Weihnachtsforum

"Wo Liebe sich freut"

Wer aufhört, die Wurzeln seines Seins zu feiern, ist reif für den Untergang.
Künstlerfest in Skagen
Foto: Wikicommons | Künstlerfest in Skagen, Peder Severin Kroyer (1851-1909).

Das Leben ist kein Ponyhof, und die Welt, wie sie dem Menschen des 21. Jahrhunderts tagtäglich in allen ihren bizarren, bedrohlichen, kriegerischen und grausamen Nachrichten entgegentritt, ist nun wirklich kein Paradies auf Erden. Zu allen Zeiten aber haben es die unterschiedlichsten Kulturen mit den unterschiedlichsten religiösen Traditionen verstanden, den Himmel für einen Augenblick in die irdische Welt zu holen. Indem sie Feste feierten. In einer Gegenwart, die Papst Franziskus als "Dritten Weltkrieg in Raten" beschreibt, scheint auch dieser Trost verloren zu gehen. 

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Zuerst begannen die Staaten, nationale Feiertage einzurichten, die sie der Arbeit, der Befreiung, der Unabhängigkeit oder der Wiedervereinigung widmeten. Vorangegangen war der Irrsinn im Zuge der Französischen Revolution, kultische Feiertage als Pseudofeste zu stiften, die dem "höchsten Wesen" oder der Göttin der Vernunft gewidmet waren. Meister in der Kreierung säkularer Feste waren auch die kommunistischen Regime, wobei ihre Feiertage wie der der Arbeit und "der Arbeiter aller Länder" oder des Siegs der Revolution in der Regel zu Demonstrationen der militärischen Macht verkamen, mit Paraden von Soldaten im Stechschritt und der Schau von Waffensystemen, die von den Machthabern und herbeibestelltem Publikum künstlich beklatscht werden.

Auch der konsumfreudige Materialismus des Westens hat seine säkularen Feste geschaffen, von Halloween über den "Black Friday" bis hin zur Kommerzialisierung ehemals christlicher Feiertage. Festlich feiern oder ein Stück des Himmels verspüren tut da niemand mehr. 

Ein Ereignis als Kern der Feste

In jüngster Zeit hat man gelernt, unter den Bedingungen der Pandemie oder mit dem Ukraine-Krieg vor der Haustür zumindest im Kreis der Familie wieder zu feiern, wenn auch unter dem Vorzeichen von Energiekrise und Inflation. Aber insgesamt, so scheint es, ist das Fest unter die Räder der Geschichte geraten, und damit etwas sehr Menschliches. Meister des Festes waren - und sind - die Christen. Es wäre eine besonders schöne Form des Apostolats, den Gestressten der Pseudofeste aller Art wieder das wahre Fest beizubringen. So als niedrigschwelliges Angebot. Immerhin hat der Messias der Christenheit sein öffentliches Wirken auf einem Fest begonnen, der Hochzeit zu Kana. Und die Kirche gründete er ebenfalls in einem festlichen Rahmen, dem letzten Abendmahl, das zumindest eine feierlich begangene Mahlzeit war. 

Die christlichen Hauptfeste gehen von der seinsmäßigen Notwendigkeit aus, dass die feiernde Gemeinschaft von einem tatsächlich stattgefundenen Ereignis "Glanz und Erhöhung" empfängt, wie Josef Pieper in seinem Büchlein "Zustimmung zur Welt - Eine Theorie des Festes" schreibt. Und mit Blick auf Weihnachten erklärt er weiter: "Wenn die Menschwerdung Gottes nicht mehr als ein Ereignis verstanden wird, das die gegenwärtige Existenz der Menschen unmittelbar betrifft, dann ist es in gleichem Maße unmöglich und auch sinnlos geworden, Weihnachten festlich zu begehen."

