Zwei ganz verschiedene Selbstporträts

Auf ihren Internetseiten geben sich Angela Merkel emotional, Peer Steinbrück mehr kämpferisch. Von Alexander Riebel
Foto: CDU | Allein im Strandkorb: Eindrücke von der Internetseite der Kanzlerin Angela Merkel.
Foto: CDU | Allein im Strandkorb: Eindrücke von der Internetseite der Kanzlerin Angela Merkel.

Die Politik von Angela Merkel ist nicht von ihrem persönlichen Stil zu trennen. Das ist auch auf ihrer neuen Internetseite www.angela-merkel.de spürbar. Zwar ist die Seite durch die Rubriken „Persönlich“ und „Politik“ unterteilt, auf denen sich Texte und Bilder scrollen lassen, aber auch Merkels politische Seite gibt sich durch die Bildauswahl ganz persönlich gefärbt. Die Kanzlerin setzt auf Emotionen, Peer Steinbrück dagegen zeigt sich kämpferisch.

Bei ihrem ersten Eintrag unter „Persönlich“, klein Angela mit Puppenwagen gibt es als Bild dazu, heißt es: „Die christlichen Werte und die Weltoffenheit in unserer Familie sind für mich bis heute sehr prägend“. Zum Christlichen gehört für Merkel, dass jeder Einzelne zählt und auch Verantwortung für das Ganze trägt. Doch wird das Christliche nicht weiter vertieft, sie spricht über Fußball, die tägliche Arbeit, das Essen: „Ich koche sehr gern, am liebsten Rouladen und Kartoffelsuppe. Mein Mann beschwert sich selten. Nur auf dem Kuchen sind ihm immer zu wenig Streusel. Er ist halt Konditorensohn.“ Freiheit ist für Merkel der Kern der Politik; sie spricht aus Erfahrung. Freiheit heißt für sie auch, die eigenen Träume verwirklichen können und den eigenen Weg zu gehen.

Ganz anders wirkt Peer Steinbrücks Internetseite peer-steinbrueck.de. Da stört auf den ersten Blick der rote Startbutton auf der Nase Steinbrücks in einem Wahlkampfvideo. Steinbrück bekommt dadurch etwas clowneskes. Konzentriert sich die Internetseite Merkels ganz auf ihre Person, geht es bei Steinbrück um das „Wir“. „Das Wir entscheidet“ ist der Wahlspruch der SPD. Steinbrücks Seite ist interaktiv, es kann getwittert werden. Sonst ist die Seite eher klassisch aufgemacht, viele Fenster lassen sich öffnen. Da wirkt Merkels Scroll-Down-Navigation nach amerikanischem Vorbild moderner und angenehmer zu lesen.

Steinbrück versucht auch zu witzeln: „Mehr P.S.“ empfiehlt er für die Politik. Das politische Deutungsmuster ist immer ganz einfach. Ist die Regierungskoalition angesprochen, ist von „Stillstand“ die Rede, die eigene Politik erhält das Prädikat „Bewegung“. Dafür seien mehr P.S. nötig. Aber immer gemeinsam. Dafür macht Steinbrück sogar die Bibel-Stelle aus dem 5. Buch Mose stark, dass man aus Brunnen trinke, die man nicht selbst gebaut habe und von Ölbäumen ernte, die man nicht selbst gepflanzt habe. Die Kultur ist gemeinschaftlich entstanden; diese Erkenntnis macht sich nun die SPD mit Steinbrück zu eigen. In der Rubrik „Mein Leben“ ist ein kurzer Redeausschnitt zu hören, in dem Steinbrück seinen Wiedereintritt in die evangelische Kirche begründet; mit 18 Jahren war er ausgetreten. Er finde in der Kirche Kraft und Rückhalt für seine Arbeit. Kirche sei aber auch der Raum, in dem eine Lebensanleitung aus Höherem gegeben werde und die Gesellschaft neu begründen könne. Bei Merkel vermisst man ihre Haltung zur Kirche in dieser Ausführlichkeit.

Sein Lebenslauf ist eher tabellarisch angelegt mit Kurzvideos. Nicht aus der Ich-Perspektive erzählt, wie von Merkel, sondern in der 3. Person, als hätte es ein Fremder geschrieben. Steinbrück gibt gern den Harten in seinen Formulierungen („Null Toleranz für Steuerhinterzieher“). Merkel sagt lieber, dass Viele Verantwortung „auch für die, denen es nicht so gut geht“, übernehmen.

Der Vergleich der Internetseiten zeigt ein deutliches Mann-Frau-Schema. Steinbrück kann sich kaum hinter Kochtöpfen ablichten lassen oder allein im Strandkorb am Meer sitzen. Die eiserne Lady, die Alleingänge gewohnt ist, kann das. Auch würde es Steinbrück nicht gut stehen, sich beim Mensch-ärgere-dich-nicht fotografieren zu lassen; er spielt ja auch lieber Schach. Merkels Seite ist statisch und endgültig. Ihre Pläne und Träume scheinen nicht einem lebendigen Meinungsprozess entwachsen zu sein. Oder für sie ist einfach schon alles klar. Ihr jüngster Vorstoß aber in der Familienpolitik mit ihrem Vorhaben eines „Bündnisses für Kinder“ nach der Wahl wirkt, als müsse sie noch den Plan ihrer Internetseite verwirklichen: „Kinder sind die Zukunft unseres Landes. Deshalb tun wir so viel für Familien. Unsere Aufgabe ist es, die ganz unterschiedlichen Lebensentwürfe und Wünsche der Familien zu unterstützen.“ Familie ist auch für Steinbrück jede Lebensform, in der Verantwortung übernommen wird, auch „Patchwork- oder Regenbogenfamilien“. Aber er erklärt sich deutlicher dafür, dass die moderne Unternehmerin, die Sicherheit haben muss, Kinder in Kitas gut behütet aufwachsen zu sehen. Ganztätig, in staatlichen Einrichtungen.

Steinbrücks Seite enthält mehr Informationen und ist durch Twitter aktueller. Auch können Videos erneuert werden, oder Rubriken. Merkels Seite liest sich gefälliger, souveräner. Steinbrücks hingegen hemdsärmeliger, immer im Werden begriffen und macht es dem Leser schwerer.

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