„Wenn alle mitmachten, würden wir uns arrangieren“

Die ehemalige Verfassungsrichterin Jutta Limbach will aus Museen entwendete Raukunst zurückführen lassen

Das Ansinnen ist radikal und nach Ansicht vieler Museumsdirektoren schwer umzusetzen: Werke, die die Nazis als „entartete Kunst“ aus Museen entfernten und die später in andere Häuser gelangten, zurückzuführen. Einer, der profitieren würde, schweigt.

Museumschefs sehen Konsequenzen skeptisch

Sollte die Idee von Jutta Limbach zur Rückgabe von Kunstwerken umgesetzt werden, wäre das Frankfurter Städel-Museum einer der Hauptprofiteure. Die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts hatte vorgeschlagen, von den Nazis 1937 als „entartet“ diffamierte und beschlagnahmte Kunstwerke an jene deutschen Museen zurückgeben zu lassen, denen sie vor knapp 80 Jahren genommen wurden.

„Wir sind sicher eines der Museen, das viele Bilder verloren hat“, sagte Städel-Sprecher Axel Braun der Nachrichtenagentur dpa. Man habe das gründlich recherchiert und sei auf „über 700 Werke“ gekommen. In der heutigen Sammlung des Städel, die immerhin 120 000 Werke umfasst, fänden sich keine oder nur wenige Kunstwerke, die man abgeben müsste. „Uns ist zumindest kein Fall bekannt.“

Als Beispiele für verlorene Werke nannte Braun eine Skulptur von Ernst Barlach, die jetzt in Mannheim sei, und das Beckmann-Gemälde „Sonnenblumen“ in München. Die meisten der 700 Kunstwerke seien vermutlich aber in den USA oder der Schweiz. Städel-Direktor Max Hollein will den Limbach-Vorstoß nicht kommentieren: „Von uns aus gibt es keine Initiativen in dieser Richtung“, sagte sein Sprecher.

Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), Hartwig Fischer, warnte vor den Folgen einer Revision der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ für Deutschlands Museen. „Auch wenn uns die Werke in der Sammlung bitter fehlen, wären die Folgen einer solchen Revision unabsehbar und würden weitreichende Konsequenzen für die nationale wie internationale Zusammenarbeit der Museen haben“, sagte Fischer am Freitag in Dresden. Er betonte, dass der über Jahrzehnte gepflegte professionelle Austausch und Leihverkehr nur auf der Grundlage eines gesicherten Rechtsfriedens möglich war und sei. „Denn man muss wissen, dass ein erheblicher Teil der seinerzeit beschlagnahmten Werke sich heute in den bedeutendsten Museen des Auslandes befindet.“

Auch die Kunsthalle Bielefeld hat Zweifel an der Umsetzbarkeit: „Moralisch wäre ein solcher Tausch wünschenswert, würde aber in der Praxis viele neue Fragen aufwerfen“, sagte eine Sprecherin der Kunsthalle der dpa. Es stelle sich etwa die Frage, ob Häuser, deren beschlagnahmte Kunst dauerhaft verschollen ist, entsprechend entschädigt würden. So sei ein überwiegender Teil der 136 aus der Sammlung beschlagnahmten Arbeiten auch nach dem Krieg nicht wieder aufgetaucht.

Andersherum müsste man zwei wichtige Werke – Arbeiten von Oskar Schlemmer und Karl Schmidt-Rottluff – zurückgeben. „Das würde uns natürlich schmerzen, aber wenn alle mitmachten, würden wir uns arrangieren“, so die Sprecherin weiter. Auch bei der Staatsgalerie Stuttgart wird der Vorschlag skeptisch gesehen. „Das ist einfach zu sagen, aber schwer auszuführen“, sagte die Kuratorin der großen Oskar-Schlemmer-Retrospektive, Ina Conzen, der dpa. Die Sachlage sei bei den Werken ja doch sehr unterschiedlich. So müsse man Schlemmers Werk „Konzentrische Gruppe“, das nach dem Krieg erworben wurde, an die Nationalgalerie Berlin zurückgeben. Das Ölgemälde „Rhythmus der Fenster“ von Paul Klee wiederum hatte die Staatsgalerie 2007 zurückgekauft. Laut Conzen wurden so 1937 in der Staatsgalerie 50 Gemälde und 400 Zeichnungen beschlagnahmt. Wie viele Werke die Staatsgalerie im Gegenzug womöglich abgeben müsste, wollte Conzen nicht schätzen.

Der NS-Staat hatte Werke von Künstlern wie Max Beckmann, Wassily Kandinsky oder Paul Klee als „entartet“ aus deutschen Museen geholt und ins Ausland verkauft. Von dort wurden nach dem Krieg viele Bilder von deutschen Museen wieder zurückgekauft. Außerdem hatten die Besatzungsmächte Bilder aus NS-Depots später an Museen verteilt. DT/dpa

Themen & Autoren

Kirche