Was ein Mensch ist

Die Amazon-Serie „Philip K. Dick?s Electric Dreams“ stellt auf verschiedene Weise die Frage danach, was Realität ist und was den Menschen ausmacht. Von José García
Philip K. Dick's Electric Dreams
Foto: Amazon Video | Der weibliche Kommunikationsroboter Alice (Janelle Monáe) soll eine Abordnung der Menschen in die von einer künstlichen Intelligenz gesteuerte Fabrik bringen. Aus der Folge „Autofac“.

Künstliche Intelligenz (KI) ist bereits jetzt dabei, die Welt zu verwandeln. „So wie die Dampfmaschine und die Elektrizität das in der Vergangenheit gemacht haben, verändert nun die Künstliche Intelligenz die Welt“, sagte der für den Digitalen Binnenmarkt zuständige stellvertretende EU-Kommissions-Präsident Andrus Ansip vergangene Woche. Im Zusammenhang mit der KI stellen sich jedoch nicht nur technische Fragen. In einem „Tagespost“-Interview sprach kürzlich der Heidelberger Medizintechniker Axel W. Bauer von bioethischen und juristischen Diskussionen darüber, „ob man in naher Zukunft nicht womöglich bestimmten ,Artefakten?, etwa einem intelligenten Roboter, Menschenrechte und Menschenwürde zubilligen müsste“. Bauer sagt voraus: „Wir werden uns in absehbarer Zeit mit der Frage beschäftigen müssen, ob die Würde des Menschen als metaphysisch objektive Eigenschaft künftig weiterhin an die Biologie unserer Spezies oder bloß noch an die Leistungsfähigkeit eines Artefakts geknüpft werden soll“ (DT vom 19. April).

Mögliche Folgen solcher Entwicklungen zeigen Science-Fiction-Autoren zwar in künstlerischer Freiheit, jedoch auch mit mal mehr, mal weniger Verankerung in der Wirklichkeit auf. Zu den wichtigsten Autoren, die sich mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten menschlichen Schöpfungen widmen, gehört der US-Amerikaner Philip K. Dick (1928-1982). Dick schrieb 118 Kurzgeschichten und 43 Romane. Auf ihnen basieren so bekannte Spielfilme wie Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) oder Steven Spielbergs „Minoriy Report“ (2002). Darin spricht der Autor Fragen an, die seinerzeit als „Science-Fiction“ angesehen wurden, die aber heute Wissenschaftler und Ethikexperten bewegen. Sie laufen letztendlich auf das Denkspiel hinaus: Können menschliche Schöpfungen genauso menschlich oder gar menschlicher sein als Menschen? Was macht einen Menschen aus? Mit dieser Frage geht nicht nur eine Suche nach der eigenen Identität einher, sondern auch die Bedrohung des Transhumanismus.

„Blade Runner“ basierte auf Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ („Do Androids Dream of Electric Sheep?“, 1968). Daran lehnt sich der Titel einer vom britischen Channel 4 produzierten, zehnteiligen Fernsehserie an, die auf Dicks Kurzgeschichten zurückgeht: „Philip K. Dick?s Electric Dreams“, die in Deutschland von Amazon Video ausgestrahlt wird.

„Philip K. Dick?s Electric Dreams“ wurde als sogenannte Serien-Anthologie konzipiert: Jede Folge steht für sich, jedes Kapitel ist ein 50-minütiger Einzelfilm. In der Serie spielen eine ganze Reihe amerikanischer und britischer Stars mit, Regie führen zehn verschiedene Filmemacher, und auch das jeweilige Drehbuch stammt von einem anderen Autor oder Autorenduo. Auch wenn Philip K. Dick die Erzählungen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren schrieb, wurden sie in die heutige Zeit beziehungsweise in die Zukunft gesetzt. Allerdings: Einigen dieser Filme merkt man ihr Alter an. Bei einigen ist die Handlung selbst für 50 Minuten zu sehr in die Länge gezogen. Deshalb sind die Folgen nicht nur voneinander verschieden, sondern auch von unterschiedlicher Qualität.

Eine Gemeinsamkeit haben sie jedoch: Die Filme kreisen immer wieder um die Fragen, die Philip K. Dick offensichtlich am wichtigsten waren: „Was ist Wirklichkeit?“ respektive „Was bedeutet es, Mensch zu sein?“. Die erste Folge „Das wahre Leben“ („Real Life“) stellt anhand von zwei sehr unterschiedlichen Menschen, die in zwei Parallelwelten auf zwei Zeitebenen leben, die aber offenbar dieselbe Person sind, die Frage: Was ist real, was ist Traum? Im 9. Kapitel „Der Pendler“ („The Commuter“) entdeckt ein Bahnarbeiter eine Parallelwelt, die Kleinstadt Macon Heights, die eine perfekte Welt zu sein scheint. Wobei der Akzent auf „scheint“ liegt.

Was Menschsein ausmacht, behandelt die Serie ausdrücklich in mehreren Folgen: Sowohl in „Menschlich ist…“ („Human Is“) als auch in „Das Vater-Ding“ („Father Thing“) bemächtigt sich jeweils eine außerirdische Lebensform des Körpers eines Menschen. Paradox dabei ist es, dass sowohl der Ehemann im ersten als auch der Vater im zweiten Kapitel dadurch liebevoller werden. „Opferbereitschaft, Güte, Liebe“ werden ihnen bescheinigt – lauter menschliche Eigenschaften. In „Crazy Diamond“ wird das „Quanten-Bewusstsein“, das als „was früher Seele genannt wurde“ bezeichnet wird, in Chimären oder in künstlich hergestellten „menschlichen“ Körpern implantiert. Sind sie deshalb menschlich?

Um Künstliche Intelligenz im strengen Sinne geht es insbesondere in der zweiten, wohl besten Folge der Reihe „Autofac“. Nach einem Unfall, der fast die gesamte Menschheit ausradiert hat, stellt eine automatisierte Fabrik ihre Produkte weiterhin her. Die verbliebenen Menschen wollen sie stoppen, wofür sie aber gegen den Selbsterhaltungstrieb der KI kämpfen müssen. Diese Folge stellt sich als die verstörendste heraus, nicht nur wegen der Schlusswendung, sondern auch weil sie etwas anspricht, was bereits jetzt aktuell wird: Was passiert, wenn der Mensch die Kontrolle über die Maschine verliert?

„Philip K. Dick?s Electric Dreams“ bleibt nicht wie die meisten Science-Fiction-Filme und -Serien bei der Zeichnung eines dystopischen Zukunftsszenarios stehen. Die Serien-Anthologie stellt grundlegende Fragen des Menschseins, mit der wir uns in absehbarer Zeit werden auseinandersetzen müssen.

„Philip K. Dick?s Electric Dreams“. 10 Folgen mit je ca. 50 Minuten, Amazon Video

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Heribert Vollmer
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