Yad Vashem überarbeitet Texttafel zu Pius XII.

Die Jerusalemer Holocaustgedenkstätte wirft dem Pacelli-Papst weiter Schweigen vor, stellt den historischen Kontext aber differenzierter dar. Von Oliver Maksan
Foto: IN | Die überarbeitete Texttafel zu Papst Pius XII. im Museum der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.
Foto: IN | Die überarbeitete Texttafel zu Papst Pius XII. im Museum der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

Zum 1. Juli hat das Museum der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem die Texttafel über Papst Pius XII. und den Holocaust überarbeitet. Nach wie vor wird dem Pacelli-Papst vorgeworfen, dass er die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten nicht öffentlich verurteilt habe. Doch anders als auf der zuvor ausgestellten Tafel werden auch Argumente zugunsten des Papstes vorgebracht.

Bislang hatte das Museum katholische Forderungen nach einer Revision des Textes stets mit der Begründung zurückgewiesen, dass daran erst nach einer vollständigen Öffnung der Vatikanischen Archive zu denken sei und nur dann, wenn die nachfolgende Forschung die Rolle des Heiligen Stuhls im Zweiten Weltkrieg neu bewerte. In einer Pressemitteilung vom Sonntag sagte die Museumsleitung jetzt, dass man die Tafel wegen einer Empfehlung des internationalen Forschungsinstituts der Gedenkstätte geändert habe, nicht aufgrund von Druck seitens des Vatikans. Das hatte die israelische Zeitung „Haaretz“ auf ihrer Titelseite vom Sonntag behauptet. Die Revision, so das Museum, trage der Forschung der vergangenen Jahre Rechnung und präsentiere ein komplexeres Bild als das zuvor gezeigte. Unter anderem die Öffnung der Archivbestände des Pontifikats Pius XI. bis 1939 und eine Fachtagung in Yad Vashem zum Thema 2009 hätten manche Fragen geklärt, während viele andere indes offen blieben. „Yad Vashem freut sich auf den Tag, wenn die Vatikanischen Archive für Forscher geöffnet werden, so dass ein besseres Verständnis möglich sein wird“, so die Pressemitteilung.

