Zwischen Pilatus und Relotius: Was ist Wahrheit?

Gibt es eine objektive Wahrheit? Wenn nicht, was bleibt dann übrig? Wenn ja, können wir sie erkennen? Und wenn, wodurch? – Ein kleiner Ritt durch die Wahrheitsvorstellungen von Platon, Thomas von Aquin, Kant und anderen. Von Josef Bordat
Stained Glass in Worms - Jesus brought before Pontius Pilate
Foto: (166321187) | Stained Glass in Wormser Dom in Worms, Germany, depicting Jesus and Pontius Pilate on Good Friday

Was ist Wahrheit? Fragte Pilatus. Auch Claas Relotius mag sich diese Frage ab und an gestellt haben. Philosophen stellen sie, seit es Philosophie gibt, also seit fast drei Jahrtausenden. Was dabei so alles gedacht wurde, lässt sich nicht auf eine Zeitungsseite schreiben, aber vielleicht lassen sich Grundzüge der Debatte nachvollziehen.

Wahrheit – gibt es sie? Und: Wenn ja, wie viele?

Hinsichtlich der Existenz und Erkennbarkeit des Wahren gibt es unterschiedliche Auffassungen. Es gibt etwa die Position, dass es eine objektive Wahrheit nicht gebe. Im Umgang und in der Beurteilung dieser Nichtexistenz gehen die philosophischen Wege nun weit auseinander. Der Perspektivismus feiert den Umstand als Sieg des Einzelnen, als Triumph der Autonomie. Endlich richtig frei! Der Eliminativismus feiert noch doller, weil sich nur so Klarheit ins Denken bringen lässt – indem man nämlich die absurde Suche nach „der“ Wahrheit von vorne herein aus dem Diskurs ausschließt. Das spart eine Menge Zeit und Energie. Der Konstruktivismus feiert am dollsten, denn er rechtfertigt sich ja gerade daraus, dass es etwas wie die Wahrheit erst einmal von Grund auf aufzubauen gilt, dass sie also nicht schon „da“ ist. Bau auf, bau auf! Und stimme einzelne Bauabschnitte gelegentlich mit anderen Architekten der Wahrheit ab. Das kostet Zeit, ist aber – aus Sicht des Konstruktivisten – der einzig vernünftige Weg. Er führt von der Objektivität zur Intersubjektivität des Wissens um die Wahrheit. Immerhin. Der Quietismus letztlich stimmt der Nichtexistenz gelassen zu, weil er ohnehin meint, ein Streit um die Wahrheit lohne sich nicht.

Und dann gibt es die Position, dass es eine objektive Wahrheit gebe. Die bewusstseinsunabhängige, nicht erst vom Menschen zu schaffende Existenz des Wahren lässt sich unter dem Begriff des metaphysischen Realismus zusammenfassen. Jetzt ist die Frage: Können wir sie auch erkennen – die ganze, reine Wahrheit? Oder ist sie am Ende nur ein Ideal, dem wir Menschen hinterherhecheln, es aber nie erreichen können (Kants Subjektivismus) – oder nur in seltenen Ausnahmefällen (Platons Ideenschau einer Philosophen-Elite)? Oder ist sie für uns erkennbar – wie die katholische Philosophie im Zuge der aristotelisch-thomistischen Denkschule unterstellt, ja, unterstellen muss, weil und soweit die Wahrheit im Christentum mit Gott identifiziert wird?

Also: Was ist Wahrheit? Kommen wir an die Dinge selbst heran – oder bleibt es bei einer mehr oder minder oberflächlichen Schau Einzelner, die sich dann irgendwie einigen müssen? Und wie geht das überhaupt – Erkenntnis der Wahrheit?

