Wieviel Revolution konnte Mohammad wagen?

Ein Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu Zeiten Mohammads. Von Evelyn Bokler
Hadsch-Wallfahrt 2018
Foto: dpa | Ein düsteres Szenario wie zu Zeiten Mohammads: Blitze zucken über den Unterkünften im Mina-Gebiet bei Mekka, wo sich die muslimischen Pilger aufhalten, bevor sie das Jamarat-Ritual, die Steinigung des Satans, ...

Mit Revolutionen ist das so eine Sache: Sie versuchen, die herrschenden Verhältnisse umzustürzen sowie eine neue Werteordnung zu etablieren. Und das gegen die Widerstände des alten, zu entmachtenden Systems. Der erste Schritt für eine erfolgreiche Revolution ist daher der kluge Umgang mit den alten, bisher herrschenden Eliten und den überkommenen Traditionen, welche meist die bisherige politische Ordnung stützen. Gleichzeitig muss die eigene Macht mit zu gewinnenden Gleichgesinnten so ausgebaut werden, dass die neuen Werte erfolgreich etabliert werden können – gegen den Widerstand der alten Eliten. Das klingt schon so etwas kompliziert und ist es in der Wirklichkeit wohl noch mehr. Ein Blick auf die gesellschaftspolitischen Verhältnisse zu Zeiten Mohammads mag dies verdeutlichen.

Mekka zur Zeit Mohammads

Wie gestaltete sich die gesellschaftliche Ordnung als Mohammad lebte, insbesondere in Mekka, wo er zunächst aufwuchs und wirkte? Es liegen nicht viele verlässliche Quellen zur damaligen Zeit vor und doch wagt der Artikel diesen wichtigen Blick. Muslime zeichnen meist ein sehr düsteres Bild von der Zeit vor beziehungsweise zu Mohammads Offenbarungen. Sie nennen sie die „jahilia“ (Zeit der Ignoranz), um die religiös-ethischen Errungenschaften durch Mohammad deutlicher abzugrenzen und zu erhöhen. Ganz so düster mag es wohl auf der arabischen Halbinsel nicht ausgesehen haben, wie die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth betont. Christentum beziehungsweise christliche Sekten waren ebenso verbreitet wie jüdische Stämme, ein monotheistischer Zugang zur Religion war manchen Zeitgenossen durchaus geläufig, Fragen zur Moral sowie zur Ethik nicht völlig unbekannt. Und doch war das Leben von Mohammads Stamm der Quraisch und sein Umfeld von archaischen Religionsformen geprägt. Religion war eher ein Kompendium von besonderem religiösem Handeln in der Praxis und weniger von Sinnfragen oder gar ethischen oder moralischen Fragen begleitet. Die Rolle der Frau in den Stämmen war sehr schwach. Der Münsteraner Islamwissenschaftler Khorchide weist darauf hin, dass Frauen für kleinste Vergehen bereits getötet werden konnten und der Täter nicht unbedingt eine Strafe zu fürchten hatte. Das Wort der Frau galt im öffentlichen Leben wenig bis nichts. Zudem herrschte kein Staat mit Gewaltmonopol, sondern vielmehr ein Gewalt-„Oligopol“. Das Recht des Stärkeren, Ehre, Blutrache, Gewalt und das rasche Ziehen des Schwertes bestimmten die soziale Ordnung, nicht Rechtsprechung nach Gesetzen, die in einer dritten, neutralen Instanz eingeklagt werden konnte. Sicherheit gewann der Einzelne durch die Einbettung in seinen Stamm oder Clan. Mekka als Pilgerstätte war zudem in ökonomischer Hinsicht auf Pilgerfahrer angewiesen, die bereits damals die heutige Kaaba verehrten. Sie unterstützten die lokale Wirtschaft und brachten dem entsprechenden Warenangebot die gewünschte Nachfrage. Ruhe und Unterordnung sollten einen störungsfreien Ablauf garantieren.