Die alte Tafel, die die Überschrift „Papst Pius XII. und der Holocaust“ trug, lautete folgendermaßen (eigene Übersetzung aus dem Englischen): „Die Reaktion Pius' XII. auf den Judenmord während des Holocaust ist ein Gegenstand der Kontroverse. 1933, als er Staatssekretär des Vatikan war, war er, um die Rechte der Kirche zu wahren, darum bemüht, ein Konkordat mit Deutschland abzuschließen – selbst um den Preis einer Anerkennung des rassistischen Nazi-Regimes. Als er 1939 zum Papst gewählt wurde, legte er ein Schreiben gegen Rassismus und Anti-Semitismus ad acta, das sein Vorgänger vorbereitet hatte. Selbst als Berichte über den Judenmord den Vatikan erreichten, protestierte der Papst weder mündlich noch schriftlich. Im Dezember 1942 weigerte er sich, eine Erklärung der Alliierten gegen die Judenvernichtung zu unterzeichnen. Der Papst intervenierte nicht, als Juden von Rom nach Auschwitz deportiert wurden. Der Papst erhielt seine Neutralität während des Krieges hindurch aufrecht, mit der Ausnahme von Appellen an die Machthaber Ungarns und der Slowakei an seinem Ende. Sein Schweigen und der Mangel an Richtlinien zwangen Kirchenmänner in ganz Europa dazu, selbst zu entscheiden, wie sie sich verhalten wollten.“ Die neue Tafel trägt hingegen die Überschrift „Der Vatikan und der Holocaust“. Sie lautet (ebenfalls eigene Übersetzung aus dem Englischen): „Der Vatikan, unter Pius XI., Achille Ratti, und repräsentiert durch Staatssekretär Eugenio Pacelli, unterzeichnete im Juli 1933 ein Konkordat mit Nazi-Deutschland, um die Rechte der katholischen Kirche in Deutschland zu wahren. Die Reaktion Pius XII., Eugenio Pacellis, auf den Judenmord während des Holocaust ist ein Gegenstand der Kontroverse unter den Wissenschaftlern. Von Beginn des 2. Weltkriegs an wahrte der Vatikan seine Neutralität. Der Pontifex weigerte sich, eine Erklärung der Alliierten vom 17. Dezember 1942 zu unterzeichnen, die die Vernichtung der Juden verurteilte. In seiner Radioansprache zu Weihnachten vom 24. Dezember 1942 bezog er sich ,auf Hunderttausende von Personen, die ohne eigene Schuld, manchmal nur wegen ihrer Nationalität oder ihres ethnischen Ursprungs (stirpe), für den Tod oder für ein langsames Siechtum bestimmt sind‘. Juden wurden nicht explizit genannt. Als Juden von Rom nach Auschwitz deportiert wurden, hat der Pontifex nicht öffentlich protestiert. Der Heilige Stuhl appellierte getrennt an die Machthaber der Slowakei und Ungarns zugunsten der Juden. Kritiker des Papstes behaupten, dass seine Entscheidung, keine Verurteilung des Judenmordes durch Nazi-Deutschland vorzunehmen, ein moralisches Versagen darstelle. Der Mangel an klarer Führung ließ für viele Raum für eine Kollaboration mit Nazi-Deutschland, beruhigt durch den Gedanken, dass dies nicht der Morallehre der Kirche widerspreche. Es überließ des weiteren einzelnen Klerikern und Laien die Initiative, Juden zu retten. Seine Verteidiger behaupten, dass seine Neutralität härtere Maßnahmen gegen den Vatikan und kirchliche Institutionen in ganz Europa verhindert habe. Das habe eine beträchtliche Zahl von geheimen Rettungsaktionen auf verschiedenen Ebenen der Kirche ermöglicht. Außerdem weisen sie auf Fälle hin, in denen der Pontifex seine Ermutigung für Aktionen ausgedrückt hatte, mit denen Juden gerettet wurden. Bis alles relevante Material für Wissenschaftler zugänglich ist, wird dieses Thema indes für weitere Forschung offen bleiben.“

Der Lateinische Patriarchalvikar für Jerusalem, Weihbischof William Shomali, bezeichnete die Revision des Textes dieser Zeitung gestern gegenüber derweil als ungenügend. „Meiner Meinung nach genügt die Neuformulierung der Texttafel über Pius XII. weiterhin nicht, um den katholischen Sinn für Würde zu beruhigen – auch wenn es ein positiver Schritt in die richtige Richtung ist. Jüdische Wissenschaftler behaupten, dass es im Vatikan Archivbestände gebe, die mehr Licht in die Angelegenheit bringen könnten. Wenn dem so ist, müssen wir auf die Veröffentlichung solcher Studien warten. Diese Texte könnten die Beziehung offenlegen, die zwischen Pius XII. und der Judenrettung durch katholische Gemeinschaften bestanden haben. Deshalb ist jedes negative Urteil vor dem Offenbarwerden der ganzen Wahrheit ein Vorurteil und eine Art von Erpressung.“ Der scheidende Apostolische Nuntius Franco hat die Revision unterdessen als „positive Entwicklung“ begrüßt. „Für den Heiligen Stuhl, für die Kirche, ist das ein Schritt nach vorn.“ Von der strikten Verurteilung sei man zu einer Evaluation auch der Positionen von Verteidigern des Papstes gelangt, so Franco.

Der israelische Historiker und Publizist Tom Segev hat in einem Beitrag für die Internetseite von „Haaretz“ (Sonntag) die Neuformulierung ebenfalls als Anerkennung verschiedener Meinungen bezeichnet. Pius' Fall rufe nach vertiefter Untersuchung. Politisch sei die Botschaft Israels und der Juden an den deutschen Papst Benedikt XVI. indes klar: „Verherrliche nicht Papst Pius XII., bevor der Vatikan nicht alle Dokumente sichtet und veröffentlicht, die seine Haltung während des Holocaust betreffen.“ Damit spielte er auf den laufenden Seligsprechungsprozess für Pius XII. an.

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