„Wir sind überrascht“

Erstaunliche Worte an erstaunlichem Platz – Wie die heimischen Zeitungen den deutschen Pontifex würdigen. Von Stefan Rehder
Foto: dpa | Journalisten im Berliner Pressezentrum – insgesamt haben sich mehr als 4 200 Pressevertreter aus aller Welt für den Papst-Besuch angemeldet.
Foto: dpa | Journalisten im Berliner Pressezentrum – insgesamt haben sich mehr als 4 200 Pressevertreter aus aller Welt für den Papst-Besuch angemeldet.

Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch. Wer den Besuch verfolgt hatte, den der Stellvertreter Christi auf Erden vor ziemlich genau einem Jahr den britischen Inseln abgestattet hatte, der dürfte nicht wirklich überrascht gewesen sein, als er gestern die ersten publizistischen Früchte sichtete, die der Besuch Papst Benedikts XVI. in seiner Heimat hervorgebracht hat. Ähnlich wie in Großbritannien, wo dem Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken in den Wochen vor seinem Besuch gewaltige Wellen der Ablehnung und mitunter gar des offen zur Schau getragenen Hasses aus dem Meer britischer Zeitungen entgegengeschlagen waren, so hatten sich auch in Deutschland nicht wenige Medien nach Kräften bemüht, die Atmosphäre bis zur Ankunft des Papstes nach Strich und Faden zu vergiften.

Aufgegangen ist ihre Rechnung auch diesmal nicht. Wie bereits in Großbritannien eroberte Benedikt XVI. auch in Deutschland die Herzen im Sturm. Nicht nur die der einfachen Menschen, sondern – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auch die der Verkopften, die ihr Herz – was bei Journalisten nicht selten vorkommt – hinter undurchdringbarem Panzerglas zu verschanzen suchen.

Heribert Prantl etwa, Chef des Ressorts Innenpolitik und Leitartikler der „Süddeutschen Zeitung“, die der katholischen Kirche ansonsten mit Vorliebe den Marsch bläst, und sich dabei auch mit journalistisch eigentlich gebotenen Differenzierungen nicht lange aufzuhalten pflegt, bescheinigte dem Papst, im Plenarsaal des Reichstages eine „große und menschliche“ Rede gehalten zu haben. Benedikt XVI. sei dort „eine beeindruckende rechtsphilosophische Rede“ gelungen, „die in ihren Details kompliziert, aber in ihrer Botschaft einfach war“. Es sei eine „fundamentale, aber überhaupt nicht fundamentalistische Rede“ gewesen, stellte Prantl – offenbar überrascht – fest.

„Überrascht“ und sichtlich schwer beeindruckt von der Rede Benedikts XVI. vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestags zeigte sich auch die liberale Tageszeitung „Die Welt“. Bereits am Donnerstag hatte sie die Rede im vollen Wortlaut auf ihre Internetseiten gestellt und nicht bloß Auszüge wie manch andere. In der Freitagsausgabe legte dann der Herausgeber der „Welt-Gruppe“ im Springer-Verlag, Thomas Schmid, höchstpersönlich nach. Völlig „souverän“ sei Benedikt XVI. dem Ort der Rede, „dem Deutschen Bundestag, in dem das ganze Volk repräsentativ anwesend ist, gerecht geworden“, urteilte Schmid. Der Papst habe eine „durch und durch politische Rede“ gehalten, in deren Mittelpunkt das Recht gestanden habe, sei dabei „aber einem anderen als dem landläufigen Verständnis von Politik“ gefolgt. Das Aufwerfen der „fundmentalen Frage, woher das Recht denn kommt und wie es gewährleistet werden kann, dass es dauerhaft gilt“, sei „schwere geistige Kost“ gewesen, die der Papst „da den Repräsentanten des Souveräns zugemutet“ habe. „Ohne Scheu“ habe Benedikt XVI. „den Ton des Oberseminars“ angeschlagen, „als wolle er den Abgeordneten deutlich machen, in welch fundamentalem und dramatischem Dilemma sich befindet, wer die Aufgabe hat, die Dinge der Welt zu gestalten und zu ordnen“, resümierte Schmid.

