Dem Leben bei der Arbeit zuschauen

Wie sich eine Patchworkfamilie nach intakter Familie sehnt: „Boyhood“, Teil 12 der Familienserie Von José García

Im Jahre 2002 begann Richard Linklater mit den Dreharbeiten für einen Film über die Kindheit eines Jungen. In der Art einer Langzeitdokumentation, jedoch nach einem fiktionalen Drehbuch, sollten sich die Darsteller und die Filmemacher für jeweils drei oder vier Drehtage etwa einmal im Jahr treffen. Linklater begleitete Mason (Ellar Coltrane) und seine „Patchworkfamilie“ von 2002 bis 2013.

Am Anfang von „Boyhood“ lebt der sechsjährige Mason mit seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) und seiner um zwei Jahre älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater) zusammen. Der von der Familie getrennt lebende Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) führt ein verspätetes Hippie-Leben in Alaska. Die Handlung beginnt mit einer einschneidenden Veränderung: Die Mutter hat sich entschieden, mit ihren Kindern nach Houston zu ziehen. Genau zu diesem Zeitpunkt kehrt allerdings ihr lange abwesender Vater in ihr Leben zurück.

In den kommenden zwölf Jahren wird Mason in wechselnden Familienkonstellationen leben, nachdem seine Mutter einen alleinerziehenden Vater mit zwei Kindern im Alter von Mason und Samantha heiratet. Jahrelang leben die vier Kinder wie Geschwister zusammen. Als sich Mutter Olivia auch von ihrem, dem Alkohol zusprechenden zweiten Mann trennt, müssen sich Samantha und Mason von ihren „Geschwistern“ auf Nimmerwiedersehen verabschieden. Die Höhen und Tiefen einer Kindheit in einer Patchworkfamilie zeugen von der Sehnsucht nach der intakten Familie.

Ein einfacher Film voller Wahrhaftigkeit

Beständig in Masons Leben bleibt über die unbeständigen Familienkonstellationen hinweg die Fürsorge seiner Mutter, die sich immer wieder im Alltag bewährt, sowie die Liebe des Vaters, wenn auch aus einer gewissen Entfernung. Richard Linklater verzichtet dabei auf „tiefgründige“ Dialoge. Ähnlich Mason entdeckt der Zuschauer in „Boyhood“ das Außergewöhnliche im Alltag neu.

In Linklaters Film ist alles einfach, alltäglich, gewöhnlich im besten Sinn. Linklater gelingt es jedoch, aus diesen alltäglichen Szenen und Dialogen etwas Wesentliches herauszudestillieren. „Boyhood“ versprüht deshalb eine selten im Kino gesehene Wahrhaftigkeit.

„Boyhood“ ist auch ein Film über die Zeit, über das Verrinnen der Zeit und darüber, wie ein Spielfilm diese Zeit und das Hingleiten der Zeit einfängt, ja „versiegelt“ – um den bekannten Ausdruck von Andrej Tarkowskij zu gebrauchen. Im Gegensatz zu Filmen, die einen solchen Zeitbogen mit Hilfe mehrerer Darsteller spannen, sind es in „Bodyhood“ dieselben Schauspieler Ellar Coltrane und Lorelei Linklater, die sich parallel zu ihren Figuren Mason und Samantha entwickeln. Dies gilt ebenso für die Erwachsenen: Auch Patricia Arquette und Ethan Hawke haben sich im Laufe dieser Jahre äußerlich verändert, was ihren Figuren zugutekommt.

Obwohl in „Boyhood“ nichts Spektakuläres geschieht, oder vielleicht gerade deshalb, verfolgt der Zuschauer während der zweidreiviertel Stunden gebannt die Entwicklung eines Mittelschichtsjungen aus den ländlichen Vereinigten Staaten, der langsam erwachsen wird. In „Boyhood“ wandelt Richard Linklater Jean Cocteaus geläufige Definition des Kinos – „dem Tod bei der Arbeit zusehen“ – ab: Sein Film schaut dem Leben bei der Arbeit zu. Auf der Berlinale 2014 wurde „Boyhood“ mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie sowie mit weiteren Preisen ausgezeichnet.

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