Alles ging seinen mehr oder weniger geordneten Gang – bis Mohammad auftrat. In seinen Predigten, die zunächst stark auf ethisch-moralische Fragen und das Erwarten des Jüngsten Gerichts ausgerichtet waren, begann er dieses archaische sowie polytheistische Glaubenssystem und die darauf aufbauende Ordnung anzuzweifeln. Fragen der Moral und der sittlichen Entwicklung der Seele vor einem allmächtigen Schöpfergott standen bei ihm im Mittelpunkt.

Etablierte Ordnungen reagieren auf diese Art der „Unruhestiftung“ empfindlich. Schließlich fordert sie das bisherige Machtgefüge heraus und mit ihr die herrschenden Machtverhältnisse. Für Mohammad war die Ausgangslage daher schwierig. Wollte er nicht mit dem Tode bestraft werden, weil er sich der kritiklosen Teilnahme an der bisherigen Gesellschaft verschloss, so musste er Verbündete finden. Nicht alleine aus Glaubensgründen, sondern auch aus taktischen Erwägungen, denn seinem Auftrag hätte es wenig geholfen, wenn er direkt am Anfang den Tod gefunden hätte. Er musste folglich die Öffentlichkeit für seine Missionierung suchen, aber die direkte Konfrontation mit dem Establishment vermeiden. Vom Beginn seiner ersten Offenbarungen 610 nach Christus bis zum Tod seiner ersten Frau Chadidscha, deren Stamm recht einflussreich war, sowie seines mächtigen Onkels und Ziehvaters Abu Talibs 619 nach Christus bewegte er sich in relativer Sicherheit.

Nachdem ihn diese Personen nicht mehr zu schützen vermochten, war er gezwungen, im Interesse seiner eigenen Sicherheit zu handeln. 622 nach Christus bereitete er den heimlichen Auszug aus Mekka vor, nachdem ihm ein Mordkomplott gegen seine Person zu Ohren gekommen war. Ihm und seinen ersten treuen Anhängern gelang bei Nacht und Nebel die Flucht nach Medina, wo er sich im Vorfeld die Unterstützung mächtiger Stämme zusicherte. In Medina vermochte er seinen Glauben immer weiter zu festigen und auszubreiten. Regelmäßige Überfälle auf Karawanen garantierten den Geflüchteten ihre materielle Absicherung und waren damals üblich. Hier weicht Mohammad nicht von den bisherigen Regeln ab. In gesellschaftspolitischer Hinsicht schon eher.

Besonders interessant ist zum Beispiel Mohammads Umgang mit Frauen. Die Sure 4 „Über die Frauen“ im Koran bietet hierzu besonderen Aufschluss – wenn man sie im Rahmen einer historisch-kritischen Methode in den gesellschaftspolitischen Kontext einbettet. Immer wieder wird die Stelle zitiert, in der Mohammad verlauten lässt, man solle die Frau bei Widerspenstigkeit ermahnen, sich von ihr im Lager fernhalten (kein Beischlaf) und schlagen. Vor Gericht zählen zwei Frauen so viel wie ein Mann. Und eine Frau erbt nur die Hälfte von dem, was einem Mann zusteht.

Dies klingt, besonders zur heutigen Zeit, wenig gleichberechtigt oder gar respektvoll. Die entscheidende Frage aber, die sich stellt, lautet: Was war bis dahin gesellschaftlich üblich und wie verhalten sich Mohammads Aussagen im Vergleich dazu? Und hier zeichnet sich in den Quellen das unscharfe Bild ab, dass Frauen gesellschaftspolitisch in der archaischen Stammeskultur nichts zählten. Vor dem historischen Hintergrund ist daher das Schlagen der Frau völlig normal. Es war Mohammads Zuhörern vertraut und bedurfte eigentlich nicht der Erwähnung. Doch was meint Mohammad genau? Das Schlagen wird erst an dritter Stelle genannt und deutet so auf das Ende verschiedener Eskalationsstufen hin. Wenn alles andere nichts hilft, dann sei dies gestattet. Und wie verhielt es sich mit Frauen vor Gericht? Bis dahin zählte ihre Aussage nichts. Die Gewichtung „zwei Frauen wie ein Mann“ konnte daher wohl durchaus als revolutionär gelten, denn nun wurden sie als mündig wahrgenommen. Frauen erhielten bis dahin auch keinen festen Anteil am Erbe zugesichert, bei Mohammad schon. Und warum steht ihnen nur die Hälfte zu? Weil Frauen im Gegensatz zu Männern keine Familie ernähren mussten. Das Geld gehörte ihnen. Darauf weist Mohammad ebenfalls in der Sure 4 hin.