Feste haben etwas mit Liebe zu tun

Der Kern eines Fests muss also aus einem Geschehen bestehen, dass tatsächlich stattgefunden hat und denen, die es feiern, so viel sagt und mit ihrer Existenz derart verbunden ist, dass es sie freut. Das ist bei den christlichen Hochfesten der Fall. Weihnachten, Epiphanie, Ostern und Pfingsten weisen auf Ereignisse hin, die vor zweitausend Jahren und an einem ganz bestimmten Ort stattgefunden haben. Aber auch bei einer Geburt, bei einer Hochzeit oder der Feier des eigenen Geburtstags oder des eines Anderen hat der Anlass einen persönlichen, von Liebe und Zuneigung getragenen Bezug. Wie bei der Feier einer bestandenen Lehrprüfung oder eines Examens. Ideen und Werte kann man nicht feiern. Man kann sie hochhalten, sich nach ihnen richten und ihnen gewichtige Sonntagsreden widmen. Auch den Muttertag im Allgemeinen kann man nicht feiern, die konkrete Mutter, die man liebt, aber schon. Feste haben etwas mit Liebe zu tun. "Ubi caritas gaudet, ibi est festivitas", schrieb der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos: "Wo Liebe sich freut, da ist ein Fest."

Gemeint sind hier nicht nur die Kirchenfeste, die in den Kult eingebettet sind, sondern die Feste allgemein   wie es das Bild auf dieser Seite auch ausdrücken will. Zwar stehen Fest und Kult beziehungsweise Liturgie in einem inneren Zusammenhang, aber was wäre das für eine Welt, wo man Feste nur noch in der Kirche feiern würde. "Zustimmung zur Welt" lautet Piepers "Theorie des Festes", es ist eine Zustimmung zu der Welt, die Gott geschaffen hat. Und in der Welt, in der Gesellschaft, in der Familie und im Freundeskreis ist es eine vornehme Aufgabe der Welt-Bejaher, Feste zu feiern und diese auch feste zu feiern. Wie soll ein Existenzialist, der sich mit seiner Geburt als "Tropfen Schleim" in das "Loch des Nichts" geworfen glaubt, seinen Geburtstag feiern können? 

Zustimmung und Liebe zur Welt

In einem am letzten Sonntag vor Heiligabend veröffentlichten Interview mit der spanischen Zeitung "ABC" hat Papst Franziskus die kriegerische Zeit, in der wir stehen, nochmals mit folgenden Worten beschrieben: "Ich glaube, dass ein Krieg ausbricht, wenn ein Imperium seine Kraft zu verlieren beginnt, und wenn es Waffen zu gebrauchen, zu verkaufen und zu testen gibt. Ich glaube, dass hier viele Interessen im Spiel sind." Und zum Krieg in der Ukraine meinte er weiter: "Ich sehe kein baldiges Ende, weil es sich um einen weltweiten Krieg handelt. Vergessen wir das nicht. Schon jetzt mischen mehrere in diesem Krieg mit. Er ist global." Das ist seine Meinung. Keine unfehlbare Lehre. Aber dass die Erde rund um den Globus in Flammen steht, führen die Tagesnachrichten jedermann vor Augen. Und nicht unberechtigt ist die Angst, dass der Begriff "in Flammen stehen" ganz wörtlich zu nehmen wäre, wenn die Klimaerwärmung tatsächlich in eine Klimakatastrophe umschlagen sollte.

Genau das ist die Zeit, an das Fest zu erinnern. Als Zustimmung, als Liebe zur Welt, wie sie Gott geschaffen hat. Wer aufhört, die Wurzeln seines Seins zu feiern, ist reif für den Untergang. Joseph Pieper liefert in dem zitierten Traktat eine Definition, die jene Zustimmung und Liebe zum Kern des Feierns macht. "Ein Fest feiern heißt: die immer schon und alle Tage vollzogene Gutheißung der Welt aus besonderem Anlass auf unalltägliche Weise begehen." Nichts hindert daran, auch 2022 Weihnachten festlich zu begehen.

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