Wenn die Seele sich verirrt hat

Das Interview-Buch von Papst Franziskus über die Barmherzigkeit Gottes ist ein ganz persönlicher Ratgeber für den Umgang mit der eigenen Sünde. Von Guido Horst
Foto: dpa | Gut fünf Jahrzehnte seelsorgliche Erfahrungen auf den Punkt gebracht hat der Papst in seinem ersten Interviewband nach dem Konklave.
Foto: dpa | Gut fünf Jahrzehnte seelsorgliche Erfahrungen auf den Punkt gebracht hat der Papst in seinem ersten Interviewband nach dem Konklave.

Um es gleich zu sagen: Das Buch von Papst Franziskus „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“, das aus einem Gespräch mit dem italienischen Journalisten und Vatikan-Kenner Andrea Tornielli hervorgegangen ist, kann für viele Menschen sehr wertvoll sein. Es geht um Gnade. Aber erst einmal um das, worunter viele Menschen leiden: die Sünde. Der Aufbau des Buchs ist ein anderer. Thematisch jedoch ist das der rote Faden: Wie findet ein Mensch, der gefallen oder immer wieder gefallen ist, Vergebung und Friede für seine Seele? Franziskus ist Seelsorger. Er kennt die Lage vieler Menschen. Sie leben abseits von Gott. Weil ihre Lebensumstände erbärmlich sind. Weil sie gegen Gottes Gebote verstoßen haben. Weil sie sich nicht trauen, über die Schwelle einer Kirche gehen. Und die sich dann selbst exkommunizieren, obwohl Gott nur darauf wartet, und zwar sehnsüchtig und voller Liebe, auch dieses verirrte Schaf zurück in die Herde zu holen.

Am Ende des Interview-Buchs macht der Papst eine wichtige Unterscheidung: Zwischen demjenigen, der – wie oft auch immer – gesündigt hat, aber sich im Inneren nach Vergebung sehnt, und demjenigen, der korrumpiert ist, der das Schlechte, das er tut, gar nicht mehr erkennt oder sich darüber lustig macht. Da fällt dann auch Franziskus ein hartes Urteil. Es ist nicht so, dass der argentinische Papst die Sünde verharmlost oder den Verstoß gegen Gottes Gebote mit irgendeinem Barmherzigkeits-Gesäusel unter den Tisch kehren will. Aber Jorge Mario Bergoglio hat in seinem Leben selbst so viel gebeichtet, so viele unterschiedliche Beichtväter kennengelernt und als Seelsorger so viele zur Lossprechung von den Sünden geführt, dass er das eigentliche Drama der menschlichen Existenz von Grund auf kennt: Wie erfährt der von der Erbschuld belastete Sünder Gottes Barmherzigkeit? Doch jetzt zurück zum Anfang.

Gleich zu Beginn schildert der Papst seinem Gegenüber eine interessante Einschätzung seines eigenen Charakters. Von Tornielli gefragt, wann ihm denn die Idee gekommen sei, ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ auszurufen, antwortet ihm Franziskus: „Da gibt es keinen bestimmten Punkt. Die Dinge kommen mir immer irgendwie von selbst.“ Er würde auch nie einer ersten Reaktion folgen. „Ich bleibe hier immer auf der Hut, denn gewöhnlich ist die erste Reaktion falsch.“ Er habe gelernt zu warten und sich vom Herrn führen zu lassen.

Und zum Heiligen Jahr erklärt er dann: „Die zentrale Stellung der Barmherzigkeit, die für mich die wichtigste Botschaft Jesu ist, hat sich in meinem Leben als Seelsorger ganz allmählich herauskristallisiert, eigentlich als Konsequenz meiner Erfahrung als Beichtvater, aus den vielen positiven und schönen Geschichten, die ich dabei zu hören bekommen habe.“

So persönlich geht es weiter, Franziskus erzählt von Beichtvätern, die seinen Lebensweg gekreuzt haben. Priester der Barmherzigkeit. Der Papst erinnert an Pius XII., der schon vor mehr als einem halben Jahrhundert gesagt habe, es sei das Drama unserer Zeit, dass sie das Gefühl für die Sünde verloren habe. „Heute kommt noch ein weiteres Drama hinzu“, fügt Franziskus an: Nämlich „dass wir unser Übel, unsere Sünde als unheilbar betrachten, als etwas, das weder geheilt noch vergeben werden kann. Es fehlt die konkrete Erfahrung der Barmherzigkeit.“ Und der Ort, die Barmherzigkeit zu erfahren, war im Leben Bergoglios der Beichtstuhl. Darum erzählt er ein ganzes Kapitel lang, im zweiten des insgesamt schnell zu lesenden Buchs, über „das Geschenk der Beichte“. Nichts in dem Interview ist neu, vieles hat Franziskus schon in den Predigten während der Frühmesse, bei Audienzen, Begegnungen mit Klerikern gesagt. Aber er verdeutlicht einiges. So den Ausdruck, dass man sich im Gespräch mit dem Beichtvater „gehört“ und nicht „verhört“ fühlen soll. Die Priester im Beichtstuhl sollten nicht neugierig sein, das könne krankhafte Formen annehmen. „Es gibt auch ein Übermaß an Neugier“, so Franziskus, „vor allem in sexuellen Dingen. Zum Beispiel wenn man sich Einzelheiten schildern lässt, die zu wissen eigentlich nicht nötig ist.“ Ein Beichtstuhl dürfe nicht zur Folterkammer werden.

