Zusammenleben unmöglich

Familie ist den meisten Tatort-Ermittlern ein Fremdwort. Die wenigsten scheinen eine halbwegs normale Ehe zu führen. Von Jose García
Tatort: Amour fou
Foto: dpa | Im aktuellen „Tatort“ ermitteln Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) im Umfeld der „echten“ Berlinale. Erstmals durfte für einen Film bei der Berlinale gedreht werden.

Der „Tatort“ ist nicht nur die beliebteste Krimiserie im deutschen Fernsehen. Zusammen mit den größten Sportereignissen erzielt sie außerdem Jahr für Jahr die höchsten TV-Quoten überhaupt. Den „Tatort“ gibt es zwar seit November 1970. Jahrzehnte lang galt er jedoch als „Opas Fernsehen“. Vor einigen Jahren gelang es der Krimireihe allerdings nicht nur, aus dieser verstaubten Ecke herauszukommen. Darüber hinaus schaffte sie sogar eine Umkehrung der „Atomisierung“ des Fernsehmarktes, die durch die Einführung des Privatfernsehens im Jahre 1984 eintrat. Sonntags um 20:15 Uhr versammeln sich bis zu 13 Millionen Menschen in Deutschland vor dem Fernseher. Denn dann ist „Tatort“-Zeit.

Ein wesentlicher Grund für die Beliebtheit der Krimireihe liegt darin, dass deren Filmsprache immer weiterentwickelt wird, wie der am vergangenen Sonntag ausgestrahlte Berliner „Tatort: Meta“ erneut unter Beweis stellte. Darin entdeckten die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in einem Lagerhaus die offenbar seit Jahren dort liegende Leiche einer Minderjährigen. Mieter des Lagerraums ist eine Filmproduktionsfirma, die mit ihrem ersten Film „Meta“ auf der Berlinale Premiere feiert. Als sich Rubin und Karow „Meta“ anschauen, sind sie zutiefst verstört: Denn auf der Leinwand spielt sich genau das ab, was sie gerade erleben. Karow taucht immer mehr in den Film ein. Völlig identisch sind die Handlungen des Films und des „Films im Film“ zwar nicht. Aber bald stellt sich die Frage: Kopiert der Film das Leben oder das Leben den Film? Ein Gedanke, der dadurch visualisiert wird, dass einmal sogar Karow und der „Meta“-Kommissar ineinanderfließen.

In der neuen Folge lernt der Zuschauer weitere Details aus dem Privatleben der Kommissarin Nina Rubin kennen. Nachdem ihr Ehemann und ihr ältester Sohn bereits von Berlin weggezogen waren, lebt sie allein mit ihrem 16-jährigen Sohn Kaleb (Louie Betton). Aber auch er möchte lieber zu seinem Vater ziehen: „Warum hast Du überhaupt Kinder?“, fragt er sie. „Merkst Du nicht, dass es Sch.... ist, mit Dir zu leben?“ Bei aller Vulgarität in Kalebs Wortwahl: Er scheint Recht zu haben. Mit einem „Tatort“-Kommissar oder -kommissarin zusammenzuleben, ist so gut wie ein Ding der Unmöglichkeit. Familie ist den allermeisten „Tatort“-Ermittlern ein Fremdwort. Von den 47 Kommissarinnen und Kommissaren in den 22 „Tatort“-Teams sind – soweit bekannt – lediglich ganze vier verheiratet, die Berlinerin Nina Rubin eingeschlossen. Eine halbwegs „normale“ Ehe scheint allerdings nur der von Dietmar Bär gespielte Kölner Hauptkommissar Freddy Schenk zu führen, der in der Rollenbeschreibung als „Familienmensch“ bezeichnet wird.

Verheiratet ist zwar Martina Bönisch (Anna Schudt) aus dem Dortmunder „Tatort“. Bei der Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen, „funktioniert aber ihre Ehe mehr schlecht als recht“. Bezeichnenderweise hält sie sich nach Feierabend kaum zuhause auf. Auch die Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) im neuesten „Tatort“-Team, das in Freiburg und dem Schwarzwald ermittelt, ist verheiratet. Nach einem ersten Fall im Oktober 2017 lässt sich über den Zustand ihrer Ehe nichts Genaueres sagen. In einer „festen Beziehung“ lebte darüber hinaus auch eine der Kommissarinnen aus dem neuen Dresdner „Tatort“. Die Beziehung hielt aber nicht lange.

Abgesehen von den zwei verwitweten Ermittlern – dem in Dortmund ermittelnden Peter Faber (Jörg Hartmann) und der in Konstanz diensttuenden Klara Blum (Eva Mattes) – gehört die Bezeichnung „geschieden“ oder „ledig“ zum Rollenprofil der meisten „Tatort“-Kommissare. Ausdrücklich geschieden sind der von Oliver Mommsen gespielte Kommissar Stedefreund in Bremen, Frank Thiel (Axel Prahl) in Münster sowie der Hamburger Hauptkommissar Nick Tschiller (Til Schweiger). Dennoch versuchen eine Reihe der geschiedenen oder alleinerziehenden Fernsehkommissare, für ihre Kinder Verantwortung zu übernehmen, etwa der Kieler Borowski (Axel Milberg), der häufig mehrfach mit seiner erwachsenen Tochter telefoniert. Von der in Frankfurt ermittelnden Anna Janneke (Margarita Broich) ist bekannt, dass sie einen 1989 geborenen Sohn aus einer Affäre hat. Eine komplizierte Beziehung zur erwachsenen Tochter hat hingegen die in Bremen ermittelnde Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), vor allem deshalb, weil die eigene Tochter Helen zu ihrem Team gehört. Mit Homosexualität wird im „Tatort“ bislang eher experimentiert, so etwa mit einer homoerotisch aufgeladenen Szene mit Robert Karow in der zweiten Folge des Berliner „Tatorts“ (15.11.2015). Liz Ritschard (Delia Mayer), die Ermittlerin aus Luzern, hatte zwar in zwei Folgen (2013 und 2014) lesbische Beziehungen, aber seitdem gab es für sie weder hetero- noch homosexuelle Affären.

Auch wenn bei etlichen „Tatort“-Ermittlern der Familienstand unbekannt bleibt, gilt für viele von ihnen, was Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) behauptet: „Bulle und Familie zusammen geht nicht“. Ob dies in der Wirklichkeit zutrifft, sei dahingestellt. Für Fernseh-Kommissare trifft dies in den allermeisten Fällen zu. Die Bindungsunfähigkeit der Fernseh-Kommissare wird sogar häufig betont. Etliche sind „Singles“, die an einer Liebesbeziehung nicht interessiert sind, so auch die Dienstälteste „Tatort“-Kommissarin, die in Ludwigshafen ermittelnde Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Von ihr stammt auch der Seufzer: „Meine größte Angst ist, dass ich eines Tages allein zu Hause sterbe, und dass mich niemand findet, weil mich niemand vermisst“ („Blackout“, 26.10.2014). Eine Befürchtung, die von den meisten „Tatort“-Ermittlern geteilt werden könnte.

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