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Wir unvollkommenen Computer

Während der Mensch weiterhin stupide Arbeiten verrichten muss, darf ChatGPT Gedichte schreiben – ganz schön unfair, findet Neu-Kolumnist Tobias Klein.
ChatGPT schreibt Gedichte
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Der Lehrer John Keating im Film „Der Club der toten Dichter“ erklärt seinen Schülern: „Wir lesen und schreiben Gedichte, weil wir zur Spezies Mensch zählen.“

In dem für die Geschichte der Bundesrepublik so emblematischen Jahr 1968 stimmte der Wirtschaftstheoretiker Wilfrid Schreiber, bekannt als „Vater der dynamischen Rente“, in einem Vortrag beim 82. Deutschen Katholikentag in Essen ein emphatisches Loblied auf die Revolutionierung der menschlichen Arbeit durch den wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt an. In naher Zukunft, so meinte Schreiber, würden technische Innovationen es dem Menschen ermöglichen, auch und gerade in der Arbeitswelt ganz zu sich selbst zu kommen: „Die bloße Muskelarbeit ist entbehrlich geworden. Dafür haben wir Kraft- und Arbeitsmaschinen. Die sich ständig wiederholende Routine-Arbeit ist entbehrlich geworden. Dafür haben wir computergesteuerte Automaten. Was wir immer und immer mehr brauchen, ist geistige, schöpferische Arbeit. Geist, Wille und Tat gestalten die Welt.“

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Heute, im anbrechenden Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, kann man kaum umhin, Schreibers Vision als eine Fehleinschätzung tragigkomischen Ausmaßes zu betrachten: Stupide, repetitive und kräftezehrende Arbeiten werden nach wie vor von Menschen verrichtet, während Computerprogramme wie ChatGPT und Midjourney Gedichte schreiben und Bilder malen. So haben sich die Menschen vor rund einem halben Jahrhundert den technischen Fortschritt nicht vorgestellt.

Für Poesie lohnt es sich zu überleben 

„Wir lesen und schreiben Gedichte nicht nur so zum Spaß“, erklärt der von Robin Williams dargestellte Lehrer John Keating im Film „Der Club der toten Dichter“ seinen Schülern: „Wir lesen und schreiben Gedichte, weil wir zur Spezies Mensch zählen.“ Er fügt hinzu, „Medizin, Jura, Wirtschaft und Technik“ seien ehrenwerte und für das Überleben der Menschheit notwendige Betätigungsfelder – aber „Poesie, Schönheit, Romantik, Liebe“ seien die Dinge, für die es sich zu überleben lohne. Was ist demnach davon zu halten, dass der Mensch so versessen darauf ist, gerade diejenigen Fertigkeiten und Tätigkeiten, die sein Menschsein ausmachen, an Maschinen zu delegieren?

Einen pointierten und hellsichtigen Kommentar zu dieser Entwicklung stellt der 2019 erschienene Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ von Emma Braslavsky dar, der in einer nahen Zukunft spielt und dessen Handlung aus der Perspektive eines humanoiden Roboters (kurz: „Hubots“) namens Roberta geschildert wird. Die Erfahrungen, die diese Roboterfrau in der Menschenwelt macht, veranlassen sie dazu, sich selbst als „vielleicht eine höhere Lebensform als der Mensch“ und die Menschen lediglich als eine unvollkommene Vorstufe des Roboters wahrzunehmen; eine in der Romanhandlung grassierende Selbstmordwelle erscheint aus dieser Perspektive als ein konsequenter Schritt zur Ersetzung des Menschen durch die nächsthöhere Stufe der Evolution, nämlich eben den Roboter.

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Hierzu passt, was Rod Dreher in seiner „Benedikt-Option“ schreibt: Denn die Versuchung des technologischen Denkens besteht darin, die Welt – einschließlich des eigenen Körpers – „als Material zu betrachten, das dazu da sei, der Herrschaft des Menschen unterworfen zu werden, einer Herrschaft, die keine anderen Grenzen kennt als die der Vorstellungskraft“. In diesem Bemühen um Entgrenzung seiner Existenz untergräbt der postmoderne Mensch aber zugleich seine natürlichen Lebensgrundlagen. Gehört also dichtenden Computern die Zukunft?

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Foto: DT | Tobias Klein

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