Weihnachten in der Popkultur

Was haben Boney M., George Michael und Filme wie „Kevin allein zuhause“ gemeinsam? Richtig! Sie zeigen, dass auch im Rahmen der an sich eher oberflächlichen Musik- und Filmcharts leichte religiöse Akzente gesetzt werden könnten. Gerade auch zur Weihnachtszeit. Von Liane Bednarz
Foto: dpa | Partner gefunden, Weihnachtsfest gerettet: Der Komödienklassiker „Love actually“.
Foto: dpa | Partner gefunden, Weihnachtsfest gerettet: Der Komödienklassiker „Love actually“.

Auch wenn große Teile der westlichen Welt leider nur noch selten in die Kirche gehen, die Faszination von Weihnachten bleibt. Gerade auch in jüngeren Generationen und das schon seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue. Ein zuverlässiger Indikator dafür ist der reichhaltige Eingang, den das Fest der Geburt Jesu in die Popkultur gefunden hat, die ja typischerweise von Künstlern in eher früheren Lebensjahren geprägt wird. Nun mag man natürlich vollkommen zu Recht einwenden, dass viele Weihnachtsanklänge im Film und in der Popmusik sehr kitschig, flach und rührselig sind. Und dennoch sind manche von ihnen auch für Christen zu kaum mehr wegzudenkenden Begleitern in der Weihnachtszeit geworden. Was natürlich nicht heißt, dass man nicht auch darüber schmunzeln kann und vielleicht sogar soll.

In einem Text, in dem man sich Gedanken über die weihnachtliche Popkultur macht, könnte man sich nun langsam durch die Dekaden schreiben und sachte auf das „Highlight“ hinarbeiten, an das jeder Leser ohnehin schon bei der Überschrift denkt. Um auf diese Weise ähnlich wie bei einem Adventskalender den Spannungsbogen bis zum 24. Dezember zu erhöhen, bei dem an diesem Tag hinter dem Türchen meistens ein ganz besonderes Schmankerl wartet. Doch passen Langsamkeit und geduldige Bedächtigkeit denn wirklich zum Untersuchungs-Gegenstand? Von wegen. Darum sei der Klassiker der weihnachtlichen Popkultur schlechthin an den Anfang gestellt: „Last Christmas“. Von „Wham“. Es ist nahezu unmöglich, diesem 1984 erschienenen Song des britischen Duos zu entgehen. Und fast hat man den Eindruck, dass er jedes Jahr noch präsenter wird, sei es im Radio oder in Kaufhäusern. Vor ein paar Jahren war er im Winter sogar regelmäßig vor dem Start in Flugzeugen von Air Berlin zu hören. Witzigerweise, das sei am Rande erwähnt, ist das Lied auf musikalischer Ebene gar nicht einmal so banal, wie man vermuten könnte. Der WELT war es vor genau zwei Jahren sogar eine detailgenaue Analyse wert, die zu dem Schluss kam, dass es ein „Meisterwerk“ sei, „ein Lied also, dessen innere Stabilität nicht allein auf Wiederholung begründet ist, sondern das sich durch motivisch-thematische Arbeit weiterentwickelt“. Und bei dem die „Melodieführung“ und die „Reimstruktur“ sogar in Strophe Nummer zwei komplizierter werden. Wer hätte das gedacht?

Und dennoch: Wie erklärt sich dieser immense Erfolg? Wirft man einen Blick auf Wikipedia, was man ja meistens zunächst tut, sticht ins Auge, dass dort die folgende Erklärung zitiert wird: „Den Erfolg des Songs versucht der Autor Sebastian Hammelehle (...) wie folgt zu erklären: „Das wirklich Besondere an dem Lied ist, dass Wham als erste Popband die Existenz von Weihnachten einfach hinnahmen: Sie überhöhten es nicht, indem sie versuchten, den Geist des guten, alten Fests der Prä-Rock-'n'-Roll-Ära wiederzubeleben.“ Aus christlicher Sicht klingt das nicht besonders gut. Und in der Tat, schaut man sich das zugehörige, im schweizerischen Saas Fee gedrehte Video und auch den Text an, so ist das Ganze vor allem die Geschichte einer unglücklichen Liebe. Mann verliebt sich in Frau. Frau verliebt sich auch. Allerdings in einen anderen Mann. Und das schon am nächsten Tag. All das geschah letztes Weihnachten und daran erinnert sich der Sänger nun in „Last Christmas“. Mit anderen Worten: Man sieht eine verkitschte und völlig säkularisierte Form des Fests. Jesus kommt da nicht einmal am Rande vor. In dem Song gibt es allenfalls eine „stille“, aber auf keinen Fall eine „heilige“ Nacht.