Stark wird das Buch an vielen Stellen immer wieder, weil Franziskus aus persönlicher Erfahrung spricht. Auch über die Verstocktheit, wenn ein Sünder nicht mehr wahrhaben will, dass er der Barmherzigkeit bedarf. „Wenn du dich nicht als Sünder erkennst, heißt das, dass du die Barmherzigkeit nicht haben willst, dass du nicht weißt, wie sehr du sie brauchst.“ Der Papst nennt das eine „hochgradig narzisstische Krankheit“: „Manchmal bist du misstrauisch und glaubst nicht, dass du wieder aufstehen kannst. Oder Du fühlst dich wohl mit deinen Sünden. Du machst es wie die Hunde: Du leckst sie mit deiner Zunge, du reißt dir die Wunden wieder auf.“ Manchmal genieße man das eigene Leid, aber das sei ein krankhafter Genuss.

Im sechsten Kapitel bekräftigt der Papst nochmals, was er bei seiner Rückreise von Rio de Janeiro 2013 auf die Journalisten-Frage über den Umgang mit Homosexuellen geantwortet hatte: „Wenn ein Mensch schwul oder lesbisch und guten Willens ist und den Herrn sucht, wer bin ich, ihn verurteilen zu wollen? Ich habe den Katechismus der katholischen Kirche zitiert, wo es heißt, man müsse solche Menschen mit Zartgefühl behandeln und dürfe sie nicht an den Rand drängen.“ Vor allem finde er es wichtig, von „homosexuellen Menschen“ zu sprechen, denn zuerst sei da der Mensch in seiner Ganzheit und Würde. „Der Mensch wird ja nicht durch seine Sexualität definiert: Vergessen wir nicht, dass wir alle von Gott geliebte Geschöpfe sind, denen er seine unendliche Liebe zuteilwerden lässt.“

Auf die Frage des Journalisten, ob Wahrheit und Barmherzigkeit im Widerspruch stehen könnten, antwortet Franziskus: „Die Barmherzigkeit ist wahr. Sie ist das erste Attribut Gottes.“ Man könne auch theologische Überlegungen über die Lehre und die Barmherzigkeit anstellen, doch man dürfe dabei nicht vergessen, dass die Barmherzigkeit die Lehre sei. „Ich möchte darauf am liebsten sagen: Die Barmherzigkeit ist wahr.“ Und ein wenig weiter: „Auf die Randexistenzen zugehen, auf die Sünder, heißt nicht, den Wölfen das Tor zur Herde zu öffnen. Es bedeutet, dass wir versuchen, alle zu erreichen, indem wir Zeugnis ablegen von der Barmherzigkeit, die wir zuerst selbst erlebt haben, ohne in Versuchung zu geraten, uns gerecht und vollkommen zu fühlen.“

Wenn Franziskus von der Barmherzigkeit spricht, spricht er immer zuerst vom sündigen Menschen, der der Barmherzigkeit und Vergebung bedarf – und nicht etwa vom barmherzigen Gott und der unbarmherzigen Kirche. Es geht ihm um den einzelnen Menschen – und auch um die Beziehungen unter ihnen: „Die Barmherzigkeit ist ein sehr wichtiges, ja unverzichtbares Element in den Beziehungen zwischen den Menschen, damit es Brüderlichkeit geben kann. Nur die Gerechtigkeit als Maßstab zu nehmen, reicht nicht aus. Mit der Barmherzigkeit und der Vergebung geht Gott über die Gerechtigkeit hinaus, er nimmt sie auf und überwindet sie gleichzeitig in einem höheren Akt, in dem wir Liebe erfahren, die das Fundament wahrer Gerechtigkeit ist.“ So hat es auch Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ gelehrt. Franziskus lehrt dasselbe – mit der Erfahrung seines persönlichen Lebens.

Und so gibt er am Ende auch seinen persönlichen Rat, wie ein Gläubiger das laufende Heilige Jahr leben soll: „Sich für die Barmherzigkeit Gottes öffnen, sich selbst und das eigene Herz zu öffnen. Zu erlauben, dass Jesus ihm entgegenkommt, und sich voller Vertrauen auf die Beichte stützen. Und barmherzig zu den anderen Menschen zu sein.“

Papst Franziskus: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Gespräch mit Andrea Tornielli. 127 Seiten, gebunden, Kösel-Verlag, München 2016,

ISBN 978-3-466-37173-0, EUR 16,99

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann