„Weckt die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“

Wie kann das Aufführen geistlicher Musik wieder neuen Schwung bekommen? Gedanken zur Zukunft der Kirchenmusik

Über die Zukunft der Kirche wird derzeit von vielen nachgedacht – auch über die der Kirchenmusik – ob auf dem Kongress zur Erneuerung der Kirchenmusik, der im Oktober letzten Jahres in Bern stattfand oder der Internationalen Orgelwoche Nürnberg Musica sacra, die sich vom 3. bis 12. Juni dieses Jahres dem Thema Zukunft widmen wird.

Dass Musik in der Kirche von morgen eine Rolle spielen wird, ist unstrittig. Warum dies so ist, kann man von den Heiden lernen. Dort, wo sich Menschen mit neopaganer Spiritualität beschäftigen, feiern sie sehr schnell gemeinsam Rituale und beginnen zu singen. Es ist interessant, zu beobachten, wie sich beispielsweise in Wicca Groves oder auf Druidentreffen in Großbritannien neue, schlichte aber wirkmächtige liturgische Strukturen entwickeln, die wesentlich musikalisch basiert sind und alle Feiernden einbeziehen. Ganz ähnlich wie in der frühen Kirche erweisen sich die Erfahrungen mit und in diesen Klangräumen als essenziell, um die jeweilige Botschaft in den Herzen der Gläubigen Wurzeln schlagen zu lassen. Es macht also Sinn, zusammen mit derjenigen der Kirche auch über die Zukunft der Kirchenmusik nachzudenken. Unterlassen wir dies, wäre folgendes Szenario wahrscheinlich: Eine zahlenmäßig kleiner werdende Kirche begreift die gründlich erlernte Fähigkeit, vor Gott zu singen und zu spielen als Folgedienst, etwas Nachrangiges, dem man sich widmet, wenn man irgendwann einmal Zeit und Geld dafür übrig hat. Die Konsequenz wäre, professionelle Kirchenmusik zu vernachlässigen, den Gedanken an eine flächendeckende Versorgung mit Schwerpunktstellen, deren Inhaber als Multiplikatoren wirken können, aufzugeben und auf das Engagement ambitionierter Laien zu bauen. Warum dies keinen Sinn macht, lehrt ein Blick in die Gemeinden. Menschen, die sich dort kirchenmusikalisch engagieren, gehören zu den konstanten Größen in der Pfarreiarbeit. Ob als nebenamtliche Organistin, Chorleiter oder Sängerin im Kinder-Jugend-, Kirchen-, Familienchor oder Choralschola – wer Kirchenmusik macht, arbeitet mit großer Regelmäßigkeit und bemerkenswerter Treue am Aufbau des Reiches Gottes mit. Sie alle aber brauchen inspirierende Motivatoren, die ihnen die hierfür grundlegenden Fertigkeiten vermitteln, mit ihnen gemeinsam dem Herrn ein neues Lied singen und dafür sorgen, dass der Orgelklang und die Chöre nicht verstummen, weil sie wissen, wie man ein Instrument erlernt, wo man passende Noten für den Chor findet oder was zu tun ist, wenn ein übereifriger Spieler einmal zu fest zugelangt hat und deshalb ein Register ausgefallen ist. Diese Motivatoren aber dürfen nicht schwer erreichbar 50 Kilometer entfernt in der nächsten Stadt wohnen, sie müssen vor Ort greifbar sein, sodass man nicht nur leicht ihren Unterricht besuchen, sondern ihnen auch im Alltag bei der Musikausübung zuhören und so von ihrem lebendigen Beispiel lernen kann.

Dass auch Motivatoren der Inspiration bedürfen und sie in bemerkenswertem Facettenreichtum bekommen, zeigte der Kongress zur Erneuerung der Kirchenmusik, der vom 21. bis 25. Oktober in Bern stattfand. In Gottesdiensten, Konzerten und Workshops wurde hier gesungen und gespielt und in Vorträgen und Podiumsgesprächen über die Rolle der Kirchenmusik nachgedacht. Konstatiert wurde von Thomas Gartmann, dem Präsidenten des Kirchenmusikkongresses, die fortschreitende Entfremdung zwischen neuer Musik und Kirchenmusik.