Wie sieht es diesbezüglich mit dem zweiten popmusikalischen Klassiker der Weihnachtszeit aus, ebenfalls ein Favorit in den Kaufhäusern? Die Rede ist von Chris Reas „Driving home for christmas“ (Für Weihnachten nach hause fahren). Das Lied ist gewiss grooviger als „Last Christmas“, auch der Kitsch-Faktor ist geringer. Leitmotiv des Songs ist die Sehnsucht nach dem Zuhause, das immer wieder beschworen wird und in der wiederholten Zeile „get my feet on holy ground“ (meine Füße auf heiligen Boden setzen) kulminiert. Nun, die Kirche ist damit sicherlich leider nicht gemeint, aber immerhin das Zuhause, also die Familie – der irdische und auch von Gott gesegnete Sehnsuchtsort schlechthin. Und immerhin, sei die entchristlichte Welt auch noch so egozentrisch wie sie bisweilen ist, merkt sie an Weihnachten doch, was familiärer Zusammenhalt, Vertrauen und Treue sind. Womit der nächste Aspekt des Themas eingeleitet ist.

Unzählige Filme, vor allem Blockbuster, handeln von Singles in der Vorweihnachtszeit, die alle nicht glücklich sind, aber rechtzeitig zum Fest dann doch den ersehnten Partner finden. Weshalb diese cineastischen Exemplare so wunderbar rührselig sind, dass sie immer wieder zum Fest im Fernsehen ausgestrahlt werden. „Love actually!“, der auf Deutsch „Tatsächlich… Liebe“ heißt, ist der wohl bekannteste Vertreter dieses Genres, und kam 2003 als Episodenfilm mit Hugh Grant als Hauptprotagonist in die Kinos. Fünf Wochen vor Weihnachten beginnt er mit diversen Einzelpersonen, die wiederum genau fünf Wochen später, also pünktlich zum Weihnachtsfest, ihren Partner gefunden haben. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, wie in der Bibel im 1. Mose im 2. Kapitel als 18. Vers zu lesen ist, offenbart sich also gerade dann, wenn Jesu Geburt gefeiert wird. Insofern ist es auch kaum verwunderlich, dass bei „Kevin, allein zu Haus“, den der Regisseur John Hughes im Jahre 1990 kreierte, zunächst alles drunter und drüber ging, als das achtjährige Kind gleichen Namens einfach so von seinen Eltern an Weihnachten mit dem Nachbarsjungen verwechselt und so schlichtweg zu Hause in einer Vorstadt Chicagos vergessen wird, als seine Eltern gen Europa fliegen. Nachdem der Junge sodann tapfer Einbrecher verjagt hat, folgt natürlich auch hier das Happy End. Neben dem sehr weihnachtlichen familiären Grundsound ist jedoch auch hier Jesus leider Fehlanzeige.

Also geht die Suche weiter. Wo findet sich das Jesus-Kind in der Popkultur? Da muss man in der Tat leider etwas weiter zurückgehen. Aber immerhin, in den 70ern wird man fündig. 1978 brachte Boney M. „Mary’s Boy Child/Oh my Lord“ heraus, ein Cover von Jester Joseph Hairstons bereits 1956 entstandenem Song. Im Text finden sich so schöne Zeilen wie „Hark, now hear the angels sing, a king was born today, and man will live for evermore, because of Christmas Day“ (...hör nun wie die Engel singen, dass heute ein König geboren wurde, und der Mensch weiterleben wird, wegen Weihnachten). Und Boney M.'s Version wurde, man höre und staune, mit über drei Millionen Exemplaren weltweit verkauften Exemplaren gar der zweitgrößte Chart-Erfolg der Band-Geschichte.

Ansonsten aber, das muss man leider konstatieren, steht die katholische Weihnachts-Kernbotschaft nicht so sehr im Mittelpunkt der Popsongs, die man gemeinhin mit Weihnachten verbindet. Dafür aber immerhin die Nächstenliebe, die natürlich mit einer christlichen Rückkopplung nochmals stärker wäre. Wer denkt hier nicht sofort an „Band Aid“, das 1984, also vor genau dreißig Jahren initiierte Projekt des irischen Songwriters und früheren Chefs der „Boomtown Rats“, Bob Geldof? „Do they know it's Christmas time?“ (Wissen Sie, dass Weihnachten ist?) hieß der Song zugunsten Afrika, und alle britischen Popgrößen kamen damals zusammen. Lesern, die zu jener Zeit in der Adoleszenz waren, dürfte bei der Erinnerung warm ums Herz werden. Alle waren sie dabei, von Bananarama, Phil Collins und Sting über Duran Duran bis hin zu Paul Young und natürlich George Michael, der in Gestalt von „Last Christmas“ mit Wham ja schon vorgelegt hatte. Und der übrigens später, nämlich 2009, in einem weiteren Weihnachtstrack dann doch endlich Jesus erwähnte. „Here was always Christmas time, Jesus came to stay, I could believe in peace on Earth” (Hier war stets Weihnachten, Jesus kam und ich konnte an den Frieden auf Erden glauben), erklang seine Stimme im „December Song (I dreamt of Christmas)“.

Geldofs „Band Aid“, übrigens ein Wortspiel mit dem englischen Wort für Pflaster, also „bandaid“, sprach immerhin das Gebet als solches an: „But say a prayer to pray for the other ones at Christmas time, it's hard, but when you're having fun. There's a world outside your window“ (Bete zu Weihnachten für die anderen, auch wenn es schwer ist, weil Du Spaß hast. Doch es gibt eine Welt außerhalb Deines Fensters).

Wie gesagt, Menschenliebe ist gerade zu Weihnachten angebracht, besonders angesichts der Tatsache, dass Josef, Maria und das Jesus-Kind kurz nach der Niederkunft bitterarm nach Ägypten fliehen mussten. So animierte der britische Hilfe-Song sodann auch die amerikanischen Pop-Heroen dazu, nachzuziehen. Mit dem vielleicht sogar schöneren Song. „We are the world“ lautete dieser, komponiert von Michael Jackson und Lionel Ritchie, den neben diesen selbst Popgrößen wie Huey Lewis, Tina Turner, Diana Ross, Lionel Ritchie, Stevie Wonder und Cindy Lauper intonierten. Leider auch nur mit einer humanistischen Variante der katholischen Botschaft. Gott kommt zwar vor, aber ziemlich flach: „We're all a part of God's great big family – And the truth – you know love is all we need“ (Wir gehören alle zu Gottes großer Familie – und die Wahrheit ist, weißt Du – Liebe ist alles, was wir brauchen). Irgendwie wünscht man sich wirklich, dass es auch heute mal wieder eine klare christliche Botschaft von Gläubigen in der Popmusik gäbe. Die letzte stammt immerhin auch schon aus den 80ern. „Mr. Mister“ hieß die Band, bekannt wurde sie durch „Broken Wings“ (Gebrochene Flügel) und dann wagten ihre evangelikalen Mitglieder es gar, „Kyrie Eleison“ zu veröffentlichen. Dort heißt es: „Where I'm going, will you follow – Kyrie eleison – On a highway in the light.“ Eine klare Ansage, Jesus nachzufolgen.

Wahrscheinlich muss man auf solche klaren Worte in der Popkultur leider weiterhin warten. Zum 30. Geburtstag von „Band Aid“ startete Bob Geldof eine Neuauflage, um für die Ebola-Opfer zu spenden. In Großbritannien und erstmalig auch in Deutschland. Und erregte damit eine Kontroverse. So löblich das Ansinnen gewiss ist, so berechtigt war auch die Kritik daran. Etwa die Absage des britischen Superstars Adele, die lieber in aller Stille spendete, wie später offenbar wurde. Und so ganz biblisch handelte. Schon in der Bergpredigt sagte Jesus (Matthäus 6, Verse 3 und 4): „Wenn du nun Almosen gibst, sollst Du es nicht ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage Euch, Sie haben schon ihren vollen Lohn.“ Nun sollen diese Worte Jesu gewiss kein Verbot von Spendenaufrufen sein, das wäre ja absurd. Aber fraglos sind sie eine Mahnung gegenüber der Vanitas, der Eitelkeit. Man würde gerne wissen, was die Musiker außerhalb von Band Aid so spenden.

Und dennoch, möge Selbstgerechtigkeit, der Drang nach Aufmerksamkeit oder was auch immer die Ursache für soziales Engagement von Künstlern sein – wir Christen sollten nicht urteilen, schon gar nicht, wenn eine Spendenaktion letztlich Menschen hilft. Klar, auch bei der deutschen Variante von Band Aid 30, an der unter anderem Jan Delay, Michi Beck (Fantastische Vier), Max Raabe, Wolfgang Niedecken, Udo Lindenberg, Silbermond und viele andere beteiligt waren, mögen alle möglichen Motive im Raum gestanden haben. Geholfen wird damit trotzdem.

So mag man in der Tat beklagen, dass Christus bei so gut wie allen popkulturellen Weihnachts-Phänomenen kaum noch oder gar nicht im Mittelpunkt steht. Aber das entspricht auch sonst dieser Zeit. Anstatt sich aber in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, sollte man doch viel besser Weihnachten und ergo die Geburt des Herrn zum Ansporn nehmen, um getreu Matthäus 28, Verse 19 und 20 einen guten Vorsatz für das neue Jahr fassen: „Darum gehet hin und machte zu Jüngern alle Völker: taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Oder wie der Rapper und Popstar Dr. Alban sagen würde: „Sing Hallelujah!“ (Singt Halleluja!)

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