Was ist religiöse Neurose?

Zwischen den Sinnen und der Sehnsucht nach Gott – Über Irrewege des Lebens, aus denen letztlich nur wahrer Glaube herausführt. Von Martha von Jesensky
Foto: IN | Augustinus fand in der Heiligen Schrift den Weg zum richtigen Leben.

Die meisten Menschen haben ein Gefühl für das Wertvolle. Sie verspüren ein ungeschriebenes allgemeingültiges Gesetz in sich, das sittlich wertvoll ist – unabhängig von ihrer religiösen Einstellung. Es handelt sich unter anderem um Tugenden, wie Güte, Ehrlichkeit, gerechtes Verhalten, selbstlos anderen zu helfen, alles Qualitäten, die sich durch sich selbst, durch ihrem Gehalt rechtfertigen. Nur Wertblinde erkennen sie nicht.

Dieses sogenannte „Wertfühlen“ oder „Wertefassen“ (Max Scheler) meint aber nicht jene seelischen Zustände, die Psychologen Lust oder Unlust nennen, sondern es sind Erkenntnisse von sittlichen Werten, moralische Ideale, die unabhängig von unseren Befindlichkeiten existieren – und wegen ihrer „Wesenheiten“ (Edmund Husserl) unwandelbar sind. So zum Beispiel auch das Ideal von der vollkommenen Liebe oder Güte. Beide haben mit Erkenntnis und Erfahrung zu tun. Denn nur das, was erkannt und gefühlt wird, kann wirklich geliebt werden.

Das hat auch der Philosoph Max Scheler (1874–1928), der diese Begriffe einführte, an sich selber ausprobiert. Seine Geisteshaltung wurde sogar von Edith Stein (1998 heiliggesprochen) bewundert. Sie erlebte ihn während ihrer Studienjahre in Göttingen 1913 so: „Der erste Eindruck, den Scheler auf mich machte, war faszinierend. Nie wieder ist mir an einem Menschen so rein das ,Phänomen‘ der Genialität entgegengetreten.“ (Vgl. Edith Stein, „Aus dem Leben einer jüdischen Familie“, 1965, S. 182)

Im Jahre 1916 konvertierte Scheler zum Katholizismus, an Ostern empfing er öffentlich im Kloster Beuron die Sakramente der Kirche. Dann aber, im Jahre 1923, wandte er sich unter dem Ansturm persönlicher Ereignisse (er liebte zwei Frauen gleichzeitig) von der Kirche ab und erklärte, dass er sich nie als Katholik gefühlt habe. Seine Begründung war, dass er jetzt den vitalen Drang der Triebe als das Ursprünglichste und Mächtigste im Menschen erkannte. Der Geist und seine moralischen Ideale sind gegenüber dieser Macht des Blutes ohnmächtig, das Gute muss sich erst evolutionär im Laufe der Geschichte entwickeln – so auch „der gute Gott“. (Vgl. Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie, Bd. II, S. 600)

Glücklich wurde Scheler dabei nicht. Es plagten ihn Ohnmacht und Schuldgefühle. Dazu kam noch, dass er bei allen Aktivitäten und Arbeitsintensität an einer fortschreitenden Vereinsamung litt. „Ich bin ganz in meinem intimen Selbst eingeschlossen – wie in einem Gefängnis und habe keinen Freund, vor dem ich mich öffnen könnte.“ (Brief an Märia Furtwängler, 29. Juli 1927)

Die religiöse Neurose äußerte sich bei ihm darin, dass er sich einerseits als Sklave seiner Triebe fühlte und anderseits als ein „Wesen, angetrieben von der Sehnsucht, Gott im Gebet zu suchen“.

Ganz anders beim Kirchenvater Augustin Aurelius (354-430), auf den sich Scheler während seiner katholischen Periode berufen hatte. Für Augustin ist die höchste Form der Liebe die Gottesliebe. Auch er hat, wie Scheler und die meisten Menschen, eine Phase des intensiven Verliebt-Seins erlebt, doch immer begleitet von einer gewissen Unruhe, dass da noch etwas fehlt. Er machte sich dann auf, dieses Unruhe stiftendes Vakuum in seiner Seele zu ergründen – und ruhte nicht, bis er zur Entdeckung der Liebe aus Gott fand. Etwa so: „amor, ergo sum“ (ich werde geliebt, darum bin ich). Diese Entdeckung geschah in einer Tiefe – die „tiefer ist als alle Tiefe in mir und höher als alle Höhe in mir“.

