu nächtliche Auferstehung inszeniert: Er schwebt über dem Grab, präsentiert die Nagelwunden an Händen wie Füßen – und ist in Begriff, sich zur reinen Lichterscheinung zu entkörperlichen. Packend ist seine „Versuchung“ dargestellt: Vom Teufel geschickte, bizarr aussehende Ungeheuer greifen den bereits zu Boden gegangenen Heiligen an. Doch Gott schickt Engel aus, um das Böse zu bekämpfen. Die weitaus eindrucksvollste Darstellung des heiligen Antonius hat jedoch Niklaus von Hagenau beigesteuert. Die farbig gefasste, lebensgroße Holzskulptur präsentiert ihn als Respekt einflößenden Greis, der würdevoll über den Besuchern des Unterlindenmuseums thront.

Unterlindenmuseum, Place Unterlinden, Colmar, Frankreich. Mo.–-So. 10–18 Uhr. Do. 10–20 Uhr. Di. geschlossen. Informationen: www.musee-unterlinden.com

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