Dies ist auch ein Echo, das man von der Kirche Fernstehenden erhält. Philip Carr-Gomm, Leiter des Order of Bards, Ovates und Druids, antwortete kürzlich in einem Interview auf die Frage, was er von der christlichen Liturgie gelernt habe: „Aus meiner Erfahrung liegt unglaubliche Schönheit und Kraft in vielem der christlichen Liturgie, aber ich finde auch, dass vieles von altmodischen Gefühlen verstellt wird – als ob der Gottesdienst eine Form des ,historischen Re-enactments‘ wäre, das in eine andere Zeit gehört. Dennoch empfinde ich die Jahrhunderte der Tradition und die Schönheit der Sprache, Musik, Kunst und Symbolik innerhalb des Christentums als sehr aufrichtend, und es wäre wundervoll, wenn man diese Stufe der ästhetischen Raffinesse auch während druidischer Rituale präsentieren könnte.“

Offenkundig wirkt Kirchenmusik also, egal ob es sich dabei um alte oder neue Musik handelt, zugleich ästhetisch anziehend und fremd. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Es mangelt denen, die singen und spielen, mitunter an lebendigem Glauben. Und dann wird Professionalität zu genau dem Problem, das Paulus im Korintherbrief bereits im Hinblick auf die Verkündigung thematisiert.

Ohne die Liebe ist alles, was im Gottesdienst gesagt und gesungen wird, nur leeres Getön. Auf dem Kongress in Bern ging es folgerichtig um die Frage, wie man im Bereich der sakralen Musik Relevantes schaffen könne, das verständlich, aber zugleich herausfordernd ist. Denn eins ist klar, Musik im Gottesdienst darf und soll auch aufwecken. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist kein Narkotikum, das der singenden Gemeinde ein gutes Gefühl vermittelt und die Liedzeile „Weckt die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“ ein notwendiger Anstoß, besonders auf das zu reagieren, was der Geist den Gemeinden heute sagt. Kirchenmusiker taten sich damit vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil lange schwer.

Viele beklagten, wie es noch der Schriftsteller Thomas Hürlimann bemerkenswert bitter in seinem Eröffnungsvortrag zum Kongress zur Erneuerung der Kirchenmusik in Bern tat, „die Dekonstruktion der tridentinischen Messe“ als „unser Palmyra“, in dem „eines der größten sakralen Kunstwerke der Menschheit … per Konzilsdekret vernichtet“ wurde“. Doch wenn man genau hinsieht und -hört, wirft dieses Statement Fragen auf. Ja, vor der Liturgiereform hatten Kirchenmusiker mehr Möglichkeiten, Musik ihrer Wahl zu realisieren. Aber der Preis dafür war, bei Licht betrachtet, hoch. Denn Musik war nicht Verkündigung, sondern Umrahmung oder Untermalung. Hübsche Zutat also, eine nette Abrundung, aber nicht essenziell. Viele Kirchenmusiker ziehen es heute jedoch vor, wenn das, was sie singen oder spielen, als Glaubenszeugnis, als Verkündigung ernst genommen und ein gesungenes Gloria, Credo oder Sanctus nicht erst durch das leise rezitierte Gebet des Priesters zum Tun des Volkes, zur Liturgie wird. Daraus folgt natürlich, dass man „Lasst uns miteinander“ ebenso wenig „zum“ Gloria singen kann wie „Kein schöner Land in dieser Zeit „zur“ Nationalhymne, eine Einsicht, die Kirchenmusiker nicht selten gegen den engagierten Einspruch pastoraler Mitarbeiter und die von ihnen angeleiteten ambitionierten Laien verteidigen müssen. Aber die freundliche und fundierte Erklärung der Zusammenhänge lohnt sich. Denn wenn sich herumspricht, welche grundlegende Rolle jeder Einzelne bei der Feier der Eucharistie, der Tagzeitenliturgie oder dem klingenden Wortgottesdienst spielt, wird das Diktums Hürlimans auf dem Kirchenmusikkongress in Bern, dass Kirchenmusiker aller Konfessionen „auf einem fast schon verlorenen Posten“ stehen, weil „die meisten Gottesdienste, ob reformiert oder katholisch… das ästhetische Empfinden“ verletzen und „das sakrale Geheimnis nahezu verschwunden“ sei, ad absurdum geführt. Denn wer von ganzem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen, weil die innere Überzeugung seiner Stimme einen besonderen Klang verleiht, der jenes Geheimnis zu tönender Wirklichkeit werden lässt, dessen vermeintlichen Verlust Hürliman beklagt.

Um dies auch in der Zukunft zu ermöglichen braucht die Kirche engagierte, gut ausgebildete, in lebendigem Glauben leuchtende Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, die dabei mithelfen, dass das Ohr der Gläubigen offen bleibt und Herz und Stimme beim Gebet miteinander in Einklang sind. MP

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