Auch die Frage nach dem Bösen war ihm allgegenwärtig. Er vertrat, ehe er sich zum Christentum bekehrte, vehement die Lehre einer Sekte (Manichäer), wonach das Böse und das Gute von Anbeginn der Welt als voneinander unabhängige Kräfte existieren und miteinander ringen. Doch mit 33 Jahren ließ er sich taufen. Er erkannte, dass das Böse die Abwesenheit all dessen ist, was sein sollte –, die Beschädigung der Ordnung Gottes. (Vgl. Leszek Kolakowsi, 2006)

In seinem berühmten „Bekenntnisse“ erfahren wir, wie er sich vor Gott vollkommen entblößte, indem er schonungslos seine Fehler bekannte. Dieser Akt der „Selbsterniedrigung“ zerstörte aber sein Selbstvertrauen nicht, im Gegenteil, sie brachte ihm Frieden und Schwung, um sich noch mehr in die Arme Gottes zu werfen. Er hat klar erkannt, dass er zu lange „unterwegs“ war, dass er mit einer allzu fleischlicher Liebe geliebt hat, um geliebt zu werden. Den Weg dieses Prozesses kennen wir aus den „Bekenntnissen“, ein Werk, das heute noch an Bedeutung nichts verloren hat. Und wie ist es – könnte man hier fragen –, wenn jemand seine Liebe zu einem Menschen offen bekennt? Nach Wolfram Ellenberger, Chefredakteur des Philosophischen Magazins, ist diese Art des Bekenntnisses immer mit Angst verbunden, es sei, man wisse im Voraus, dass man geliebt wird. Denn, folgt man dem Mythos „Von Sehnsucht verzehrt“, stößt man auf die Erkenntnis, dass Liebe und Angst sich gegenseitig bedingen. Ellenberger: „Zu keinem Zeitpunkt der Existenz erfahren wir uns als verletzlicher, unsicherer, ausgesetzter, machtloser als in dem Moment, in dem wir einem anderem Menschen anvertrauen, ihn zu lieben.“

Auch die Schriftstellerin Silvia Bovenschen (70), die sich selbst, wie der bekannte Soziologe Jürgen Habermas (geb. 1929) als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet („ich bin nicht besonders fromm“), hat analoge Erfahrungen gemacht. In einem Interview sagt Bovenschen: „Wenn man sich verliebt, dann geht es nicht um die Frage, ob der andere meine vermeintlichen Reichtümer entdeckt oder ob ich sie mit ihm teilen kann oder ob neue hinzukommen. Die Ausgangsposition ist im Gegenteil eher eine Art der Entwaffnung, die mit der Preisgabe zusammenhängt. Und in dieser Entwaffnung ist man kein Individuum mit einem reichen Innenleben, sondern man ist eigentlich niemand… eine arme Sau.“ (Philosophisches Magazin Nr. 04/2017) Es ist nicht schwer zu erkennen, dass in diesem Bekenntnis eine tiefe Angst vor Versenkung in die Bedeutungslosigkeit mitschwingt, die man – so wenigstens meine Erfahrung – oft gerade bei „religiös unmusikalischen“ Menschen antrifft. Nicht aber bei Menschen, die unter der Diskrepanz ihrer Liebe zum Göttlichen und der Unfähigkeit dieser Liebe zu entsprechen leiden. Darin unterscheidet sich die religiöse Neurose von der gewöhnlichen, das heißt, psychologisch definierten, die, einfach ausgedrückt, ein Sammelbegriff für nichtbewältigte fundamentale Lebensaufgaben ist.

Was nun? Auch Augustin stellte sich in seiner Ausweglosigkeit diese Frage. Während er in seinem Garten hin und laufend darüber nachdachte, vernahm er eine Kinderstimme, die eine Art wiederholten Refrain sang: „Tolle – lege, tolle – lege“; nimm und lies, nimm und lies! Er nahm die vor ihm liegende Heilige Schrift in die Hände und stieß auf die Stelle: „Schluss mit Schlemmereien und Ausschweifungen… zieht den Herrn Jesus Christus an…“ (Römer 13, 13 f.) Von da an wurden die Evangelien der Maßstab seines Lebens und Wirkens.

Natürlich muss man bei einem solchen „Durchstarten“ immer mit Rückfällen rechnen. Dennoch sollte man versuchen den „Stachel im Fleisch“ (Paulus) behutsam herauszuziehen, sonst könnte er eitern und wehtun.

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