Die Bedeutung des richtigen Handelns

Im Zusammenhang mit der Frage, wieviel gesellschaftspolitische Revolution Mohammad wagen konnte, sind diese Hintergrundinformationen entscheidend. Die Koran-Aussagen können sonst nicht korrekt kontextualisiert werden. Der Koran richtet sich schließlich konkret an die damalige Gesellschaft. Er verkündet Gottes Wort in Dialogform, vor bestimmten gesellschaftlichen Ereignissen und Hintergründen. Im Vergleich zur bisherigen Ordnung sicherte Mohammad daher den Frauen wohl mehr Rechte zu. Auch erwartet sie genauso wie Männer das Paradies als Lohn, wenn sie sich zu Gott hinwenden und bekennen. Hätte Mohammad die Frauen in dieser archaisch-patriarchalischen Gesellschaft vor einer entsprechend sozialisierten Zuhörerschaft noch besser stellen können? Schwierig. Es steht zu befürchten, dass die meisten seiner neuen Anhänger, vor allem junge Männer, ihm nicht hätten folgen können und/oder wollen. Revolutionen, die wirken wollen, dürfen die Ausgangsgesellschaft nicht überfordern. Wie schwer sich die Umsetzung von Mohammads neuer gesellschaftlicher Vorstellung verwirklichen ließ, zeigte sich in den Jahren nach seinem Tod. Die noch junge Gemeinde führte zahlreiche Diskussionen, wie genau der Prophet denn dies und jenes gemeint haben mag. Wie wenig die gesellschaftliche Elite auf Mohammads Botschaft vorbereitet war, zeigt die erste islamische Diktatur unter dem Ummayaden-Kalifen Mu'awiya (661– 680 n. Chr.). Er verstieß geradezu in grotesker Weise gegen Kernbotschaften Mohammads wie etwa die Bedeutung des richtigen Handelns, an dem Gott Gefallen habe. Für Mu'awiya galt allein das formelhafte Bekenntnis zum Islam als ausreichend gerecht vor Gott. Der Rest sei ohnehin von Gott vorherbestimmt und somit der Verantwortung des Einzelnen entzogen. Wie wirkmächtig diese Lesart des Islam auch heute noch ist, zeigt die Rechtfertigungslogik islamischer Diktaturen als gottgewollte und damit vorherbestimmte Ordnung – gleich wie der Herrscher handelt. Die meisten derzeitigen islamischen Diktaturen bauen auf diesem umayyadischen Islamverständnis auf und nicht auf dem mohammedanischen Islam, wie der Islamwissenschaftler und Islamismusexperte Marwan Abou-Taam betont. Die Stellung der Frau hat sich ebenfalls in vielen islamisierten Gebieten nicht wirklich verbessert, besonders wenn der Islam auf Gesellschaften traf, die auf einer langen frauenfeindlichen Tradition aufbauten. Ein Blick auf die Paschtunen in Afghanistan, sogar noch heute, genügt – auch sie bemühen sich, die traditionelle Frauenfeindlichkeit in ihrem vorislamischen Ehrenkodex Paschtunwali mit dem Islam zu rechtfertigen. Dazu gehört das Vorenthalten von Bildung und Erziehung für Mädchen und Frauen. Und das, obgleich Mohammad zum Beispiel ausdrücklich Bildung für Männer und Frauen forderte.

Ob synkretistische Mischformen wie in Afghanistan, die daraufhin entstanden sind, den Vorstellungen Mohammads entsprechen, bleibt daher mindestens fragwürdig: Schließlich ist keine Überlieferung bekannt, in der Mohammad seine Frauen geschlagen oder respektlos behandelt hätte. Laut Überlieferung ist das Gegenteil ist der Fall. Möglicherweise war dies aber schon zu revolutionär für viele seiner Zeitgenossen – und in vielen Stammesgesellschaften auch heute noch.

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