Wo Stadtgeschichte Heilsgeschichte ist

Die Franziskaner des Heiligen Landes eröffnen ein Museum an der Via Dolorosa. Von Oliver Maksan
Multimedia-Installation im Museumsprojekt der Franziskaner im Heiligen Land.
Foto: Museum | Multimedia-Installation im Museumsprojekt der Franziskaner im Heiligen Land.

Schon der Ort führt mitten hinein in die Stadtgeschichte Jerusalems, die hier auch christliche Heilsgeschichte ist. In einer historischen Halle des Geißelungs-Klosters der Franziskaner an der Via Dolorosa ist am Donnerstag mit einem Multi-Media-Besucherzentrum der erste Teil des auf drei Teile an zwei Standorten angelegten Museumsprojekts der Franziskaner im Heiligen Land eröffnet worden. Bis 2018 soll an derselben Stelle eine archäologische Abteilung folgen, die Fundstücke aus historischen christlichen Stätten zugänglich machen will. Eine historische Abteilung soll dann im Erlöserkloster der Franziskaner am anderen Ende der Jerusalemer Altstadt eröffnet werden. Dort soll vor allem die Geschichte der Minderbrüder im Heiligen Land beleuchtet werden. Immerhin hüten letztere seit dem Ende der Kreuzfahrerzeit im Auftrag des Papstes ununterbrochen die Heiligen Stätten für die lateinische Christenheit. Auch Objekte des bedeutenden Schatzes der Grabeskirche werden dann zu sehen sein. Die drei Abteilungen werden zusammen das erste Museum der Welt bilden, das den Ursprüngen der Christenheit und der Erhaltung der heiligen Stätten gewidmet ist – so die Franziskaner.

Den Auftakt des großen Projekts „Terra Sancta Museum“ macht derweil die Multimedia-Installation an der zweiten Station der Via Dolorosa. Hier können sich Besucher und Pilger aus aller Welt künftig während einer Viertelstunde in die Geschichte der Stadt einführen lassen. Die Videovorführung beginnt mit der Zeit König Herodes des Großen und seinem Ausbau der Heiligen Stadt. Er war es, der den neuen Tempel sowie die dem Tempelberg benachbarte Burg Antonia errichten ließ. Beide wurden bekanntlich von den Römern unter Titus 70 nach Christus zerstört. Die Tradition will es nun, dass Jesus in der Feste Antonia von Pontius Pilatus der Prozess gemacht wurde. Hier wurde Jesus gegeißelt, mit Dornen gekrönt und verspottet. Hier nahm er das Kreuz auf sich. Hier beginnt deshalb der Kreuzweg, der in der Grabeskirche auf Kalvaria endet.

Von Franziskanerarchäologen an dieser Stelle gefundene Exponate zeigen Überreste der Burg Antonia, die den Römern zur Überwachung des religiös oft gärenden jüdischen Tempels diente. Kapitelle und anderes Maßwerk des verschwundenen Baus tauchen in der Vorführungshalle aus dem Dunkel der Geschichte auf und erhellen so eine ferne, dem Christen aufgrund der Verbindung zum Prozess Jesu indes nahe Vergangenheit.

Immer wieder werden in der Vorführung die Irrungen und Wirrungen der Jerusalemer Stadtgeschichte anhand von Karten und archäologischen Objekten erklärt. Roms Kaiser Hadrian war es, der die zerstörte Stadt im zweiten Jahrhundert als römische wiederaufbauen ließ. Ein Teil des Straßenpflasters jener Zeit ist in der Austellungshalle zu sehen. Golgotha und das Grab Christi – zur Zeit Jesu außerhalb der Stadtmauern gelegen – kamen indes inmitten der neuen römischen Stadtanlage unter der Oberfläche zu liegen. Hadrian ließ einen Tempel über ihnen erbauen. Was als Auslöschung der Erinnerung gedacht war, kehrte sich ins Gegenteil. Kaiser Konstantin war es dann, der an dieser Stelle die Grabeskirche errichten ließ. Noch heute gibt es in dem Gotteshaus Überreste dieser gewaltigen Kirchenanlage aus dem frühen vierten Jahrhundert.

Der prächtige Bau des Konstantin litt aber schwer unter den Verwüstungen, die der Persersturm im Jahre 614 anrichtete. Die Perser entwendeten auch das Kreuz Christi, das Kaiser Konstantins Mutter Helena wiedergefunden hatte. Dem byzantinischen Kaiser Heraklios gelang es 630, die kostbarste Reliquie der Christenheit wieder feierlich an ihren angestammten Ort zurückzubringen. Doch mit der Eroberung Jerusalems durch den Islam im Jahre 638 war es mit der christlichen Herrschaft vorerst vorbei. Unter dem fanatischen Christenhasser Al Hakim wurde die Grabeskirche im 11. Jahrhundert dann zerstört und das Grab Christi mehr oder weniger dem Erdboden gleichgemacht. Die Kreuzfahrer errichteten an derselben Stelle dann das Gotteshaus, das noch heute dort steht.

Immer weiter führt der Film durch Jerusalems bewegte Geschichte. Sie endet in der Gegenwart des Zuschauers, der sich nach der Vorführung in einem Moment der Stille sammeln kann, ehe er wieder hinaus in die quirligen Altstadtgassen des heutigen Jerusalem tritt.

Die Multimedia-Installation im Geißelungskloster der Franziskaner ist täglich von 8 bis 17 Uhr, im Sommer bis 18 Uhr zu sehen. Die Halle bietet Platz für fünfzig Personen. Voranmeldungen für Gruppen unter info@proterrasancta.org. Derzeit gibt es noch keine Vorführung in deutscher Sprache.

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