Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

"The Holdovers": Liebe, Vorurteile und Freundschaft

Der in den 70er-Jahren spielende Oscar-Favorit von Alexander Payne ist bereits jetzt einer der schönsten Filme des Jahres.
Film „The Holdovers“ von Alexander Payne
Foto: IMAGO/Miramax (www.imago-images.de) | Die Botschaft von „The Holdovers“ ist positiv und ermutigend: Die Geschichte lehrt uns, dass Liebe und Verlust untrennbar miteinander verbunden sind, aber auch überwunden werden können.

„The Holdovers”, von Regisseur Alexander Payne inszeniert, ist ein Film, der den Charme der großen Filmklassiker der 1970er-Jahre verkörpert. Die Handlung dreht sich um Paul Hunham (Paul Giamatti), einen unbeliebten Lehrer an einer Privatschule, dem während der Weihnachtsferien die Aufgabe zufällt, sich um Schüler zu kümmern, die nicht nach Hause fahren können. Einer dieser Schüler ist Angus (Dominic Sessa), ein intelligenter und aufmüpfiger junger Mann mit geschiedenen Eltern und einem verstorbenen Vater.

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Anfangs herrscht zwischen Angus und Paul eine gespannte Beziehung: Angus ist unzufrieden mit seiner Situation und Paul fühlt sich überfordert von dem undisziplinierten Schüler. Doch im Laufe der Ferien lernen sie sich besser kennen und verstehen. Gemeinsam erleben sie lustige Missgeschicke sowie bewegende Momente, die ihre Verbindung vertiefen. Angus und Paul sind zwei Charaktere, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken. Angus sehnt sich nach Liebe und Anerkennung; er ist intelligent, kreativ, rebellisch, jedoch auch undiszipliniert. Im Gegensatz dazu wirkt Paul als älterer Lehrer verloren in seiner Rolle; arrogant, selbstgerecht, aber zugleich einsam sowie und eingestandenermaßen bedürftig. Im Verlauf der Weihnachtsferien machen sowohl Angus als auch Paul transformative Erfahrungen – denn sie lernen einander zu akzeptieren und schätzen: Angesichts eigener Probleme erkennt Angus hinter Pauls arroganter Fassade einen Menschen in Notlage; gleichzeitig erkennt wiederum auch Paul das wahre Potenzial des scheinbar undisziplinierten Schülers – einen jungen Mann mit großem Herzen.

Jeder erleidet Verluste

Die Weihnachtsferien werden zu einer Zeit des Wandels für Angus und Paul: Während Angus an Reife gewinnt und sich mit seiner Situation auseinandersetzt, wird Paul bescheidener und toleranter. Beide lernen einander wirklich zu sehen und zu verstehen.

Liebe und Verlust sind zentrale Themen in vielen Geschichten – und auch in „The Holdovers“ spielen sie eine wichtige Rolle. Die Hauptfiguren Angus und Paul tragen beide schwer an den Lasten ihrer Vergangenheit, die von schmerzhaften Erfahrungen mit Liebe und Verlust geprägt ist. Angus hat seinen Vater verloren und fühlt sich zusätzlich nicht von seiner Mutter geliebt. Diese emotionalen Wunden begleiten ihn ständig. Auf der anderen Seite hat Paul seine Frau verloren und leidet seitdem unter Einsamkeit und Verbitterung. Beide Charaktere tragen die Narben vergangener Beziehungen und Verluste, die ihr gegenwärtiges Leben beeinflussen.

Video

Die Begegnung zwischen Angus und Paul im Laufe der Handlung von „The Holdovers“ markiert einen Wendepunkt in ihren persönlichen Geschichten. Gemeinsam durchlaufen sie den Prozess der Trauerbewältigung und lernen, Liebe auf neue Weise zu definieren. Der Regisseur zeigt einfühlsam, wie diese beiden gebrochenen Seelen einander Halt geben können und gemeinsam Wege finden, ihre traumatischen Erlebnisse zu überwinden.
„The Holdovers“ verdeutlicht, dass Liebe nicht nur in romantischen Beziehungen existiert, sondern auch innerhalb von Freundschaften oder zwischen Familienmitgliedern vorhanden sein kann. Angus und Paul erkennen dabei, dass sie nicht alleine sind – dies ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Heilung.  Durch den Austausch ihrer Geschichten erfahren sie außerdem, dass Verlust ein universelles menschliches Erlebnis ist und jeder auf seine Weise damit umgeht.

Die Botschaft von „The Holdovers“ ist positiv und ermutigend: Die Geschichte lehrt uns, dass Liebe und Verlust untrennbar miteinander verbunden sind, aber auch überwunden werden können. Die Charaktere zeigen, dass es möglich ist, Heilung durch gemeinsame Erfahrungen und unterstützende Beziehungen zu finden. Insgesamt betont „The Holdovers“ die transformative Kraft der Liebe und Trauerbewältigung. Angus und Paul machen einen emotionalen Wandel durch, der nicht nur ihre individuellen Schmerzen lindert, sondern auch ihre Bindung zueinander stärkt. Diese Geschichte erinnert uns daran, dass selbst in den schwierigsten Momenten des Lebens die Liebe ein Licht der Hoffnung sein kann.

Verständnis und Akzeptanz für den Anderen

„The Holdovers“ inspiriert dazu, über Akzeptanz und Verständnis nachzudenken. Er öffnet eine Tür zu einer Welt, in der Unterschiede geschätzt werden und Respekt die Basis für zwischenmenschliche Beziehungen bildet. In diesem emotionalen Werk erlebt man beispielsweise in einer Szene einen Händedruck von solch tiefer Intensiät, wie er in der Filmgeschichte so wohl noch nie zuvor zu sehen gewesen ist und der mehr Emotionen ausdrückt als jede Umarmung.

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Die Botschaften von Akzeptanz und Verständnis setzen sich fort und regen den Zuschauer an, seine eigene Sichtweise auf die Welt zu reflektieren beziehungsweise zu hinterfragen. „The Holdovers“ zeigt, dass wahre Liebe nur dann gedeihen kann, wenn Menschen einander mit ihren Unterschieden akzeptieren. Der Satz „Akzeptanz ist der Beginn der Liebe“ erinnert daran, dass wahre Liebe erst dann entstehen kann, wenn wir bereit sind, die Unterschiede des anderen anzunehmen.

Der Film ermutigt zudem dazu, eigene Vorurteile zu hinterfragen und offen dafür zu sein, andere Perspektiven anzunehmen. Er schafft Raum für persönliches Wachstum und motiviert dazu, neue Erfahrungen einzugehen sowie verschiedene Blickwinkel zuzulassen. Praktische Schritte wie das bewusste Verständnis für die (Lebens-)Geschichten anderer Menschen oder der Respekt gegenüber dem Unbekannten werden als einfache, aber wirkungsvolle Möglichkeiten vorgestellt, um positiven Einfluss auf die eigene Umgebung auszuüben.

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Johannes May

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