Der neue Nominalismus der Sprachphilosophie und ihres linguistic turn verwirft den Realismus einer naiven Weltsicht, die meint, die Dinge wirklich erkennen zu können, also zu bestimmen, wie die Dinge wirklich sind. Semiotische Phänomenologie tritt an die Stelle der ontologischen Wesensschau, Stückwerk statt Ganzheitlichkeit. Für die Erkenntnis braucht es den Begriff. Damit gibt es in der Welt nur soviel Wahrheit, wie es wahre Aussagen über die Welt gibt. Außerhalb des Textes gibt es keine Möglichkeit einer Annäherung an die Dinge. Das ist nicht nur ein postmodernes philosophisches Postulat, um die Geisteswissenschaft und ihre unermüdliche Produktion an Texten aufzuwerten, sondern beschreibt die Erfahrung der modernen Naturwissenschaft ebenso treffend. Der Physiker Niels Bohr hat es so zusammengefasst: „Es ist falsch zu glauben, dass die Aufgabe der Physik darin liegt herauszufinden, wie die Natur wirklich ist. Die Physik bezieht sich nur darauf, was wir über die Natur sagen können.“

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit

Also: Die Dinge sind nichts, die Rede über die Dinge ist alles. Jetzt wäre freilich noch zu klären, wie dann eine Wahrheit der Dinge entsteht. Einige Denker (etwa Leibniz) meinen, Wahrheit bestünde in der Kongruenz von Dingen und Worten, oder – etwas allgemeiner – in der Übereinstimmung von Dingen und Geist, von res und intellectus. Diese Korrespondenztheorie, die auf Aristoteles zurückgeht und über Thomas von Aquin im westlichen Denken prägend wurde, ist gewissermaßen die „Mutter aller Wahrheitstheorien“. Das Problem an ihr ist nur: Entweder sie sagt gar nichts aus (dann nämlich, wenn „übereinstimmend“ bloß ein Synonym für „wahr“ wäre – so entstünde ein Zirkelbezug und man gewönne keine echte Erklärung für den Grund der Wahrheits- beziehungsweise Übereinstimmungsannahme oder aber sie sagt alles aus und Wahrheit erschöpft sich darin, dass die Korrespondenz wirklich existiert. Doch um das zu wissen, müssten wir unsere Zuschreibungen selbst beurteilen können, von außen. Manchmal machen wir das ja auch, wenn wir uns etwa selber fragen: „Stimmt das wirklich, was Du da gerade gesagt hast?“ Doch auch diese Frage wird dann wieder von uns selbst beantwortet. Ergo: Der unterstellte Objektivismus hinter der Korrespondenzbehauptung erfordert eine objektive Überprüfung der subjektiven (oder dann auch intersubjektiven) Übereinstimmungsthese, wenn er wirklich Grundlage einer Wahrheitstheorie sein soll.

Wie geht das? Bei Thomas ist es der Gedanke einer Teilhabe des Menschen an der göttlichen Vernunft, die ihn, den Menschen, allzu abwegige Sichtweisen erkennen lässt. Gott selbst garantiert, dass aus der anthropologischen Grundbedingung der Individuiertheit der Weltsicht (man hat halt nur seine Augen...) nicht die Ideologieform des Perspektivismus (...und das ist auch gut so!) entsteht, die jede neue Verwirrung als Befreiung von Dogmen feiert (Nietzsche!) und die sich dann erkenntnistheoretisch im Subjektivismus entfaltet, der in Fragen der Moral schnell zum ethischen Relativismus wird, sondern dass wir in gewissem Sinne zu einer geteilten Erkenntnis geführt werden. Gott setzt unserem Eigendenken Stoppschilder. So funktioniert dann auch die Korrespondenztheorie: im Vertrauen auf Gott, im Vertrauen darauf, dass Gott uns nicht komplett in die Irre gehen lässt. Die große Verwunderung, die sich einstellt, wenn wir Unterschiede feststellen zwischen Welt und Wort (eigentlich: zwischen unserer Sicht der Dinge und der Sicht Anderer auf die Dinge), zeugt ein wenig von diesem Bewusstsein einer Einbettung der Korrespondenzerfahrung in die Gott-Mensch-Beziehung. Zugleich verführt dieser Gedanke dazu, hinter das eigene Denken vorschnell die göttlichen Prüfhäkchen zu setzen – und die Haltung des Anderen zu verteufeln. Das gilt besonders auf zwei Gebieten, auf denen der Wahrheitsbegriff vollständig diskreditiert zu sein scheint: Moral und Religion.