Da scheint einer verstanden zu haben, dass der Papst die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und ihr Mandat viel ernster nahm, als manche von ihnen sich selbst zu nehmen scheinen. Für diese Lesart spricht auch, dass für Schmid, „die Pointe von Benedikts Rede“ darin besteht, dass der Papst, „nicht einer christlich-katholischen Überwölbung“ des Rechtsstaates, sondern „einem Glauben“ das Wort geredet habe, „der die Welt auch Welt sein lässt“. Gedanken, die wenn auch nicht zu denken, so doch aber niederzuschreiben, für Schmids Kollegen bei der „Bild-Zeitung“ natürlich nie in Frage käme. Statt auf den Verstand zielt man dort aufs Gemüt. Seinen eigenem ließ Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner dort gewaltig Lauf. Der Papst sei „ein Wunder“ und er – Wagner – ganz „verliebt“ in dessen Rede. Sie ein „Zauberhorn, philosophisch, poetisch“, jubelte der Boulevard-Journalist.

Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (F.A.Z.), deren Berichterstattung über den Papst seit längerem eine klare Blattlinie vermissen lässt, zeigte sich zumindest auf ihren vorderen Seiten sehr angetan von der Rede des Papstes. Während sich hinten, im Feuilleton, Christian Geyer recht umständlich den Kopf über die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen der Papstrede zerbrach und „ein methodisches Manko“ auszumachen können glaubte, mühte sich F.A.Z.-Leitartikler Georg Paul Hefty auf der Titelseite um deren historische Einordnung und befand: „Der Auftritt eines geborenen Deutschen als Repräsentant eines ausländischen Staates, der in seiner Muttersprache seine Landsleute auffordert, ein ,hörendes Herz‘ zu haben, ist ein – um das mindeste zu sagen – ein Jahrhundertereignis.“ Sieht man einmal von der „taz“ ab, in der sich die Leiterin des Meinungsressorts Ines Kappert unter der Überschrift „Der Papst, der nichts zu sagen hatte“ auf Mitleid erregende Weise selbst disqualifizierte, so wird man festhalten können: Der Wind hat sich gedreht.

Eine solche Wende hatte sich noch bereits am Donnerstag angekündigt. Der Papst hatte keinen Fuß auf den Boden seiner Heimat gesetzt, da gab es bereits erste Anzeichen dafür, dass die Stimmung umschwingen würde. In den Online-Ausgaben der Printmagazine „Spiegel“ und „Focus“ durften auf einmal die Papstkritiker kritisiert werden. Nicht nur von dem bekennenden Katholiken und Bestseller-Autor Manfred Lütz auf gewohnt satirische Art auf „Focus-online“, sondern auch von einem Linken wie Jakob Augstein. Augstein, der die Anteile seiner Familie am Spiegel verwaltet, und die Wochenzeitung „Der Freitag“ verlegt, schrieb auf „Spiegel-online“ den Papstkritikern ins Stammbuch: „Die katholische Kirche ist die älteste Institution der Welt. Ob es uns gefällt oder nicht: Wir Abendländer entstammen alle ihrem Schoß.“ Der Protest gegen den Papst sei „pubertär“, die Kirche verdiene „Respekt“. Eine Gesellschaft wie die deutsche, die sich in sozialer Auflösung befinde, brauche den Papst, „selbst wenn Benedikt XVI. der konservative Dummkopf wäre, als den ihn seine Kritiker darstellen“. Erstaunliche Worte an erstaunlichem Platze. Und unter expliziter Bezugnahme auf die vom Bundesforschungsministerium mit Steuergeldern geförderte Entwicklung eines neuartigen Gentests zur Identifizierung von Kindern mit Down-Syndrom, die – so Augstein weiter – nur einen Zweck habe, nämlich den der „Selektion“, hob er hervor: „Es kann nicht schaden, in Rom einen sitzen zu haben, der mit uns über die Conditio humana spricht in einer Zeit, in der wir glauben, uns mit nichts abfinden zu müssen, in der wir für alles vorsorgen wollen und keine Gefahr mehr laufen mögen und am Ende doch alle sterben.“

Benedikt XVI. hat, so könnte man die Berichterstattung der Printmedien über den ersten Tag des Papstbesuchs in Deutschland zusammenfassen, die Printmedien in seinem Heimatland überrascht. Dass dies zugelassen wurde, lässt sich nicht positiv genug bewerten, auch wenn man sich sicher ein wenig darüber wundern darf, dass dies – mehr als sechs Jahre nach seiner Wahl – überhaupt noch möglich war.

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