Kirche

Wenn die Glut in der Kirche erlischt

Wo ist das „Volk Gottes“ geblieben, so fragte Papst Paul VI. schon 1975. Seine Antwort auf diese rhetorische Frage scheint sich erfüllt zu haben: Die Kirche wirkt wie ein beliebiger „Religionsverein“.
Metallschmelze
Foto: dpa | Der Ofen scheint aus: Letzte Schicht für das Christentum? Bei manchen Gläubigen scheint das Feuer des Glaubens nicht mehr so richtig zu brennen.

Es musste nicht eine Berliner Pastoralreferentin aus der Kirche austreten, weil sie den Glauben an die katholische Kirche und den Gott dieser Kirche verloren hatte. Oder eine Theologin vom Papst abwärts all diejenigen als Rassisten beschimpfen, die an der zweitausendjährigen und immerhin apostolischen Tradition festhalten, dass das sakramentale Weiheamt in der Catholica den Männern vorbehalten ist – um eine Krankheit an dem Leib festzustellen, den man früher einmal stolz als „Volkskirche“ bezeichnete.

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Die Diagnose mag von „Apostasie“, dem Abfall vom Glauben, über die „Acedia“, die traurige Trägheit, die sich nicht mehr für die Neuheit des christlichen Ereignisse begeistern lässt, bis zur einfachen „Amnesie“ reichen: Man vergisst, was eigentlich der Kern der Nachfolge Christi ist. Im Haus der Großeltern ging der gelebte Glaube verloren. Die Eltern haben nie davon erzählt, geschweige denn gebetet. Und man selber, der Nachwachsende in der dritten Generation, zieht die Konsequenz, wenn er als junger Arbeitnehmer zum ersten Mal den Einzug einer Kirchensteuer auf dem Gehaltszettel sieht. Er verlässt den Verein, in den er hineingeboren wurde, und tritt aus der Kirche aus.

Da der katholische Glaube eine Religion der Sinnes- und Lebensfreude und die katholische Kirche ein völliges Unikat auf dem Erdkreis ist, mag das Christliche römisch-katholischer Prägung noch eine Zeit lang fesseln, auch wenn der gelebte Glaube schon abgestorben ist. Die Getauften feiern Feste und singen gerne Lieder. Die Erzählungen des Evangeliums sind reich und voller Dramatik. Der Papst ist als Religionsführer universal anerkannt und ein Medienstar.

„Wenn der innere Glutkern erloschen ist,
kann einen das Äußere nicht mehr wirklich halten“

Hinter ihm der Vatikan, dessen Skandale ebenso viel Stoff für Getratsche liefern wie das englische Königshaus, nur ist der Kleinstaat in Rom halt viel geheimnisvoller. Aber das reicht nicht. Wenn der innere Glutkern erloschen ist, kann einen das Äußere nicht mehr wirklich halten: Man macht – wenn überhaupt – seine inneren Befindlichkeiten direkt mit den Göttern aus und betrachtet – wenn überhaupt – die Kirche nur noch von außen. Aber man gehört nicht mehr dazu.

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Doch was ist der innere Glutkern, der die Volkskirche einst zusammenhielt? Mitten im Heiligen Jahr 1975, im heißen August, wandte sich Paul VI. in einer viel zitierten Audienzansprache dieser Frage zu. Derselbe Papst, der nach dem Konzil die Anzeichen einer Ausdünnung des christlichen Gewebes in den ehemaligen Kernländern der Kirche des Westens wahrnehmen musste. Dessen Enzyklika „Humane vitae“ eine fast schismatische Abwendung vieler Getaufter und auch Bischöfe zur Folge hatte. Den es schmerzte, dass so viele Priester den Dienst aufgaben, für den sie geweiht worden waren. Der Papst, der mit dem französischen Philosophen Jean Guitton fast apokalyptische Gespräche über die Frage führte, wie viel Glaube der Herr noch auf der Erde vorfinden würde, wenn er wiederkommt, und dabei das Gefühl nicht verleugnete, dass das Ende der irdischen Zeit zum Greifen nah sein könnte.

Wo ist das "Volk Gottes"?

Dieser Papst, Giovanni Battista Montini, traute sich, in jener Generalaudienz seine Zweifel an der Lebendigkeit des „Hauses voller Glorie“ in die Form einer Frage zu kleiden: „Wo ist das ,Volk Gottes‘, von dem so viel gesprochen wurde und wird?“, klagte Paul VI. „Wo ist es? Diese ethnische Einheit sui generis, die sich durch ihren religiösen und messianischen, priesterlichen und prophetischen Charakter auszeichnet und von anderen unterscheidet, in der alles auf Christus zuläuft wie auf einen Brennpunkt und in der alles von Christus ausgeht? Wodurch ist sie verbunden? Was kennzeichnet sie? Wie ist sie organisiert? Wie erfüllt sie ihre ideale und belebende Mission in der Gesellschaft, in der sie lebt? Wir wissen gut, dass das Volk Gottes heute, geschichtlich betrachtet, einen Namen hat, der uns allen geläufiger ist: die Kirche. Die Kirche, die Christus bis aufs Blut geliebt hat, sein geheimnisvoller Leib, sein Werk, das sich ewig im Aufbau befindet. Unsere Kirche, die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Und wer kennt sie wirklich und lebt sie? Wer besitzt diesen sensus ecclesiae, das heißt das Bewusstsein, dass er zu einer besonderen, übernatürlichen Gesellschaft gehört, die ein lebendiger Leib ist mit Christus, ihrem Haupt, und die eben mit ihm diesen totus Christus bildet, diese einigende Gemeinschaft der Menschheit in Christus, die den großen Liebesplan Gottes für uns darstellt und von der unser Heil abhängt?“

 

Dieser Abschnitt aus der Ansprache des Montini-Papstes ist fast genial, denn Paul VI. stellt die alles entscheidende Frage – und liefert die Antwort gleich mit: Die Kirche ist kein Verein, sie gründet nicht auf einer (frommen) Idee, sie entzieht sich den soziologischen Kategorien der weltlichen Organisationen und Institutionen, sie ist nicht von dieser Welt. Sondern sie ist eine übernatürliche Gesellschaft, ein lebendiger Leib, mit Jesus Christus als Haupt. Und nur dort ist das wahrhaft christliche Leben lebendig, wo diese Seinsverfassung der Kirche auch das Bewusstsein derer prägt, die durch die Taufe in dieses Mysterium hineingeboren wurden.

Die Kirche als abstoßendes, kaltes Monument

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Vielleicht in besonderer Weise dem französischen Denken zugewandt, war Paul VI. jedoch generell ein Papst, der in Fragen der Kultur besonders „musikalisch“ war. Er wusste, dass ein Raum wie der, der sich aus dem Abendland von einst in die Gegenwart hineinentwickelt hatte, einen geistigen Glutofen braucht, der prägend wirkt. So wie ein Brennofen nur noch wie ein abstoßender Eisenklotz im Raume steht, wenn das lodernde Feuer hinter der Frontscheibe erloschen ist, so wirkt auch das Christentum wie ein kaltes Monument aus dem Stein seiner unzähligen Kathedralen, wenn in den Gesichtern derer, die sich in der Nachfolge des Erlösers Christen nennen, das Angesicht Jesu Christi nicht mehr aufscheint.

Darum haben die heiligen Schriften dem Fleisch gewordenen Sohn Gottes den Namen „Eckstein“ gegeben. In Jesaja 28, 16 gründet der Herr einen Stein in Zion, „einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, aufs Festeste gegründet; wer glaubt, wird nicht ängstlich eilen“. Diesen Vers zitiert Petrus in seinem ersten Brief an die Vorsteher der Gemeinde. Bei Paulus liest man im ersten Brief an die Korinther: „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“ (3, 11).

Verworfen, dann Eckstein - ohne geht es nicht

Und der Gemeinde von Ephesus schreibt Paulus: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst“ (2, 20). Als der Stein, den die jüdischen Bauleute verworfen hatten, wurde der Herr der Eckstein, ohne den das ganze Haus als kaltes und nacktes Konstrukt dasteht, bevor es dann in sich zusammenbricht. Das war der Alptraum des alt gewordenen Papstes im Jahr 1975: Dass die Christen sich nicht mehr als Teil des „totus Christus“ sehen, sondern als Mitglieder eines weltimmanenten Religionsvereins. Die böse Ahnung Pauls VI. ist heute Wirklichkeit.

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