Wenn es keine epistemische Wahrheit gibt, dann gibt es auch keine ethische. Keine „wahren Werte“, keine „wahren Haltungen“, keine „wahren Prinzipien“. Dann müsste ein moralischer Grundsatz der Art „Es ist nicht gut, einen Unschuldigen zu bestrafen!“ immer wieder neu diskutiert und beschlossen werden. Am Ende steht der ethische Relativismus mit seinen gleichgültigen Aussagen, eine „So sehe ich das!“-Beliebigkeit in Fragen von Sitte und Moral, die heute kulturell indiziert wird. Zudem trägt jene Norm ein Verfallsdatum, jede moralische Einsicht wird mit einem „Bis auf weiteres!“ belastet. So wichtig ein kontextsensitives Urteil über menschliches Verhalten ist, weil es von Zeitepoche, Kulturkreis und die näheren Umstände mitbestimmt ist, so entscheidend ist die unbedingte Gültigkeit bestimmter moralischer Normen – weil sie wahr sind. Es ist eben immer und überall und unter allen Umständen falsch, einen Unschuldigen zu bestrafen. Eine Kultur, die es sich zur Regel gemacht hat, unschuldige Menschen willkürlich zu foltern und zu töten, gehört moralisch geächtet (und politisch wie rechtlich bekämpft – aber das ist eine andere Dimension). Die Aufgabe der Einsicht in die jedem vernünftigen Wesen unmittelbar einleuchtende Wahrheit der Forderung, keinen Unschuldigen zu bestrafen, wäre fatal. Vor allem aber widersinnig – und damit falsch.

Auch für den religiösen Glauben ist Wahrheit konstitutiv: Wer würde schon glauben, wenn er nicht überzeugt wäre, der Inhalt des Geglaubten sei wahr. Darin erschöpft sich der Glaube zwar nicht (zumindest nicht im Christentum), aber dennoch fällt es schwer, an etwas zu glauben, das nachweislich falsch ist. Im Christentum tritt die Personifizierung der Wahrheit in Jesus Christus hinzu: Er ist die Wahrheit selbst. Gott ist Wahrheit. Christen sind ihrem religiösen Glauben nach fest davon überzeugt, dass es eine objektive Wahrheit gibt, weil sie diese mit Gott in Verbindung bringen, und dass diese Wahrheit erkannt werden kann, vermittelt durch die biblische Offenbarung und die kirchliche Tradition. Dafür braucht man keine besonderen Fähigkeit (keine Exklusivität, wie Platons Philosophen sie für sich in Anspruch nehmen), sondern nur den Vertrauensvorschuss einer für Gott und die Wahrheit offenen Seele. Am Ende steht in diesem christlichen Konzept der Wahrheit: Wahrheiten sind real wie Steine oder Bäume. Dieser Realismus setzt Vertrauen voraus, Vertrauen auf Gott. Und – geradezu zwingend: Wer diese Wahrheit sucht, sucht Gott (Edith Stein).

Wie lässt sich nun eine solche objektive Wahrheit vermitteln, unter den Bedingungen des Subjektivismus, unter denen wir seit rund 200 Jahren leben und denken? Das ist die große Aufgabe, die sich der Kirche stellt – und man merkt am Rückgang des Zuspruchs für die Kirche, wie schwer sie zu bewältigen ist. Es geht nicht durch das Pochen auf Gehorsam, auch nicht durch die Imitation gesellschaftlicher Beliebigkeit durch immer neue „Zugeständnisse“. Es geht nur im mühsamen Werben um die subjektive Zustimmung des freien Individuums zur objektiven Wahrheit der Kirche. Und nur mit Toleranz denen gegenüber, die diese Zustimmung verweigern.

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